München. Am Eingang geht es schlimmer zu als beim Sicherheitscheck der Lufthansa. Dutzende Uniformierte versuchen, die heranstürmenden Menschenmassen in geregelte Bahnen zu leiten. Mit ernsten Gesichtern tasten sie die Besucher mit Metalldetektoren ab und kennen keine Gnade. Sie konfiszieren Nasenspray und Frühstücksapfel - alles, was als potenzielles Wurfgeschoss taugt oder später noch zur explosiven Flüssigkeit zusammengemengt werden könnte.
Starkwind, aber kein Orkan: Siemens-Akrtionäre schonen den Vorstand© Johannes Simon/Getty Images

Denn explosiv wird die Versammlung auch so, fürchten die Veranstalter. Tausende Aktionäre drängeln sich eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn vor den Toren der Münchener Olympiahalle. Viele davon schimpfen heftig auf das Management. "Ein Sauhaufen" sei das, zumindest eine "beispiellose Schweinerei". Viele Tausend haben sich schon auf den Rängen einen Platz gesucht und diskutieren mit hochroten Köpfen. Sie alle wollen hören, was Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer den Aktionären an diesem Donnerstag zu sagen haben. Die haben eine ganze Menge zu erklären.

Seit Monaten steht das deutsche Traditionsunternehmen so heftig im Kreuzfeuer der Kritik wie nie zuvor und wie auch kein anderes zuvor: Erst schlidderte die ehemalige Handysparte Siemens mobile in die Pleite. Nur ein Jahr, nachdem der Konzern sie an den taiwanesischen Hersteller BenQ verkauft hatte. Das kostete mehr als 3000 ehemalige Siemensianer den Job. Ein "Desaster" und "unglaubliches Missmanagement" nennen es viele Aktionäre. Fast zeitgleich genehmigte sich der Vorstand eine satte Gehaltserhöhung um rund 30 Prozent, für erfolgreiche Unternehmensführung und besondere Leistungen in der jüngsten Vergangenheit. Der Aufsichtsrat segnete es ab.

Seit dem 15. November aber überschlagen sich die Ereignisse. Siemens durchlebt "die schwerste Krise seiner Geschichte", so fasst es ein Aktionärssprecher an diesem Tag zusammen. Seither ist klar, dass hochrangige Ex-Mitarbeiter in einen der größten Schmiergeldskandale der Republik verwickelt sind. Erste Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München sollen ergeben haben, dass leitende Mitarbeiter bereits in den neunziger Jahren schwarze Kassen in Österreich, der Schweiz und in Liechtenstein angelegt haben. Zeitweise sollen 75 bis 100 Millionen Euro jährlich über diese Schwarzgeldkonten geflossen sein.

Siemenschef Kleinfeld selbst sagt sogar, dass der Konzern den Abfluss von 420 Millionen Euro noch nicht erklären könne. Das ist das "maximale Gefährdungspotenzial", so nennt er das. Mit diesem Geld sollen zahlreiche Auftraggeber im Ausland geschmiert und Mitwisser zum Schweigen gebracht worden sein.