Ohrensause Es lebe die Zuvielfalt!

Wer nichts kann, wird Kult. Die Sun City Girls aus Amerika können alles: In ihren Liedern erklingt die ganze Welt. Gregor Kessler hat das Herrentrio in Berlin getroffen


          Die Sun City Girls bei der Arbeit
          
            Hören Sie hier ihr Stück
            "Apna Desh"

Die Sun City Girls bei der Arbeit Hören Sie hier ihr Stück "Apna Desh"

Die große Wiedervereinigung ist angesetzt. Nur noch ein Weilchen, und Asien, Amerika, Afrika, Australien und Europa werden wieder ein Kontinent sein. Das berichten jedenfalls amerikanische Plattentektoniker. Wer nicht 100 Millionen Jahre warten möchte, bis es so weit ist; wer jetzt und heute hören will, wie Musik klingt, die javanischen Gamelan mit südamerikanischen Rhythmen aus den Hochanden tanzen lässt, die einen Strudel aus freiem Jazz, psychedelischen Gitarrenläufen, indischen Ragas und Beat-Poetry-Freestyles anrührt; wer wissen möchte, wie das musikalische Mittelerde klingt, der muss sich nur drei Worte merken: Sun City Girls – ein ewigliches Geheimnis des amerikanischen Untergrunds.

Mädchen sucht man seit ihrer Gründung vor 25 Jahren vergeblich in der Band. Die Sun City Girls bestehen wie eh und je aus den Brüdern Alan (Bass) und Rick Bishop (Gitarre) sowie dem Perkussionisten Charles Gocher. Doch wer ganz an den Anfang zurückspult, der landet tatsächlich in Sun City, Arizonas Biotop golfspielender Rentner, eine Retorten-Stadt vor den Toren Phoenix'. Durchschnittsalter der Einwohner: 75 Jahre.

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Kein Problem, dachten sich Vater und Mutter Bishop, als sie Ende der Siebziger ein Haus in Sun City kauften, um sich zur Ruhe zu setzen. Dann dauerte der Verkauf ihres Geschäfts in Michigan zwei Jahre länger. „Rick und ich zogen schon mal allein ein“, erinnert sich Alan Bishop heute. Damals war er gerade 18 und sein Bruder ein Jahr älter. „Wir wohnten also illegal in Sun City, weil wir 40 Jahre zu jung waren.“ Sie schlossen die Tür, um im geriatrischen Wohlstand nicht aufzufallen, zogen die Gardinen zu, um nicht die Korsos elektrobetriebener Golfautos sehen zu müssen – und begannen, Musik zu machen. Erst allein, dann – nachdem sie sich eine Wohnung in Phoenix gesucht hatten – auch mit anderen. „1980/81 spielte jeder von uns in zehn verschiedenen Bands“, sagt Alan. In einer davon, Paris 1941, zusammen mit Maureen Tucker , jener androgynen Frau, die ein paar Jahre zuvor auf das winzige Schlagzeug von The Velvet Underground eingeprügelt hatte.

Ein Vierteljahrhundert und ein Berg von Tape-, Vinyl- und CD-Veröffentlichungen später besteht die Band noch immer aus Bishop, Gocher, Bishop. Ihr erster kontinentaleuropäischer Auftritt bei der Eröffnung der Transmediale in Berlin Ende Januar 2007 ist als 360-Grad-Panoramablick durch die umfangreiche Sun-City-Girls-Werkausgabe angelegt: Rick Bishop – in Haltung und Dresscode (diese Strickweste!) einem gebeugten Studienrat ähnelnd – bringt seiner Gitarre pan-arabische Melodien bei. Charles Gocher, dessen spärliches Haupthaar wie ein lichter Antennenwald über seinem hageren Gesicht steht, wirbelt mit der polyrhythmischen Agilität eines Milford Graves über sein Schlagzeug. Und Alan Bishop umarmt seinen Bass wie ein mongolischer Autist, führt innige Tänze mit dem Instrument auf und spielt dabei schwere, schmutzig verzerrte Läufe. Regelmäßig fallen die drei in konvulsisch-vertrackte Improvisationen, deren atemberaubende Richtungs- und Dynamikwechsel zartere Gemüter bald zum Ausgang streben lassen.

Wer bleibt, dem schwindelt bald vor lauter Stilvielfalt: Die schwer durchdringlichen Improvisationen wechseln mit luziden Liedern, die mal orientalischen, mal asiatischen Themen folgen. Es folgen präzis stolpernde Stop-and-Go-Stücke, und mitten im Konzert bricht die Band einen Streit mit einem Herrn aus dem Publikum vom Zaum, der in einer fremden Sprache ausgefochten wird. Schließlich steht der arabisch anmutende Mann auf der Bühne, nimmt sich das Mikrofon und beginnt ein stockendes Lamento, das die Band willig unterstützt. Ein Konzert der Sun City Girls ist sehr besonders.

Wer nichts kann, muss Kult werden, sagen Popzyniker. Die Sun City Girls sind Kult, und gleichzeitig können sie alles. Sie sind lang genug zusammen, um es ohne feste Songstruktur nicht mit der Angst zu bekommen. Schon auf ihrem ersten Album aus dem Jahre 1984 finden sich mehr Stile und Instrumente, als die meisten Musiker in ihrem Leben meistern. Sie haben genug so genannter „Weltmusik“ gehört, um sich in fünf Minuten um die Welt zu spielen. Nur im Westen machen sie selten halt.

„Ich fand die Musik jenseits der westlichen Welt immer spannender als unsere Musik hier“, sagt Alan Bishop. „Die allermeiste Musik im Westen ist so überproduziert, so vorhersagbar arrangiert und komponiert, dass sie keine Herausforderung ist, sondern eine Beruhigung.“ Gute Musik aber solle einem den Kopf verdrehen. „Und das funktioniert mit arabischer, asiatischer, südamerikanischer Musik viel besser.“ Das hat im Falle dieser Künstler womöglich präpubertäre Gründe: Als Kinder in Michigan verbrachten die Brüder viel Zeit bei ihren libanesischen Großeltern. „Der Vater meiner Mutter war ein Meister auf der Oud , und auch im Rest des libanesischen Teils meiner Familie gibt es viele Musiker. Wann immer sie zu Besuch kamen, spielten sie stundenlange Jamsessions.“ Oft improvisierte die Verwandtschaft die ganze Nacht.

Das muss die kleinen Bishop-Brüder stark geprägt haben. Kaum ist Alan 18, unternimmt er regelmäßige Reisen nach Nordafrika, Südasien und in die arabische Welt. Bis heute verbringt er jedes Jahr vier bis sechs Wochen im Ausland. „Dort mit Musikern zu spielen, ein paar Wochen lang in eine Gesellschaft mit anderen Regeln und Gebräuchen einzutauchen, zu filmen und aufzunehmen, das ist gleichzeitig erholsam und inspirierend für mich“, sagt er. Die Klangdokumentation ist inzwischen auch zu einem bedeutenden Teil seiner Arbeit geworden. Das von Alan Bishop geleitete Label Sublime Frequencies veröffentlicht seit einigen Jahren faszinierende (und unterhaltsame) DVDs und CDs mit Feld- und Radioaufnahmen aus fernen Ländern wie Nordkorea, Kambodscha oder Myanmar.

Diese Einflüsse zeigen sich auf den Platten der Sun City Girls. Deshalb sind sie so schwer einzuordnen. „Früher haben uns viele Kritiker einen Hang zu Zappa unterstellt, vermutlich weil Zappa nicht richtig in eine Schublade gepasst hat – dabei fand keiner von uns Zappas Musik besonders toll.“

Heute haben die Kritiker es einfacher. Inzwischen steht ein gigantischer Container neben den kleinen Kistchen namens Folk und Ethno und Rock und Jazz. In den wird alles gekippt, was zu sperrig ist. New Weird America steht drauf, und drin liegt alles von Espers' Britfolk über die Krautrocker No-Neck Blues Band bis hin zu dem neo-tribalistischen Animal Collective . Alan Bishop kann mit all dem wenig anfangen. Das Wenigste davon sei tatsächlich „weird“. Dass die Sun City Girls im Zuge dieses Hypes häufiger zitiert werden als jemals zuvor in ihrer Laufbahn, interessiert ihn kaum. „Wir sind so weit entfernt von diesen Zirkeln, und wir haben so wenig mit diesen Bands zu tun, dass uns das oft lächerlich vorkommt.“

Ärgerlich sei nur, dass sich die Leute heute nicht mehr so leicht provozieren ließen wie früher. Als die Sun City Girls 1984 erstmalig durch die USA tourten – im Vorprogramm der Skate-Punk-Band JFA – da seien sie jeden Abend in wilden Kostümen, mit Gesichtsbemalung oder Masken auf die Bühne gegangen. Dies allein habe die Punks schon provoziert. Dass ihre Auftritte häufig mehr mit absurdem Theater als einem Rockkonzert zu tun hatten, dass keine Gitarre berührt, aber viel geredet wurde, habe Flaschen und Sandwiches auf die Bühne fliegen lassen. Heute hingegen seien die Leute eher schockiert, wenn der Schockmoment fehle, glaubt Alan.

Bei der Transmediale in Berlin war die Verstörung dennoch groß genug. Ein Viertel des Publikums aus den weichen Theatersesseln der Volksbühne zu jagen, das muss man erst einmal schaffen. Der verbleibende Rest wankte nach 90 Minuten benommen aus dem Saal. Eine Band, die alles sein könne, merkten einige Schlauberger an, sei doch nichts. Vielleicht, gaben andere zu bedenken, müsse man dieser Band aber noch ein paar Jahre länger zuhören, bis man begreife, was sie noch alles sein könnte.

Hören Sie selbst, was die Sun City Girls sein können: Hier sind "Apna Desh" und "Philly Soul LAO"

Auf der Transmediale 2007 spielte auch Mira Calix aus Suffolk. Hier sehen Sie eine Galerie mit Landschaftsbildern, die sie für uns aufnahm

 
Leser-Kommentare
    • ctm
    • 03.02.2007 um 18:27 Uhr

    Besten Dank für den schönen Artikel zu Sun City Girls. Eine Korrektur bleibt allerdings nicht aus: Das Konzert fand zur Eröffnung des CLUB TRANSMEDIALE (CTM) statt nicht zur transmediale. Dementsprechend sollte der Artikel auch auf die webseite http://www.clubtransmediale verweisen.

    Club transmediale und transmediale sind trotz namensähnlichkeit zwei organisatorisch und inhaltlich 100% voneinander unabhängige Festivals, die jedoch zeitgleich stattfinden und miteinander kooperieren.

    mit den besten Grüßen
    CTM

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