Ohrensause Es lebe die Zuvielfalt!Seite 2/2

„Ich fand die Musik jenseits der westlichen Welt immer spannender als unsere Musik hier“, sagt Alan Bishop. „Die allermeiste Musik im Westen ist so überproduziert, so vorhersagbar arrangiert und komponiert, dass sie keine Herausforderung ist, sondern eine Beruhigung.“ Gute Musik aber solle einem den Kopf verdrehen. „Und das funktioniert mit arabischer, asiatischer, südamerikanischer Musik viel besser.“ Das hat im Falle dieser Künstler womöglich präpubertäre Gründe: Als Kinder in Michigan verbrachten die Brüder viel Zeit bei ihren libanesischen Großeltern. „Der Vater meiner Mutter war ein Meister auf der Oud , und auch im Rest des libanesischen Teils meiner Familie gibt es viele Musiker. Wann immer sie zu Besuch kamen, spielten sie stundenlange Jamsessions.“ Oft improvisierte die Verwandtschaft die ganze Nacht.

Das muss die kleinen Bishop-Brüder stark geprägt haben. Kaum ist Alan 18, unternimmt er regelmäßige Reisen nach Nordafrika, Südasien und in die arabische Welt. Bis heute verbringt er jedes Jahr vier bis sechs Wochen im Ausland. „Dort mit Musikern zu spielen, ein paar Wochen lang in eine Gesellschaft mit anderen Regeln und Gebräuchen einzutauchen, zu filmen und aufzunehmen, das ist gleichzeitig erholsam und inspirierend für mich“, sagt er. Die Klangdokumentation ist inzwischen auch zu einem bedeutenden Teil seiner Arbeit geworden. Das von Alan Bishop geleitete Label Sublime Frequencies veröffentlicht seit einigen Jahren faszinierende (und unterhaltsame) DVDs und CDs mit Feld- und Radioaufnahmen aus fernen Ländern wie Nordkorea, Kambodscha oder Myanmar.

Diese Einflüsse zeigen sich auf den Platten der Sun City Girls. Deshalb sind sie so schwer einzuordnen. „Früher haben uns viele Kritiker einen Hang zu Zappa unterstellt, vermutlich weil Zappa nicht richtig in eine Schublade gepasst hat – dabei fand keiner von uns Zappas Musik besonders toll.“

Heute haben die Kritiker es einfacher. Inzwischen steht ein gigantischer Container neben den kleinen Kistchen namens Folk und Ethno und Rock und Jazz. In den wird alles gekippt, was zu sperrig ist. New Weird America steht drauf, und drin liegt alles von Espers' Britfolk über die Krautrocker No-Neck Blues Band bis hin zu dem neo-tribalistischen Animal Collective . Alan Bishop kann mit all dem wenig anfangen. Das Wenigste davon sei tatsächlich „weird“. Dass die Sun City Girls im Zuge dieses Hypes häufiger zitiert werden als jemals zuvor in ihrer Laufbahn, interessiert ihn kaum. „Wir sind so weit entfernt von diesen Zirkeln, und wir haben so wenig mit diesen Bands zu tun, dass uns das oft lächerlich vorkommt.“

Ärgerlich sei nur, dass sich die Leute heute nicht mehr so leicht provozieren ließen wie früher. Als die Sun City Girls 1984 erstmalig durch die USA tourten – im Vorprogramm der Skate-Punk-Band JFA – da seien sie jeden Abend in wilden Kostümen, mit Gesichtsbemalung oder Masken auf die Bühne gegangen. Dies allein habe die Punks schon provoziert. Dass ihre Auftritte häufig mehr mit absurdem Theater als einem Rockkonzert zu tun hatten, dass keine Gitarre berührt, aber viel geredet wurde, habe Flaschen und Sandwiches auf die Bühne fliegen lassen. Heute hingegen seien die Leute eher schockiert, wenn der Schockmoment fehle, glaubt Alan.

Bei der Transmediale in Berlin war die Verstörung dennoch groß genug. Ein Viertel des Publikums aus den weichen Theatersesseln der Volksbühne zu jagen, das muss man erst einmal schaffen. Der verbleibende Rest wankte nach 90 Minuten benommen aus dem Saal. Eine Band, die alles sein könne, merkten einige Schlauberger an, sei doch nichts. Vielleicht, gaben andere zu bedenken, müsse man dieser Band aber noch ein paar Jahre länger zuhören, bis man begreife, was sie noch alles sein könnte.

Hören Sie selbst, was die Sun City Girls sein können: Hier sind "Apna Desh" und "Philly Soul LAO"

Auf der Transmediale 2007 spielte auch Mira Calix aus Suffolk. Hier sehen Sie eine Galerie mit Landschaftsbildern, die sie für uns aufnahm

 
Leser-Kommentare
    • ctm
    • 03.02.2007 um 18:27 Uhr

    Besten Dank für den schönen Artikel zu Sun City Girls. Eine Korrektur bleibt allerdings nicht aus: Das Konzert fand zur Eröffnung des CLUB TRANSMEDIALE (CTM) statt nicht zur transmediale. Dementsprechend sollte der Artikel auch auf die webseite http://www.clubtransmediale verweisen.

    Club transmediale und transmediale sind trotz namensähnlichkeit zwei organisatorisch und inhaltlich 100% voneinander unabhängige Festivals, die jedoch zeitgleich stattfinden und miteinander kooperieren.

    mit den besten Grüßen
    CTM

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