Hooligans "Wie im Gefängnis"

Nach dem Tod eines Polizisten durch Fußball-Hooligans auf Sizilien suchen die Verantwortlichen in Italien nach Mitteln gegen die Gewalt in den Stadien. Wohl vergebens.

Ausschreitungen bei einem Spiel zwischen Neapel und Juventus Turin

Ausschreitungen bei einem Spiel zwischen Neapel und Juventus Turin

Zu Grabe getragen wurde Filippo Raciti wie ein Nationalheld, als wäre der 38-jährige Polizist auf dem Schlachtfeld gegen einen übermächtigen Feind gefallen. Tausende defilierten an seinem in einer Polizeistation aufgebahrten Sarg vorbei. Wortgewaltig und schwulstig wurde des „getreuen Staatsdieners“ auch während der Andacht im Dom von Catania gedacht. Dabei war der Tod des sizilianischen Polizisten beim Derby zwischen Catania Calcio und dem US Palermo am Wochenende nur der letzte einer langen Reihe von Toten, die bei Fußball-Randalen ums Leben kamen.

Die ehedem beste Liga der Welt mit den besten Spielern und den besten Zuschauern scheint konsterniert. Aus dem einstigen Fußball-Eldorado ist ein düsteres Spektakel geworden, das sich oftmals vor fast leeren Rängen ereignet. Die Stadien quollen einst über, die Begeisterung der Tifosi schien einzigartig und unnachahmlich. Die italienische Serie A stellte immer neue Zuschauerrekorde auf. Heute ist der Zuschauerschnitt pro Spiel auf unter 19.000 gefallen. Dazu kommt das Problem äußerst gewalttätiger Hooligans. „Unsere Stadien sind keine Stadien mehr“, sagte der frühere Nationaltrainer Arrigo Sacchi unlängst in einem Interview. „Es sind vielmehr wahre Gefängnisse. Es ist so, als würden in den Stadien Horden von Gefängnisinsassen hausen.“

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Der italienische Fußball ist an einem Tiefpunkt angekommen. Die Fans haben sich nach den Bestechungsskandalen des vergangenen Jahres von den Vereinen abgewandt. Der WM-Sieg konnte nicht viel daran ändern. Zu den Spielen der Profi-Serien A und B kommen immer weniger Zuschauer, und die Tifosi, die im Stadion sind oder ihre Mannschaften zu Auswärtsspielen begleiten, gehören häufig gefürchteten Hooligan-Gruppen an, die von Rechtsradikalen, aber auch vom organisierten Verbrechen, von Mafia und Camorra, unterwandert sind.

In Italien ist es üblich, dass Fangruppen von den Vereinen finanziert werden. Sie erhalten entweder Gratiskarten oder bekommen die Reisen zu Auswärtsspielen bezahlt. Und sie üben einen enormen Druck auf die Klubs aus. „Seit drei Jahren sind wir Geisel der Hooligans“, bekennt Catania-Präsident Antonino Pulvirenti. Wegen wiederholter Ausschreitungen musste sein Klub zuletzt 200.000 Euro Strafe zahlen. Er weigerte sich deshalb, Gratistickets zu verteilen, und musste sich daraufhin beinahe täglich mit den gewalttätigen Hooligans auseinandersetzen. „Wir brauchen die Unterstützung von Kriminellen nicht“, sagt Pulvirenti, „aber alleine kommen wir dagegen nicht an.“

Gegen die Macht der Hooligans hat sich auch Lazio-Präsident Claudio Lotito gestemmt. „Seit zwei Jahren habe ich Personenschutz. Ich habe Morddrohungen erhalten, habe mich aber nicht beirren lassen, auch wenn ich mich oft allein gelassen fühle.“ Die Fans fordern seinen Rücktritt, weil er es gewagt hat, die Macht der Hooligans im Klub zu beschneiden. Mehrmals wurden deswegen die Lazio-Spiele spektakulär boykottiert.

Italiens Fußball ist auch ein Spiegel der Gesellschaft, in der Jahrhunderte alte Rivalitäten offen zu Tage treten. Zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden, aber auch zwischen den rivalisierenden Fangruppen in der Stadt. Ausschreitungen sind beispielsweise programmiert, wenn der SSC Neapel im norditalienischen Verona oder Treviso spielt, wenn Lazio Rom auf den AS Rom, der AC Florenz auf Livorno oder eben Palermo auf Catania oder Messina trifft. Zwar gibt es eine Reihe von strengen gesetzlichen Auflagen, um der Gewalt in den Stadien vorzubeugen. Doch allein vier von 20 Erstligaklubs haben die Auflagen erfüllt. In den restlichen Stadien dürfte also überhaupt kein Spiel angepfiffen werden.

Leser-Kommentare
  1. so richtige Schlachten im Circus Maximus,

    Gladiatorenspiele,

    mit Toten,

    dann koennte man leicht auch eine Milliarde Zuschauer erreichen!

    Firmen, die Mittel gegen Osteoporse verkaufen, sind sicher gerne bereit, viele Millionen an Werbemitteln locker zu machen!

  2. Die zu den Spielen erscheinenden 'Fans' finden zu Beginn auf ihren Rängen bereits Conan- mäßige Waffen vor.

    Die rivalisierenden Fangruppen dürfen dann aufs Spielfeld und untereinander richtig rummätzeln.

    Die Entausscheidung kann dann beispielsweise im Circus Maximus ausgefochten werden. Einschaltquoten im dreistelligen Millonenberich scheinen mir nicht unrealistisch zu sein!

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  • Quelle ZEIT online, 05.02.2007 - 18:00 Uhr
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  • Schlagworte Italien | Leistungssport | Fußball | Doping
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