Eigentlich war er ja ohnehin kaum noch da. Seit der einstige Führungsmann Friedrich Merz im Herbst 2004 das Amt des Vizefraktionschefs im Streit um die wirtschaftspolitische Ausrichtung seiner Partei hinschmiss, war es ruhig um ihn geworden. Und trotzdem: Als der einstige Hoffnungsträger, dessen Glorienschein als Finanz- und Wirtschaftsexperte noch immer nicht ganz erloschen ist, am Montagabend mitteilte, er habe nun endgültig die Nase voll von der Politik, traf dies seine Fraktionskollegen unvorbereitet. Nicht einmal die Parteispitze war in seine Pläne eingeweiht.

Nun herrscht Betroffenheit, bei denen, die ihn immer noch mochten, und klammheimliche Freude bei denen, die seine Unberechenbarkeit fürchteten. Zu Ersteren gehört selbstverständlich der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, Michael Fuchs. Immer wieder habe er versucht, Friedrich Merz dazu zu bewegen, sich wieder stärker in wirtschaftspolitischen Fragen zu engagieren, sagte der Parlamentarier ZEIT online . Doch so wie die Situation sei, sei Merz dazu nicht mehr bereit gewesen. „Er hat nicht genügend Spielfläche gehabt“, resümiert Fuchs. Einem „blitzgescheiten Mann“ wie Merz vergehe da eben die Lust. Merz-Nachfolger Michael Meister und der stellvertretende Wirtschaftspolitische Sprecher Joachim Pfeiffer bedauerten im Gespräch mit ZEIT online , dass der Fraktion mit Merz ein „ordnungspolitischer Leuchtturm“ verloren gehe.

Nur ein Einziger allerdings hat sich bislang weiter herausgewagt und statt Bedauern Verständnis bekundet. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach teilte mit, er teile den Unmut von Merz über die Politik der Großen Koalition, auch wenn er selbst daraus - noch - andere Schlüsse ziehe. In den wenigen Monaten der schwarz-roten Regierung habe er mehr enttäuschende Erlebnisse gehabt als in sieben Oppositionsjahren davor, so Bosbach.

Auch wenn öffentlich kein anderer so weit gehen will, so wird diese Einschätzung durchaus von etlichen Parlamentariern geteilt. Merz habe einen weit verbreiteten Unmut in der Union zum Ausdruck gebracht, heißt es.

Doch das ist nur der eine Teil der Wahrheit. Der andere lautet, dass Friedrich Merz in der Fraktion längst nur noch über geringen Einfluss verfügte. Erst in der vergangenen Woche hatte er noch einmal versucht, sich besonders hervorzutun. Merz ließ verlauten, dass er über eine ganze Liste von verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die Gesundheitsreform verfüge, die er wie eine Reihe anderer Unionsabgeordneter ablehnte. Gemutmaßt wurde gar, Merz werde in seiner Funktion als Unionsberichterstatter im Rechtsausschuss zum ultimativen Schlag nicht nur gegen das ungeliebte Gesetzeswerk, sondern auch gegen seine Erzfeindin Angela Merkel ausholen. Doch dann stellte sich heraus, dass die Fraktion seine Bedenken nicht teilte. Die Gesundheitsreform ging sowohl im Ausschuss als auch im Bundestag trotz der Gegenstimmen aus den eigenen Reihen problemlos durch. War dies der letzte Auslöser für den Rückzug? Man wird es wohl nicht erfahren.

Die Entfremdung zwischen Merz und seiner Fraktion ist jedoch älter und geht tiefer. Da gab es zum Beispiel jene kleine Szene im April vergangenen Jahres, als Merz vor der nordrhein-westfälischen Landesgruppe unvermittelt ankündigte, er wolle an diesem Tag mal nicht als CDU-Abgeordneter, sondern als Anwalt der Ruhrkohle AG sprechen. Das habe Merz viele Sympathiepunkte in den eigenen Reihen gekostet, hieß es danach. Der offensive Lobbyismus des Friedrich Merz befremdete auch die, die bis dahin auf sein Comeback gehofft hatten.

Und dann gibt es da noch den verbitterten Friedrich Merz. Jenen Mann, der nicht vergessen kann, dass er einst als Hoffnungsträger der Partei galt, dass alle erwarteten, er werde eine große Zukunft haben - und der dann an einer Frau, der heutigen Kanzlerin Angela Merkel, scheiterte. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2002 nahm sie ihm den Fraktionsvorsitz ab. Damals zeigte Merz nach einer Übergangsphase noch Contenance. Zwei Jahre lang kämpfte er als Vizefraktionschef um seine politische Zukunft. Nur, um schließlich doch hinzuschmeißen, weil er sich mit seinem radikalen Steuerkonzept innerparteilich nicht durchsetzen konnte.