Medien Ziemlich dick
Die deutsche Ausgabe von „Vanity Fair“ will anders, schöner und bedeutender sein als die Konkurrenz. Ob das gelungen ist, beschreibt

Jetzt ist es also da, das Magazin für die Mover und Shaker, die erste Ausgabe von Vanity Fair . Obwohl es vorab keine große Werbekampagne gab, sind die Erwartungen so hoch geschraubt worden, dass daraus nahezu zwangsläufig etwas fade Enttäuschung resultiert.
Endlich mal wieder eine Neugründung, endlich Bewegung im Zeitschriftenmarkt viele Kollegen, die etwas auf sich halten, sind dabei oder wollten unbedingt mitmachen: Ex-Linke, kluge Pop-Journalisten, Mode-Freaks, die auf ihre Stilsicherheit nichts kommen lassen. Vanity Fair soll edler sein als Bunte und Gala , selbstverständlich erwachsener als Neon , in einer ganz anderen Liga spielen als Glamour , Instyle und wie dergleichen Magazine heißen mögen, geradezu eine Gegenpol zu den Hervorbringungen des Bauer-Verlages, in Anspruch, Ästhetik und Können den für jedermann konzipierten stern leistungselitär abhängen, also eigentlich unvergleichlich sein. Zu Schönheit, Zeitgeist, Mode und Stil gesellt sich also ein hoher journalistischer Anspruch: gute Reportagen, ja investigative Coups gehören zum Lebenselixier von Vanity Fair. Schönheit kommt nur zur Geltung, wenn sie mit Bedeutung gepaart ist.
Zunächst einmal: das Heft ist ziemlich dick und dafür wahnsinnig billig. Der Einführungspreis von einem Euro riecht eher nach Aldi als nach High Society aber das Konzept für die Markteinführung überlassen wir erst einmal den Geschäftsleuten. Der edle schwarz-güldene Umschlag mit Schrift statt Foto tut dem Heft gut. Erst recht wenn man dann den eigentlichen Titel erblickt: Til Schweiger mit Lamm vor einer Landschaft. Das changiert doch stark zwischen Hörzu und Bauer-Verlag. Dann kommt die Strecke, die wie der eigentliche Treiber dieser Medienentwicklung wirkt: Armani, Louis Vuitton, Boss, Prada, Gucci, Chanel, Dior. Weiteres dieser Art Versace, Chopard, Valentino etc. ist über das Heft verteilt. Alle Anzeigen wirken fein, aber irgendwie auch verwandt. Da Einstiegsrabatte, deren Umfang wir nicht kennen, üblich sind, sagt dies noch nichts über die längere Strecke aus.
Allerdings wirken die hefteigenen Rubriken und Kleinformen gegenüber dieser glanzvollen und opulenten Werbeoptik doch ziemlich marginal und zerfieselt. Überall stand schon, wie das Kind von Heike Makatsch heißt, Vanity Fair aber weiß das noch nicht. Im Editorial steht: Erfolg kennt wenig Klischees. Ausgerechnet dafür soll der Titelheld Til Schweiger stehen? Ausgerechnet dies soll das Foto-Shooting verdeutlichen? Da wirkt ein an Softpornos gemahnendes Foto mit ejakulierendem Gartenschlauch zwischen Tils Beinen wenig stilsicher. Den Text über Hollywood, Frauenkörper, Eitelkeit und Einsamkeit kann man getrost vergessen. Hier deutet sich doch schon das Problem des allenthalben beklagten Mangels an deutschen Stars an. Und Entdeckungen wie Marvie Hörbiger, Hannah Herzsprung oder die Schwimmerin Britta Steffen sind hier ja auch nicht zum ersten Mal beschrieben. Vielleicht gibt es im Laufe der Zeit mehr Mut, mehr Entdeckerlust, gewagtere redaktionelle Ideen.
Als journalistischer Coup ist schon per Presseerklärung vorab das Tagebuch der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkovskaja benannt worden. Nun darf man nicht Woche für Woche die Enthüllung des realen Namens von Deep Throat erwarten, mit der das US-amerikanische Mutterheft Aufsehen erregte, und natürlich sind die Aufzeichnungen sowohl erschütternd wie interessant, aber eben doch nichts anderes als ein eingekaufter Vorabdruck des im Dumont Verlag erscheinenden Buches. Als Zuschauer der 3Sat- Kulturzeit , die längst darüber berichtete und auch die Übersetzerin und gute Freundin der Ermordeten vorstellte, weiß man über die Hintergründe des Tagebuchs schon mehr.
Als Reportage ist angekündigt, was Michel Friedman über die NPD und deren heuchlerisch weichgespülte neue Strategie schreibt. Er ist NPD-Funktionären begegnet, hat sie beobachtet und gesprochen. Was er notiert, notiert er zu Recht. Wie er warnt, warnt er zu Recht. Den Sensationalismus der Inhaltsangabe hinter feindlichen Linien trägt der ich-betonte Text zum Glück nicht. Aber das ist auch besser so. An zu viel Ich leidet auch manch schöner Text wie etwa der von Bushido. Einen hübschen Coup, wie ihn etwa die einmalige Jubiläumsausgabe von Tempo mit einer angeblichen deutschen Nationalstiftung gelandet hat, auf die zwar nicht Jürgen von der Lippe, wohl aber Julian Nida-Rümelin voll hereinfiel, landet Vanity Fair nicht.
- Datum 07.02.2007 - 06:19 Uhr
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die erwartungen waren ja hoch, sicherlich auch künstlich gehyped durch die berichterstattung vor der heutigen ersterscheinung. hab mir die zeitschrift gekauft, was bei einem euro einführungspreis kein problem war.
der schwarz-goldene schutzumschlag ist sehr ansprechend, das til-schweiger-cover gaaanz schlimm! von einer dt. vanity fair hätte ich mehr erwartet. der schutzumschlag 'schützt' tatsächlich und ist absolut notwendig!
hab das magazin bisher nur mal oberflächlich gescannt. scheint mir nicht schlecht zu sein, durchaus hochwertig, was den journalismus und die fotografie angeht. 'elite' allerdings nicht. frage mich auch, wie man das niveau halten will, im wochenrhythmus. trotz 80 mitarbeitern. deutschland ist halt doch sehr klein und nicht USA.
zwar finde ich das foto til schweigers mit gartenschlauch zwischen den beinen auch eher albern und unkreativ, an softpornos, gar an eine ejakulation, fang ich dabei aber nicht an zu denken - es sein denn b. gäbler bezeichnet auch das wasserlassen als ejakulieren.
der ansatz bzw. der vorsatz der zeitschrift ist m.e. lobenswert, spiegelt er doch die junge intelligenzia des landes wider, die den spagat zwischen dj culture und hegel problemlos hinbekommt und auch sucht. fraglich ist allerdings, ob dies in der 1. ausgabe der dt. vanity fair funktioniert hat. ...ich lese noch ;-)
Wo fängt die Zeitung an und wo hört der (Werbe-) Katalog auf ?
Seien wir fair. Es ist eine Herkules-Aufgabe, ein neues, innovatives Magazin aus der Taufe zu heben. Amerikanische Lotsen können dabei auch kaum helfen, weil die Klippen im mediterranen Mehr fast unüberwindbar sind. Anspruch, Inhalt, Optik, Meinung, Haltung, Charakter. Professionalität. Und letztendlich der Copy-Preis. So viele Imponderabilien. Und so wenig Sicherheit. Für eine neue Zeitschrift braucht man nicht nur viel Geld, sondern auch viel Geduld. Und viel Glück. Wer das ganz anders sieht, frage bitte bei Frau Gabriele Fischer nach! Oder bei Helmut Markwort. Bei einer Null-Nummer besteht immer die Hoffnung, das sich so ein neues Heft entwickelt. Ebenso nach der ersten oder zweiten Ausgabe. Dann aber heißt es 'Flagge zeigen'. Zeitgemäßes Layout. Gute Fotos. Tolle Storys. Und das immer und immer wieder. Gute Ansätze machen ja Hoffnung - der Erwartungsdruck ist groß. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und wer diese Details nicht beherrscht, dem mißlingt letztendlich das Ganze.
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