Vogelgrippe Schockierender Egoismus
Die Reaktion der britischen Geflügelzüchter auf den Ausbruch der Vogelgrippe zeigt: Profitgier triumphiert über Verantwortung. Das ist nicht nur für unser Federvieh gefährlich, kommentiert

Europa ist in Sorge, und die britischen Geflügelbauern sind "schockiert". Der Killer aus Asien ist wieder da! Am Wochenende hat das Vogelgrippe-Virus H5N1 erstmals Zuchtgeflügel in Großbritannien erwischt, oder vielmehr: jene zigtausend Truthähne, die dort, in Europas größtem Putenmastbetrieb Matthews , auf Schlachtreife gepäppelt werden. Ein Volltreffer. Und nach eigener Aussage hatten die Fleischfabrikanten aus dem Osten Englands nicht die "leiseste Ahnung", dass das Virus womöglich ihr eigenes, königliches Federvieh befallen könnte.
Ist das nun naiv, verlogen - oder einfach nur dumm? Man muss sich in jedem Fall wundern. Kaum ein Jahr ist vergangen, seit Europa sich erstmals, aber dafür umso heftiger mit der bedrohlichen Vogelseuche aus dem fernen Osten befassen musste.
Über die Türkei, Rumänien, Österreich virulierte die asiatische Variante von H5N1 durch 14 Staaten der EU, darunter auch durch deutsches, französisches und schwedisches Federtier. Im schwer betroffenen Osten der Türkei starben vier Kinder. Und ja, auch Großbritannien hatte mit der Vogelgrippe zu tun: Ein Papagei aus Südamerika steckte sich an, als er sich bereits auf britischen Boden, aber noch in der Einfuhrquarantäne befand. Und in Schottland fiel gar ein infizierter Schwan vom Himmel.
Dass das Virus in diesem Winter nach Europa zurückkehren würde, war aus zweierlei Gründen absehbar. Zum einen ist es niemals von der Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil. H5N1 ist ein Dauerproblem auf den uns am nächsten gelegenen Kontinenten, Asien und Afrika. Beide können sich des penetranten Virus nicht mehr entledigen, es entzieht sich erfolgreich jeder noch so drastischen Maßnahme der Entseuchung - sofern solche Maßnahmen überhaupt angewandt werden.
Zum anderen ist längst klar, dass sich H5N1 über die Zugrouten der Wildvögel ausbreitet. Diese reichen sowohl von Afrika als auch von Asien bis nach Europa. Das Ausmaß der Verschleppung auf diesen Wegen mag weniger groß sein, als man noch vor einem Jahr befürchtet hat. Der extrem milde Winter hat den Vögeln weniger Anlass zu weiten Reisen gegeben. Trotzdem dürfte es in Europa keinen Geflügelzüchter mehr geben, der sich der Problematik nicht bewusst wäre.
Das pikante Detail im Fall des britischen Putenmastbetriebs: Das Virus ist nicht nur vom gefürchteten asiatischen Typ. Es gleicht in seinen molekularen Details jenem Virus, das vor wenigen Wochen in Ungarn gefunden wurde. Auch dort unterhält der Putenmäster Matthews Betriebe, und viele Experten argwöhnen zu Recht, dass sich der britische Fleischfarmer die Seuche selbst auf die Insel holte - über Tiertransporte nämlich.
Wer will da noch Mitleid mit ahnungslosen Geflügelbauern haben? Schockiert dürften sich allein jene Züchter zeigen, die in vollem Bewusstsein des Risikos die Augen offen halten und achtsam all jene Auflagen befolgen, die die EU nach dem dramatischen Feldzug des vergangenen Jahres einführte.
Denn eines sollten Hühnerfarmer und Putenmäster nicht vergessen: Es geht zuvörderst, aber nicht allein um die Tiergesundheit. H5N1 kann auch Menschen infizieren. In seiner derzeitigen Form gelingt ihm das nur selten und unter extrem unhygienischen Bedingungen. Wissenschaftler warnen aber seit Jahren davor, dass sich der Erreger verändern kann, und die Hürde zum Menschen plötzlich spielend überwindet. Eine Pandemie ungeahnten Ausmaßes könnte die Folge sein, der spanischen Grippe von 1918 ähnlich, mit Millionen Toten weltweit.
Je häufiger das Virus die Chance bekommt, sich zu vermehren, desto häufiger bietet sich ihm auch die Gelegenheit für Mutationen und desto größer das Risiko der gefürchteten Pandemie. Zwar bleibt extrem unwahrscheinlich, dass der Sprung auf den Menschen hier in Europa stattfindet. Die potenziellen Brutstätten liegen eben in Asien und Afrika: Indonesien musste bislang die meisten menschlichen Opfer beklagen, 63 Menschen starben dort bisher. Und im afrikanischen Westen verlor erst am Wochenende eine Frau ihr Leben durch H5N1, wie sie sich ansteckte, ist unklar - und gerade das ist bedenklich, denn ein funktionierende Überwachungsstruktur gibt es in Afrika einfach nicht.
Aber es gibt sie in Europa. Wir verfügen über ein ausgezeichnetes System zur Kontrolle der Seuche, und elementarer Bestandteil dieser Strukturen ist Information - die allerdings angenommen und genutzt werden muss. Wenn sich am Dienstag Experten aus allen 27 EU-Staaten in Brüssel treffen, um über Konsequenzen nach dem Ausbruch der Vogelgrippe in England zu beraten, sollten sie vor allem eines sicherstellen: dass auch die europäischen Geflügelbauern bewusst mit dem Risiko umgehen.
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- Datum 06.02.2007 - 03:17 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Ich kann den Artikel nur unterstützen. Auch wenn durch den milden Winter die augenscheinliche Gefahr für die Bevölkerung zurück gegangen ist - die Verbreitung des Virus und Auswirkungen sind immer noch akut. Wer die Presse verfolgt wird fast jeden Tag etwas aus Ägypten, China oder Vietnam lesen können. In Zeiten der Globalisierung, gerade wenn alles von "A" nach "B" transportiert wird muss man auch mit dem Einschleppen des Erregern rechnen. Das der Schock für die Betreiber groß ist und das arme Federvieh noch zeitiger daran glauben muss ist verständlich. Wichtig ist trotzdem die immer währende Vorsicht in allen hygienischen Belangen.
Gruß Dieter
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