Entsetzt liest Claudia Belchior die jüngsten Umfrageergebnisse in der Zeitung Diario de Noticias . Obwohl die Mehrheit der Portugiesen der Reform der Abtreibungsgesetze zustimmen will, holen die Abtreibungsgegner wenige Tagen vor dem Referendum spürbar auf. „Jetzt wollen anscheinend nur noch 54 Prozent für die Entkriminalisierung der Abtreibung stimmen. In der vergangenen Woche waren es noch 72 Prozent“, erklärt die 33-Jährige Portugiesin, die sich in der „Bürgerbewegung für das Ja“ engagiert.

„Bereits vor neun Jahren hatten wir beim ersten Referendum zu diesem Thema ähnlich positive Umfrageergebnisse und unsere Anhänger waren so siegessicher, dass keiner mehr zur Wahl ging“, erklärt Belchior. Viele Portugiesen verbrachten jenen sonnigen Sonntag im Juni 1998 am Strand und fielen am Abend aus allen Wolken, weil das Nein knapp gesiegt hatte. „Das darf nicht wieder passieren. Jährlich müssen mehr als 20.000 Frauen illegal unter unwürdigen Verhältnissen abtreiben und dafür sogar noch mit einer Gefängnisstrafe rechnen“, sagt Belchior. Claudia Belchior (r.) von der Bürgerbewegung für das Ja macht Kampagne auf der Straße in Lissabon BILD

Portugal hat neben Polen und Irland eines der strengsten Abtreibungsgesetze in Europa. Das generelle Abtreibungsverbot wurde 1984 aufgehoben. Heute dürfen Schwangerschaften in den ersten 10 Wochen nur dann abgebrochen werden, falls das Leben oder die Gesundheit der Frau auf dem Spiel steht, eine Missbildung des Kindes vorliegt – oder nach einer Vergewaltigung. Trifft keine dieser Indikationen zu, drohen den betroffenen Frauen wie den beteiligten Ärzten Haftstrafen von bis zu drei Jahren. Juli 2006 wurde einen Arzt im nordportugiesischen Aveiro wegen Abtreibungshilfe in sieben Fällen zu drei Jahren und 8 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die meisten Frauen aber treiben ohne ärztliche Kontrolle ab. Entweder selbst, mit Medikamenten, oder sie suchen eine Privatwohnung auf, in der oft unzureichend ausgebildete Krankenschwestern oder Hebammen die Abtreibungen vornehmen. „Frauen vom Lande haben uns erzählt, dass die Hebammen aus ihrem Dorf die Abtreibungen auf dem Küchentisch bei sich zu Hause vornehmen“, sagt Claudia Belchior.

Die fehlenden hygienischen und medizinischen Garantien treiben jährlich etwa 8.000 Frau zum Schwangerschaftsabbruch nach Spanien. „Rund 75 Prozent unserer Patientinnen kommen aus Portugal. Im vergangenen Jahr haben wir rund 4.000 Portugiesinnen behandelt“, sagt Yolanda Hernández von der spanischen Abtreibungsklinik Los Arcos in Badajoz. Ihr Institut ist nicht die einzige spanische Abtreibungsklinik, welche von den Verhältnissen im Nachbarland profitiert. Insgesamt zwölf Kliniken in der Nähe der Grenze haben sich auf die Patientinnen aus Portugal spezialisiert und werben täglich in portugiesischen Tageszeitungen. Referendum-Plakat für die Liberalisierung der Abtreibung BILD

Die Chancen, dass es so bleiben könnte, sind nicht klein. Die Abtreibungsgegner holen auf, weil sie eine professionellere Kampagne mit griffigeren Parolen und weniger Skrupeln führen als die Befürworter der Abtreibung. Plakate mit Ultraschallbildern von Föten und Warnungen von gesinnungsverwandten Ärzten vor psychischen Traumata nach dem Eingriff sollen die Unentschiedenen überzeugen. Isilda Pegado, von der Gegner-Plattform „Nao obrigada“ (Nein Danke), sieht darin „keine Hetze, sondern wissenschaftliche Aufklärung“. „Ein Schwangerschaftsabbruch ist Mord. Wir brauchen kein neues Gesetz, sondern bessere Unterstützung gerade für ärmere Familien, um ihnen die Angst vor einem Kind zu nehmen“, sagt Isilda Pegado.