Frankreich Und Ségolène zitiert Brecht

Wann hat man zuletzt so schön links klingende Worte gehört? Die Rede von Ségolène Royal am Sonntagnachmittag ließ den sozialistischen Frühling von 1981 wieder aufleben.

Sie waren alle da, die „Elephanten“, an jenem Sonntagnachmittag (6. Februar), zur lange erwarteten Rede von Ségolène Royal. Endlich wollte sie über ihr Programm sprechen. Da saßen sie in der ersten Reihe der Zuschauer. Seriöse Mienen, ab und zu ein Lächeln, höflicher Applaus. Die großen Gewichte der Sozialistischen Partei scheinen nicht die größten Fans der Präsidenschafts-Kandidatin zu sein.

Aber Ségolène Royal ist es egal. Ihr Diskurs geht weit über die erste Reihe hinaus, richtet sich an die einfachen Mitglieder der Sozialistischen Partei, die im Saal stehen und schreien. Sie sorgen für Stimmung, sie sind laut, rufen „Ségolène Royal Présidente“, buhen den nie genannten Gegner Nicolas Sarkozy aus. Und wenn die Kandidatin sagt: „Heute Abend, wie die Rapper sagen, ‚Paris est dans la place’! (unübersetzbar... etwas wie ‚Paris ist hier, es wird krachen’) Und ich auch, ich bin da“, dann brüllt die Halle vor Freude.

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Die Kampagne von Ségolène war bis jetzt zu mild, zu bescheiden, nicht links genug? Hier die Antwort. Seit wann hat man solche Worte gehört, Worte, die so links klingen? Eine Ewigkeit ist es her. Man muss an die Zeit von François Mitterrand denken, fast dreißig Jahre zurück, um dieses Gefühl wieder zu finden. Die Linke bewegt sich und belebt eine Revolution wieder.

Die Rede von Ségolène Royal hörte sich an, als ob die Sozialisten noch nie an der Macht gewesen wären, als ob es den 10. Mai 1981 nie gab, als Mitterrand zum ersten sozialistischen Präsident der V. Republik gewählt wurde. Plötzlich verkörpert Royal die Hoffnung des „peuple de gauche“, das damals „les gens du château“ – den Herren des Schlosses – gekündigt hatte. Dieses Volk, das nach Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit dürstet und das sich 1936 den ersten „congés payés“ (bezahlten Urlaub) in hartem Kampf erobert hat – „gegen die Rechte“, erinnert Royal. Es ist, als ob Royal dem Volk an diesem Sonntagnachmittag sein Bewusstsein wiedergegeben hätte. Man darf wieder hoffen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Kandidatin der Sozialisten die französische Revolution als radikalen Bruch bezeichnet. Im krassen Gegensatz zu Nicolas Sarkozy, der sagte: „Mein Frankreich ist das Frankreich des Ancien Regime und der Revolution“. Nein, für Ségolène gibt es zwei verfeindeten Frankreichs. Frontal greift sie diese „arrogante“ Rechte an, die sich für immer zur Macht legitimiert hält und die stets eine linke Regierung als Unfall der Geschichte betrachtete. Der Redenschreiber von Ségolène hatte offenbar Albert Otto Hirschman gelesen und seine berühmte These „The Rhetoric of Reaction“ (deutsch: „Denken gegen die Zukunft“).

Ja, das Volk. Ségo weiß, was es erwartet und was es will. Die Schlussfolgerungen der „partizipativen Debatte“, zu der sich Monate lang Bürger im kleinen Kreis getroffen haben, wo jeder sagen konnte, was ihm auf dem Herz liegt, wurden in den „Cahiers d’espérance“ (Hoffnungshefte, eine Anspielung auf die Cahiers de doléances - Beschwerdeheft des Dritten Standes der Revolution) zusammengefasst und am Sonntag veröffentlicht.

Ségolène steht seither für das Volk der Kleinen, der Vergessenen, der Arbeiter, die ihr Geld schwer verdienen – wenn überhaupt – und die ihr Sorge äußerten, wie beängstigend es sei, dass die Politik sich davon verabschiedet hat, das Volk zufrieden stellen zu wollen. Dieses Volk werde nicht nur ignoriert von der Rechten, sondern auch verachtet, sagt Royal und zitiert Bert Brecht: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Ségolène Royal widmet ihre Botschaft dem zornigen französischen Volk, das in der Geschichte gezeigt hat, was passiert, wenn man nicht darauf hört, was es zu sagen hat. Das Volk stellt im französischen kollektiven Unterbewusstsein per se eine ständige Gefahr für die Macht dar. François Mitterrand wurde von ihm getragen, das seit der Gründung der V. Republik 1958 auf seine Stunde wartete. Nun soll 2007 also wieder die Stunde der Linken sein. Selbst wenn dieses Volk soziologisch viel differenzierter ist: Am Sonntagnachmittag nach der Rede Ségolène war es links. Ganz links.

Denn wenn die Botschaft noch nicht angekommen ist: Ségolène ist die Kandidatin der Linken und von allen Linken. Viele Genossen hatten in den vorigen Woche gemurrt, sie sei nicht links genug. Die Genossen sollten unbesorgt sein. Sätze mit scharfen Anti-Globalisierungs-Tönen, die die Staatlichkeit als Prinzip der Republik wieder betonen: Die Lektion des ersten Wahlgangs 2002 wurde gut gelernt, als die Linke sich verzettelte und Lionel Jospin schon in der ersten Wahlrunde scheiterte.

An diesem Sonntag war die Atmosphäre des Frühlings von 1981 deutlich spürbar. Obwohl man nicht wüsste, wie Ségolène Royal ihr Programm verwirklichen könnte: Das war schön.

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