FOTOBAND In aller Anonymität

Zwei Historiker haben auf Flohmärkten private Fotos gesammelt - und die schönsten von ihnen in einem kunstvollen Band veröffentlicht.

Jemand steht mit den Füßen auf einem Gartenzaun und versucht, sich auf ein Dach zu hieven, der Kopf ist nicht im Bild. Eine Frau auf einem Felsen lehnt sich gegen den Wind, das Bild ist verwackelt. Wir sehen ein halbes Gesicht, angespannt, gegen weißen Himmel, die Haare fliegen. Die aufgewühlte Oberfläche eines Sees über einem tauchenden Körper, ein Kind tanzt auf dem Dach. Nichts Spektakuläres, nur ein seltsamer Eindruck: Wir haben diese Bilder schon einmal gesehen, erlebt, wir erkennen den Moment.

Die französischen Fotohistoriker Michel Frizot und Cédric de Veigy haben über Jahre Flohmärkte nach Amateurfotos durchstöbert, sie von Tausenden auf 285 reduziert und in dem Fotoband Photo Trou vée im Phaidon Verlag veröffentlicht. »Wir wollten keine Foto-Studie präsentieren«, erklärt Michel Frizot, »sondern eine anonyme, subjektive Sammlung von Amateurbildern. Ein geparktes Auto, ein Mensch auf einem Feldweg, ein Hund, der sich aufspielt.« »Doch wenn man genau hinsieht«, fügt Frizot hinzu, »zeigen diese Bilder etwas, was uns allen gemein ist, sie richten sich an unser kollektives Gedächtnis.«

Keine Thematik, keine Bild-Erklärung - die Autoren haben die vergessenen Privatfotografien über Jahre in langen, wortlosen Sitzungen ausgesucht, in Sequenzen gelegt, aussortiert, neu zusammengelegt - so lange, bis sie beide zufrieden waren. Ihre Auswahlkriterien waren streng subjektiv: »Die Bilder, die nach vier, fünf Mal Hinsehen kein Erstaunen, keine Emotion mehr erweckten, fielen weg.« Gewollt grafische, gestellte Fotografien eliminierten die Fotohistoriker und gaben stattdessen dem Geheimnisvollen und Missratenem den Vorrang. Jede Fotografie hat auf je einer Seite Platz, ihre Poesie zu entfalten. Die Auswahl und Präsentation geben dem Buch eine anrührende, nostalgische Färbung. Namenlos, verwackelt, überbelichtet, am Motiv vorbei - die Ergebnisse sind das Gegenteil von professioneller Fotografie. Die Tatsache, dass die Bilder nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, macht ihren Charme aus.

Das Buch hat das Format eines Romans und die Qualität eines Kunstbandes. Es erzählt Geschichten, wird zur Kunst, macht Sinn, durch das, was wir in den Bildern sehen. Im Betrachter, der sich auf diese Bilderwelten einlässt, wecken die Momentaufnahmen Erinnerungen an Vertrautes, Wesentliches, Zeitloses. »Dem Objet trouvé eine Bedeutung zu geben, ist eine Art, Kunst wahrzunehmen. Jeder Betrachter tritt den Bildern mit seinem Erlebten entgegen«, sagt Co-Autor Cédric de Veigy. »Ich sehe die Bilder mit meinen, Sie mit ihren Erinnerungen.«

In diesem irrationalen Katalog geht es um scheinbar belanglose Augenblicke, die man nicht in Worte fasst. Ein schiefer Bildausschnitt, eine Doppelbelichtung, eine zu große Leere - die verwaisten Bilder stimmten nicht überein mit der Absicht des Fotografen. Der Eindruck des »Ist nichts geworden« hat zur Folge, dass die Bilder auf dem Flohmarkt und nicht ins Familien-Album kommen, aber auch, dass jeder sich in ihnen wiedererkennt.

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Leser-Kommentare
  1. Die Digis überrennen alles. Schade

    • hagego
    • 22.02.2007 um 15:55 Uhr

    Schön ist ja, wenn etwas nicht nur schön ist. Wenn der unverstellte, zuweilen naive, Blick eine Situation des Alltäglichen festhält. Nan Goldin hat diese Fotos schon vor 25 Jahren publik gemacht. Mit ganz ungewöhnlichem Erfolg. Der Charme eines privaten Fotoalbums entsteht doch nicht durch die Qualität der Aufnahmen, sondern durch die damit verbundenen Erinnerungen. Bemerkenswert ist die Aufnahme eines dicken Menschen am Strand nicht. Originell wird das Foto allein dadurch, dass der rührende Versuch des Baucheinziehens und Luftanhaltens auf Zelluloid gebannt wurde. Diese Zehn-Sekunden-Newtons sind genau deshalb so interessant, weil sie nicht gestellt, inszeniert und 'vorbereitet' sind. Diese Fotos, angereichert durch eigene Fantasie, rufen Erinnerungen in uns hoch - unabhängig von der Qualität der Fotos.

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