Bundesliga "Parkhaus ist schon gruselig"
Hans Sarpei, Mittelfeldmann des VfL Wolfsburg, soll für jeden Scherz zu haben sein - sagen seine Teamkollegen. Stimmt, selbst angeschlossen an einem Lügendetektor beantwortete der 30-jährige Ghanaer die heikelsten Fragen.
Lügenlegende:
+ Flunkern
++ Leichte Lüge
+++ Mittlere Lüge
++++ Große Lüge
Herr Sarpei, kommen wir gleich zur Sache: Sie sind in Köln aufgewachsen - was war Ihr krassestes Erlebnis im Karneval?
Da gibt es eigentlich nichts, was ich erzählen könnte. Ich bin nicht so der Karnevalstyp. (++++)
Herr Sarpei, wir haben Sie an einen Lügendetektor angeschlossen!
Okay, okay, natürlich bin ich häufiger schon beim Karneval gewesen.Ich feiere aber nicht so verrückt wie die meisten anderen. Die Leute drehen da ja teilweise total durch.
Wie waren Sie denn so verkleidet?
Während meiner Ausbildungszeit als Anlagenmechaniker bin ich mal in meinen Arbeitsklamotten mit so einem grünen Einteiler gegangen, so eine Art "Blaumann". Ein anderes Mal war ich als Müllmann unterwegs. Und einmal auch überhaupt nicht verkleidet, als Hans Sarpei eben, doch das war im Nachhinein gesehen ein bisschen doof.
Wieso, weil Sie als Nichtverkleideter besonders aufgefallen sind?
Nein, weil ich weniger Küsschen als sonst bekommen habe.
Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig geärgert?
Gerade eben im Training, über meinen Freund Pablo Thiam, weil er mich getreten hat. (+)
Sind Sie ein Typ, der sich schnell ärgert?
Nein, ich bin eher der Ruhige, frage mich im Alltag aber schon das eine oder andere Mal, ob manche Leute anders reagieren würden, wenn ich nicht schwarze, sondern weiße Haut hätte.
Welche Situationen meinen Sie?
Das sind oft Kleinigkeiten. Wenn ich zum Beispiel einkaufen gehe und nicht erkannt werde, habe ich oft das Gefühl, beobachtet zu werden. Manche Leute gucken komisch, als ob ich etwas Verbotenes tun wollte. Das ärgert mich. Es hat ja auch Zeiten gegeben, als ich kein Fußballprofi war, da ist es mir häufiger passiert, dass die Verkäufer mich gar nicht mehr aus den Augen gelassen haben.
Sind Sie schon mal rassistisch angefeindet worden?
Was heißt rassistisch? Es sind die kleinen Dinge des Alltags. Erst kürzlich bin ich auf der Straße einer Oma mit ihrem Enkel begegnet. Der Junge sagte: "Guck mal, da ist ein Schwarzer!" Die Frau aber meinte: "Das heißt nicht Schwarzer, sondern Neger." Da habe ich mich gefragt, was diese Frau dem Kleinen da erzählt. Der glaubt ihr das nämlich.
In manchem Fußballstadion hört man regelmäßig solche Sätze.
Ja, das ist leider so. Ich kann mich noch an ein Aufstiegsspiel von Hannover 96 erinnern. Otto Addo und Gerald Asamoah spielten damals für 96, wurden mit Bananen beschmissen und minutenlang als "Neger" beschimpft. Die ganze Kurve sang das, live im Fernsehen.
Einem homosexuellen Spieler, der sich outen würde, würde es vermutlich ähnlich ergehen.
Leider ja, da viele Zuschauer oder auch Mitspieler und Gegenspieler das noch immer nicht akzeptieren wollen, dass es Homosexuelle auch im Fußball geben kann. Jede Berührung würde wohl ganz anders gesehen und gedeutet werden.
Fühlen Sie sich mehr als Deutscher oder Ghanaer?
Schwierige Frage. Ich bin schon so lange in Deutschland, dass ich mich manchmal mehr als Deutscher fühle, nur dass ich nicht klassisch Deutsch aussehe. Vielleicht halb als Deutscher, halb als Ghanaer, würde ich sagen.
Haben Sie alleine im Parkhaus Angst?
Nein. (+++)
Wirklich nicht?
Na gut, ein bisschen mulmig ist mir dort schon. Aber nicht mehr als jedem anderen auch. Wenn ich zum Auto gehe, habe ich den Schlüssel immer schon in der Hand, um schnell aufschließen zu können. Parkhaus ist schon gruselig.
Wo waren Sie am 11. September 2001?
In Frechen, wo ich damals gelebt habe. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern. Meine Nachbarn kamen völlig aufgelöst zu uns und erzählten, dass Flugzeuge in die Türme des World Trade Center geflogen seien. Meine Nachbarin hat den ganzen Tag geweint, das war schon sehr aufwühlend.
Wen würden Sie lieber treffen, Osama Bin Laden oder George W. Bush?
Beide. (+++)
Was würden Sie sie fragen?
Bin Laden würde ich fragen, warum er so viel Gewalt in die Welt bringt, warum er so viele Menschen töten lässt. Das sollte er mir mal erklären.
Und Bush?
Den würde ich dasselbe fragen. Und warum er, nach meinem Eindruck, immer nur Krieg führt, wenn es um amerikanische Interessen geht. Die USA setzen sich aber nie ein, wenn es um Kriege oder um Menschenrechte in Afrika geht.
Was war Ihr außergewöhnlichstes Erlebnis im Fußball?
Das war mein erstes Mal bei der ghanaischen Nationalmannschaft, ein Qualifikationsspiel zum Afrika-Cup. Ich war sehr stolz, als ich in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde. Vor allem, weil meine ganze Familie auf der Tribüne saß und sich mit mir gefreut hat. (+)
Eigentlich hätten wir gedacht, dass Sie ein anderes außergewöhnliches Ereignis nennen.
Welches denn?
Die Sache mit Herrn Löring und Herrn Schumacher.
Oh ja, stimmt, das war auch ziemlich stark. Das war zu meiner Zeit bei Fortuna Köln. Wir hatten ein Heimspiel und waren wieder mal ziemlich schlecht. Am Ende der Saison sind wir ja auch aus der Zweiten Liga abgestiegen. In der Halbzeit passierte es dann.
Bitte erzählen Sie.
Unser Trainer Toni Schumacher hatte gerade mit seiner Ansprache angefangen, als unser Präsident Jean Löring in die Kabine kam. Löring sagte zu Schumacher: "So, du kannst jetzt gehen!" Herr Schumacher bekam das aber zunächst gar nicht mit. Herr Löring wiederholte es und schubste Schumacher weg, der dann hinausging. Er wurde tatsächlich in der Halbzeitpause gefeuert. In der Kabine war es totenstill. Löring gab dann noch ein paar Anweisungen und wechselte auch noch Spieler aus, aber es ist ja wohl klar, dass wir in dem Spiel kein Bein mehr auf den Boden bekamen.
Es soll damals sehr laut geworden sein, sogar einige Schimpfworte sollen gefallen sein.
Laut ist es geworden, ja. Löring hat immer für den Fußball gelebt.
Was ist das schlimmste Schimpfwort, das Sie kennen?
Hurensohn vielleicht. (++)
Das ist ja nicht so schlimm.
Nein? Sagen Sie das beispielsweise mal zu einem Südländer und warten Sie auf seine Reaktion. Der nimmt das ein bisschen anders wahr.
Wird beim VfL Wolfsburg im Mannschaftsbus gesungen?
Bei uns? Nein. Da hat jeder seinen iPod und steckt sich die Kopfhörer ins Ohr. Auf längeren Auswärtsfahrten ist auch ein Laptop dabei, mit dem man Filme schauen kann. Nein, dass in Deutschland im Bus gesungen wird, kommt selten vor. In Ghana ist das ganz anders. Da singen wir schon. Wenn wir mit der Nationalmannschaft gewonnen haben, dann geht im Bus die Post ab. Da tanzen wir auf den Gängen.
Kennen Sie Ihren IQ?
Nein, ich würde aber gerne mal so einen Intelligenztest machen. Das wäre sicher schwer. Viele im Fußball gehen früh von der Schule ab und haben dann nichts mehr mit Mathematik oder so etwas zu tun. Da ist es nach zehn Jahren ziemlich schwer, wieder reinzukommen.
Haben Sie in letzter Zeit einen Telefonstreich gespielt?
Ich habe bei einem Freund, der verlobt ist, angerufen und mich am Telefon als seine heimliche Geliebte ausgegeben. Anschließend habe ich noch eine SMS geschickt, so ungefähr mit dem Inhalt "Hallo Schatz, wann sehen wir uns wieder?" Da hing der Haussegen schon einigermaßen schief. Ich habe dann später noch mal angerufen, um ihn wieder geradezubiegen. Mein Freund war ganz schön in Erklärungsnot und ist ins Schwitzen gekommen.
Fazit: Nach anfänglichen Schwindelversuchen erkannte Hans Sarpei schnell, dass sich der Polygraf nicht überlisten ließ. Von da an entwickelte sich ein ehrliches Gespräch zwischen Mensch und Maschine. Der eine erzählte offen und freimütig, der andere piepste hin und wieder dazwischen. Es scheint, als bahne sich zwischen dem 30-Jährigen und dem Lügendetektor eine Freundschaft an.
Das Interview erscheint in der Februar-Ausgabe des Fußballmagazins
RUND »
- Datum 12.02.2007 - 04:16 Uhr
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- Quelle RUND, ZEIT online, 09.02.2007
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