Echolot Politik macht Pop

Die Dixie Chicks singen gegen Bush und gewinnen drei Grammys, Elvis Presley lernte den Hüftschwung einst von Margot Honecker, und Ulf Poschardt besteigt den Hochglanzpapierberg "Vanity Fair". – Unsere Musikpresseschau

Während hierzulande die alljährliche Echo -Preisverleihung bei vielen nur noch resignatives Kopfschütteln auslöst, gelingt der amerikanischen Grammy -Jury zumindest hin und wieder ein Glücksgriff. Am gestrigen Sonntag fand die 49. Grammy-Gala in Los Angeles statt. Die Zeitungen werden in dieser Woche ausführlich darüber berichten. Einige kürzere Meldungen sind bereits heute zu finden: im Tagesspiegel und der SZ , bei Spiegel Online und im Schweizer Tages Anzeiger .

Unerwarteter Preisträger in gleich fünf Kategorien ist das Bush-kritische Country-Trio Dixie Chicks geworden. Im Vorfeld des Irak-Feldzugs hatte das Trio seinen Unmut geäußert. Von konservativen, amerikanischen Countrysendern wurden die Chicks daraufhin boykottiert. Morddrohungen flatterten den Musikerinnen ins Haus. Die späte Grammy-Ehre (unter anderem für das „beste Album“ und den „besten Song“ des Jahres) werteten die Sängerinnen als „politische Botschaft“ der Juroren. Und vielleicht ist dem tatsächlich so: Seit George Bushs Mehrheit im Land bröckelt, gilt auch in den Weiten des Pop wieder Redefreiheit. Und bedenkt man, dass vergangenes Jahr U2 für das bescheidene Liederkompendium How To Dismantle An Atomic Bomb prämiert wurde, muss man über die diesjährige Entscheidung froh sein. Andererseits findet sich auch dieses Mal wirklich Interessantes eher in den Nebenkategorien. Gnarls Barkley zum Beispiel erhielten zwei Grammys, darunter einen für das „beste Alternative-Album“. Die Black Eyed Peas wurden für ihren Song My Humps ausgezeichnet. Ein kleines Lächeln kann man sich angesichts einer Kategorie, in der Altmeister Bob Dylan reüssierte, nicht verkneifen: Der Mann mit der näselnden Reibeisenstimme erhielt neben einem Grammy für das „beste Folk/Americana Album“ einen weiteren in der Kategorie Best Solo Rock Vocal Performance . Bob Dylan, ein begnadeter Sänger?

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Zu den Abräumern der Verleihung zählten neben den Dixie Chicks die wiedervereinten Red Hot Chilli Peppers und die Soulsängerin Mary J. Blige . Beide durften je drei Grammys mit nach Hause nehmen. Eine Liste aller Preisträger finden sich hier .

Viel Aufsehen erregten vergangene Woche die Überlegungen des Apple-Chefs Steve Jobs, künftig Musik online ohne Kopierschutz im hauseigenen iTunes-Laden zu verkaufen. Für ZEIT online kommentierte Falk Lüke die Diskussion. Weitere Berichte finden sich unter anderem in der SZ und bei Heise Online . Ob damit allerdings bereits das Ende der Kopierschutz-Debatte eingeleitet ist, bleibt fraglich. Die Zukunft wird neue Fragestellungen bereit halten. Ein Umdenken seitens der großen Plattenfirmen ist nicht zu erkennen.

Die Wechselwirkung von Pop und Politik lässt sich über die Jahrzehnte nachzeichnen. In wie weit sie sich gegenseitig beeinflussen, wird Jahr für Jahr neu verhandelt: von den Studenten-Unruhen Ende der Sechziger bis zu den aktuellen Antikriegsalben der Bush-Ära. Was aber, wenn die gesamte Geschichte des Pop auf einer missratenen Geheimoperation der Stasi fußen würde? Diese – zugegebenermaßen nicht gerade naheliegende – Überlegung stellt der Krimiautor und Journalist Stefan Maelck in seiner Satire Pop essen Mauer auf an. Wolfgang Lange bespricht das 160 Seiten starke Buch mit dem Untertitel „Wie der Kommunismus den Pop erfand und sich damit selbst abschaffte. Die Hartholz-Akte“ ganz angetan in der Neuen Züricher Zeitung .

In Maelcks Text sei „nahezu alles erstunken und erlogen – aber erzählerisch derart komisch ausgetüftelt, dass man dem Autor die Flunkereien gerne abnimmt.“ Pop verdanke sich, „so der Clou des Berichts, den Winkelzügen der Stasi. Ausgeheckt als Geheimwaffe im Kampf der Kulturen und immer wieder mit neuen Impulsen und Figuren versorgt von einem engen Vertrauten Erich Honeckers, dem genialen Oberst Duttweiler, eine Art Dr. Caligari des Pop, entpuppt sich dessen Erfindung freilich in der Praxis, wie andere Erfindungen des Sozialismus auch, als Schuss in den Ofen. Nicht der Kapitalismus war es, der unter den hämmernden Beats und den Sirenengesängen populärer Musik und Lifestyle-Ästhetik zusammenbrach, sondern dessen verschanzt hinter dem Eisernen Vorhang intrigierender Widersacher.“

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