Angst vor dem Abstieg? Doch nicht, wenn man schon ganz unten ist. Solches bekommt als erstes zu hören, wer danach fragt, wie es um die türkischen Einwanderer in Deutschland und ihre Zukunftschancen steht. Da klingt Sarkasmus durch - und Aufbruchsstimmung. Beide Tonlagen zeugen davon, dass sich die türkische Gemeinde auffächert. Sie reiht sich ein in alle Schichten der Gesellschaft. Manche bleiben arm. Andere aber steigen auf und bilden, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, eine neue Immigranten-Mittelschicht.
Wer schafft den Weg nach oben?

Lange Zeit dominierte der Typus des armen Gastarbeiters das Bild des türkischen Migranten, der zwar viel arbeitet, wenn man ihn lässt, der den Weg nach oben aber trotzdem nicht findet. Den Kindern der ersten Einwandererwelle der sechziger Jahre erging es ebenso. Sie in die deutsche Gesellschaft zu integrieren gelang eher selten, weder kulturell noch wirtschaftlich. Letzteres ist umso bedenklicher, als ökonomischer Erfolg die Basis jeder erfolgreichen Eingliederung bildet, sagen Integrationsforscher.

Doch betrachtet man die zweite und dritte Migrantengeneration, zeigt sich, dass es auch einen anderen Trend gibt. Immer mehr der in Deutschland geborenen Einwandererkinder machen typische Mittelschichtserfahrungen, sagt Dietrich Reetz vom Berliner Zentrum moderner Orient. Sie wollen sich hier dauerhaft niederlassen und integrieren sich zunehmend. Nur: Wie viele sind es? Und ist ihr Erfolg von Dauer?

Es stimmt ja: 38 Prozent der 2,7 Millionen Türken hierzulande leben unter der Armutsgrenze, rund 30 Prozent sind arbeitslos. Als in den achtziger und neunziger Jahren überall in der Industrie Stellen gestrichen wurden, fanden sich die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Kinder als erste auf der Straße wieder. Heute sind viele türkische Jugendliche so demotiviert, dass sie sich nicht einmal dazu durchringen können, die Schule abzuschließen. Warum auch. Lehrstellen bekommen sie doch nicht. Selbst türkische Hochschulabsolventen klagen, dass sie nach dem Examen oft ohne Job dastehen.

"Die Angst, abzurutschen, ist überall gegenwärtig", sagt Faruk Şen. Er leitet das Essener Zentrum für Türkeiforschung. Die große Masse der Türken bewege sich immer noch in der oberen und unteren Unterschicht. Der Aufstieg sei eher die Ausnahme. "Nur einige wenige machen den Sprung nach oben." Das ist die eine Seite.