Jazz Schönheitsschrammen

Gerade hat der Saxofonist Ornette Coleman einen Grammy für sein Lebenswerk bekommen. Jetzt sollte er in Essen mit dem Pianisten Joachim Kühn auftreten. Doch der amerikanische Star hatte andere Pläne.

Der amerikanische Jazzsaxofonist Ornette Coleman

Der amerikanische Jazzsaxofonist Ornette Coleman

Nächster Ausgang Freiheit. So steht es auf dem blauen Leuchtschild am Essener Bahnhof. Es ist ein verregneter Tag, der 14. Februar, Valentinstag. Zur Fußgängerzone geht es nach rechts, zur Freiheit südlich des Bahnhofs, zur Philharmonie, zu Ornette Coleman nach links. Wie passend, gilt doch der Jazz als Inbegriff linker Tradition und Freiheit. Ornette Coleman verkörpert den Free Jazz und gab mit seinem gleichnamigen Album 1961 einer ganzen Bewegung ihren Namen.

Durch eine Betonwüste aus mehrspurigen Schnellstraßen und Unterführungen, vorbei am Imbiss "Paradies", kommt man nach wenigen Gehminuten zu dem überraschend schönen Philharmonie-Gebäude. Hinter den geschlossenen Türen aus hellem Holz ist schon der charakteristische Klang von Colemans Saxofon zu hören – Soundcheck vor dem Konzert.

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Der Pianist Joachim Kühn hat ihn hierher eingeladen. Schon lange hat er sich gewünscht, das gefeierte Coleman-Kühn-Duett der Leipziger Jazztage 1996 zu wiederholen. In den vergangenen zehn Jahren hatten sie immer wieder gemeinsam gespielt, geprobt und geredet, ganze Tage und Nächte im Loft Colemans in Manhattan. Zwischen den Treffen gab es viele Telefonate, und immer wieder war davon die Rede, noch einmal gemeinsam aufzutreten.

Inzwischen ist Joachim Kühn Gastgeber der in Deutschland beispiellosen Jazz-Reihe in der Essener Philharmonie . Als Dritter nach Uri Caine und Carla Bley darf er hier Musiker seiner Wahl auf die Bühne bitten. Für den 11. Februar 2007 hatte er ein gemeinsames Konzert mit Ornette Coleman geplant. Dann kam die Grammy-Nominierung für das aktuelle Ornette-Album Sound Grammar und dazu die Nachricht, er würde mit einem Grammy für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden.

Also wurde das Konzert verschoben: vom 11. Februar, der Nacht der Grammy-Verleihung in Los Angeles, auf den Valentinstag. Am 10. Februar verlieh Charlie Haden in einem feierlichen Akt ohne Kameras Ornette Coleman die Auszeichnung für sein Lebenswerk. Es ist Colemans erster Grammy.

Am nächsten Tag stand er vor laufenden Kameras selbst auf der Bühne. An der Seite Natalie Coles überreichte er in einem Anzug aus schwarzer chinesischer Seide mit aufgestickten roten Drachen einen der wichtigsten Grammys dieses Abends. Der Preis für den besten Nachwuchskünstler im Musikgeschäft ging an Carrie Underwood, die Siegerin des "American Idol"-Wettbewerbs, von der der 76-jährige Coleman wahrscheinlich noch nie gehört hatte.

Leser-Kommentare
    • cosy69
    • 19.02.2007 um 14:32 Uhr

    Leider ist es gelegentlich so, dass die ganz Großen in der Musik nicht die entsprechende menschliche Größe zeigen. Das war bei Miles Davis so und offensichtlich auch bei Ornette Coleman. Joachim Kühn soll sich nicht grämen, er ist auch einer der ganz Großen.

    • dacapo
    • 21.03.2010 um 12:41 Uhr

    .....beide Seiten hören. Es wurde im Artikel nie angedeutet, was denn nun Coleman dazu sagen könnte.

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