Echolot Unrasiert nach obenSeite 2/2
Und die Brit Awards ? Die Arctic Monkeys wurden für ihr europaweit gefeiertes Debütalbum prämiert, auch James Morrison , Amy Winehouse oder The Killers bekamen Preise. Lily Allen ging leer aus. Die Frankfurter Rundschau widmet den Preisträgern einen recht unkritischen Artikel. Patrick Steller kommt in der taz zum Schluss, die Qualität der Musik habe einmal mehr keine Rolle gespielt. „Was zählt, ist der kommerzielle Erfolg.“
An Erfolg fehlt es dem als Antifolk-Musiker gestartetem Adam Green nicht. In Deutschland berichtet inzwischen sogar die Teenie-Zeitschrift Bravo über ihn. Folk - in seinen unterschiedlichen Spielarten - ist seit Jahren ein Thema: von den Kings Of Convenience bis hin zu Devendra Banhart und Coco Rosie .
Klaus Walter hat dem Genre einen Artikel in der Frankfurter Rundschau gewidmet. Zuvor berichteten bereits das englische Mojo , der deutsche Rolling Stone und – hoppla! – das Magazin für elektronische Lebensaspekte, de:bug , über die Wirrungen des Akustischen: „Geklammert im Namen des Folk wird nicht nur bei de:bug so ziemlich alles, was eine Akustikgitarre halten kann. Dabei liegen Welten zwischen dem punk-inspirierten Anti-Folk eines Adam Green, dem einsiedlerischen Geklöppel der Espers und dem nie gehörten Oper meets Kinderzimmer meets HipHop-Sound der Coco-Rosie-Schwestern.“
Das F-Wort habe Konjunktur, „aber nur mit Präfix. Erst mit einem Urban, Freak, Digital, Indie, Nu, Anti oder Weird vorne oder einem –Tronica hinten dran ist der Folk fit fürs 21. Jahrhundert.“ Findige Marketing-Abteilungen hätten das ersonnen. Die Folge? Mittelalterlich anmutende „Vollbarthorden oder in sich gekehrte Sonderlinge“ drängten in neue Hörerkreise vor. Vor Jahren noch wäre Ähnliches undenkbar gewesen. „Oder was hätte man vor fünf Jahren mit einem großstadtflüchtigen Schotten gemacht, der sich so vorstellt: ‚Natürlich habe ich Folk im Blut, Schotten sind sehr stolz auf ihre traditionellen Songs.’ Der hätte hundertmal schreiben müssen: ‚Ich werde nie mehr die Wörter Natur, Folk, Blut, Stolz und Tradition in einem Satz verwenden.’ Und man hätte ihm die Holzgitarre über den Schädel gezogen. Heute kommt James Yorkston mit seiner Blut & Stolz-Rhetorik genauso durch wie Lou Rhodes mit ihrem Maschinenstürmer-Jargon: ‚Ich wünsche mir Einfachheit und will die Maschinen aus dem Weg haben’, erklärt die zu Folk & Landleben konvertierte Ex-Sängerin der Trip-Hop-Gruppe Lamb .“
Letzlich gehorche auch Folk den Gesetzen des Marktes. „Pop-Zyklen sind Markt-Zyklen, Laut und Leise, Folk und Techno sind Segmente des Marktes, vereint in friedlicher Koexistenz im selben Kaufhaus, im Falle von Neil Young sogar im selben Körper.“
Mit seinem Zottelbart und der langen Mähne schließt hier der Starproduzent Rick Rubin nahtlos an. Johnny Cash hielt ihn bei der ersten Begegnung für einen Penner. Rubin habe „nie von Kurt Beck und dessen Erfolgsformel vom Haareschneiden und Rasieren gehört“, formuliert die FAZ . Er sei aber eben so „unfrisiert wie erfolgreich“. Bereits Mitte der achtziger Jahre schrieb er mit dem Label Def Jam HipHop-Geschichte. Danach verhalf er Johnny Cash zur letzten Blüte und reduzierte meisterlich die Kompositionen von Neil Diamond . Sein Talent bestehe darin, das Beste aus den Musikern herauszukitzeln. „Statt die Musik effektvoll aufzuladen, nimmt er ihr das Überflüssige, es bleiben auf die Essenz reduzierte und dafür von Kritikern umjubelte Alben (auf dem Cover seiner ersten Produktion, dem Debüt von LL Cool J , stand an Stelle des übliche ‚produced by’ ein ‚reduced by Rick Rubin’)“. Momentan produziere er das nächste Album von U2 , heißt es weiter. U2 reduzieren? Oha.
- Datum 19.02.2007 - 08:04 Uhr
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