Religion Zwischen Abseits und JenseitsSeite 2/2
Beim genauen Hinschauen wird klar: Das Verhalten der Akteure erinnert eher an ein magisches Ritual. Während die Religion eine bestimmte Haltung verkörpert, definiert sich die Magie durch den Wunsch, ein bevorstehendes Ereignis durch Gebete oder Rituale herbeizuführen. Magisches Denken ist Wunschdenken, das sich in Form von Zauber und Beschwörung artikuliert. Dabei ist es stets auf konkrete Zwecke gerichtet: Man will eine Person heilen, drohende Gefahr abwenden oder einem Feind Schaden zufügen. "Die Funktion der Magie ist", so der Anthropologe Bronislaw Malinowski, "den Optimismus des Menschen zu ritualisieren, seinen Glauben an den Sieg der Hoffnung über die Angst zu stärken." Besonders im Fußball lassen sich Relikte dieser Weltsicht beobachten.
Die Ungewissheit des Spielverlaufs ermöglicht aber auch modernere Verfahren der Unsicherheitsbewältigung: Statistische Berechnungen. Dabei wird untersucht, wie oft, wo und wann die gegnerischen Mannschaften bereits aufeinandergestoßen sind und wie das Ergebnis jeweils ausfiel. Ein sogenannter psychologischer Vorteil ergibt sich dann für die Mannschaft, die rein statistisch betrachtet mehr Siege eingefahren hat.
Dass sich die Grundlagen dieser Berechnungen häufig über Jahrzehnte erstrecken, dass mittlerweile ganz andere Akteure auf dem Platz stehen, wird allenfalls beiläufig erwähnt. Gemeinsames Merkmal ist nicht das Team, sondern der Verein oder das Land, für das die aktuelle Mannschaft spielt. Der Aussagewert solcher Statistiken ist also begrenzt, da stets von den einzelnen Spielern abstrahiert wird. Warum greift man dann überhaupt auf solche Berechnungen zurück? Die Antwort lautet auch hier: Weil sich Zuschauer nicht mit der Unvorhersehbarkeit des Spielverlaufs abfinden können.
Welche Gemeinsamkeiten gibt es also zwischen Fußball und Religion? Beide sind soziale Institutionen mit ritualisierten Handlungselementen, beide werden durch eine solidarische Glaubensgemeinschaft getragen. Ferner definieren sich beide durch einen überpersönlichen Bezug, zu einem Gott oder einer Mannschaft.
Dennoch darf die religiöse Semantik nicht über zentrale Unterschiede hinwegtäuschen. Im Fußball ist das Verhalten der Akteure auf den Sieg der eigenen Mannschaft ausgerichtet. Zwar verhält man sich auch hier zu einem Bereich des Unbestimmbaren, doch erinnert dieses Verhalten eher an ein magisches Ritual als an religiöse Hingabe. Fußball bedeutet Wettstreit. In der Religion gibt es dagegen keine Gewinner oder Verlierer. Mögen sich die Angehörigen verschiedener Konfessionen noch so bekämpfen - den Kern der Religion bildet der gemeinsame Glaube an eine höhere Ordnung, ein Glaube, der Trost und Vertrauen schenken soll.
Auch wenn viele Fans von sich behaupten werden, Fußball sei ihr einziger Lebensinhalt, so wird man kaum erwarten dürfen, dass dieser Sport über private Probleme hinweghilft. Existenzielle Fragen werden nicht im Stadion beantwortet. Niemand tröstet sich mit einem Fußballspiel, wenn er von einer Sinnkrise oder einem Todesfall betroffen ist - auch dann nicht, wenn seine Mannschaft ausnahmsweise einmal gewinnt.
Die Rede von einem Fußball-Gott ist insofern irreführend. Fußball eignet sich nicht als Religionsersatz. Wer hier an Heilsversprechen glaubt oder Erlösung sucht, wird zumindest langfristig enttäuscht werden. Die Akteure auf dem Platz sind endlich, ihre fußballerischen Fähigkeiten begrenzt. Auch einer herausragenden Mannschaft kann es passieren, dass sie einmal mit 4:0 vom Platz gefegt wird. Häufen sich die Niederlagen, so wird der vermeintliche Gott früher oder später eine Glaubenskrise auslösen. Um der metaphysischen Enttäuschung vorzubeugen, empfiehlt es sich daher, seine Helden nicht maßlos zu vergöttern.
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- Datum 19.02.2007 - 10:03 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 16.02.2007
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