Lehrerleben Keine Peilung
Gabriele Sinter unterrichtet an einem Oberstufenzentrum. Sie hat viel gelernt: nicht gleich verletzt zu sein, Beziehungen zu ihren Schülern aufzunehmen - und viele unflätige Worte.
Gabriele Sinter* unterrichtet an einem Oberstufenzentrum in Berlin Englisch und Sozialkunde. Das OSZ integriert Lehrgänge der Berufsschule, der Fachoberschule, der gymnasialen Oberstufe und der Fachschule. Frau Sinter schläft mit Gedanken an die Schule ein und wacht mit ihnen auf. „Es gibt zu wenig freie Momente,“ meint sie, „Wochenenden gehören zur Kernarbeitszeit. Ich muss aufpassen, dass ich meinen eigenen Kindern nicht weniger Aufmerksamkeit schenke als meinen Schülern.“ Resolut stellt sie ihre schwarze Tasche, die schwer zu sein scheint, neben ihren Stuhl. Sie redet schnell und konzentriert, als wolle sie keine Zeit verschwenden. Sie ist dunkel gekleidet und von zurückhaltendem Wesen. „Ich unterrichte 220 Schüler, in acht bis neun Klassen. Alle Kollegen an Oberstufenzentren haben wahnsinnig viele Schüler, das zeichnet diese Schulen aus. Ich habe Auszubildende, die ich drei Jahre unterrichte, Fachoberschüler für ein oder zwei Jahre und Schüler in berufsvorbereitenden Lehrgängen, die häufig von einer bildungsfernen oder benachteiligten Klientel besucht werden. Wir haben auch Schüler, die bei uns zwischengeparkt werden, weil ihnen das Arbeitsamt keine Lehrstelle anbieten kann.
Die Schüler sind oft sehr frustriert, was wir Lehrer abpuffern müssen. Wenn wir ihnen erklären, dass ihre Berufsbiograpfie davon gekennzeichnet sein wird, nicht lebenslang bei einem Arbeitgeber bleiben zu können und sich immer wieder in neue Bereiche einarbeiten zu müssen, ist das für Einige zunächst ein Schock. In der Theorie lernen sie bei uns das Jugendarbeitsschutzgesetz kennen. In der betrieblichen Praxis erleben sie, dass sich Arbeitgeber nicht daran halten, ihnen zum Beispiel keine Überstunden bezahlen. Ich kann ihnen dann nur raten, sich moderat auf ihr Recht zu berufen. Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, das Finden von Zwischentönen, wenn sie sich zur Wehr setzen, fällt vielen Schülern schwer. Manche brechen in Tränen aus, wenn sie etwas über die wirtschaftliche Situation in Deutschland lernen. Eine Schülerin rief, meine Mutter ist arbeitslos, mein Vater auch, ich will arbeiten, hören Sie auf, ich ertrage das nicht!“
Frau Sinter bestellt Kaffee, und ihre grünen Augen hinter silbergerahmten Brillengläsern schauen achtsam prüfend, ich vermute, dass sie wissen möchte, ob ich ihr folgen und sie mir trauen kann.
„Anfang des Schuljahres kam ich in eine neue Klasse, sah mich 32 Schülern gegenüber, sie waren auffallend hoch gewachsen. Einen Moment lang fühlte ich mich sehr bedrängt. Ich dachte schnell: Es gibt keinen Grund dafür, es liegt nur daran, dass es so viele sind. Ich wusste, jetzt muss es mir gelingen in kürzester Zeit Vertrauen aufzubauen. Wenn ich das nicht schaffe, wird kostbare Unterrichtszeit verstreichen im Kampf um ein angenehmes Lernklima. Ich habe es einmal erlebt, dass sich das Unwohlsein nicht gelegt hat. Nachts hatte ich Albträume, und wenn ich das Klassenzimmer dieser Schüler betrat, überfiel mich heftige Übelkeit. Ich musste diese Zeit einfach durchstehen. Hätte ich mit der Schulleitung gesprochen, wäre es mir als Scheitern ausgelegt worden.
In einer neuen Klasse fallen mir zuerst die Störer auf, dann die Leistungsstarken. Bis ich für die eine Lernkultur geschaffen habe, ist beinahe die Zeit um, mich den Nichtauffälligen zu widmen, die besonders viel Aufmerksamkeit und Ermutigung bräuchten, um aktiv am Unterricht teilzunehmen. Die Stunde ist um, das Halbjahr, das Schuljahr. Das tut mir in der Seele leid. Diese Nichtauffälligen haben in vielen Schulstufen das Nachsehen.
Mit den Reformen, die auf die Schulen zukommen, entwickeln die Lehrer Arbeitspläne und dazu passende Unterrichtseinheiten. Darauf könnte ich zurückgreifen. Aber was nutzen mir die Unterrichtseinheiten, wenn die Klasse nicht dazu passt. Das unterschätzt man leicht- ich muss überlegen, welches Material zu dem im Lehrplan vorgeschriebenen Thema dem Niveau der Lerngruppe entspricht, nicht zu reden davon, das ich ständig das Material aktualisieren muss, um glaubwürdig zu sein.
Seit die Kollegen der Rütli-Schule an die Öffentlichkeit gegangen sind, weiß man um Fehlverhalten der Schüler - für das es immer Gründe gibt. Wenn ich solche Schüler übernehme, bemühe ich mich besonders, den Unterricht vorzubereiten. Ich suche nach etwas, das sie vielleicht interessieren könnte. Lernen und Wissen wird von diesen Schülern zunächst als Zumutung empfunden, die sie dem Lehrer persönlich übel nehmen. Sie fühlen sich nicht akzeptiert, wenn sie soziale Regeln einhalten und lernen sollen. Sie bitten nicht darum, dass man etwas noch einmal erklärt, sondern grölen: ‚Eh, was soll`n der Scheiß! Hamse `n Rad ab?’ Ich weiß, dass sich dahinter Hilflosigkeit verbirgt, aber der Ansturm an Unhöflichkeiten, ich kann das nur gefiltert wiedergeben, ist gewaltig. Besonders am Anfang zeigen sich diese Schüler gern von ihrer schlimmsten Seite.“ Frau Sinter lacht und verschluckt sich. „Da fühlt man sich nach dem Unterricht, als hätte man Leistungssport betrieben.
Die Grundvoraussetzungen für das Lernen sind nach zehn Jahren Schule nicht da, also fängt man wieder von vorne an. Lehrer haben meist eine andere Sozialisation als ihre Schüler. Ich muss aufpassen, dass ich nicht empfindlich reagiere, wenn ein achtungsvoller Umgang fehlt. Wenn die Kinder selbst von ihren Eltern keine Achtung erfahren haben, kann ich nichts erwarten. Die Erziehungsarbeit wird heute auf die Schule verlagert und wenn sie dort nicht gelingt, schaffen wir eine neue Elterngeneration, deren Kinder dieselben Probleme haben werden.
Die einzige Chance besteht darin, Beziehungen aufzubauen, dem Zeitmangel zum Trotz. Meine Wahrnehmung für Schüler wird zunehmend sensibler. Die Kluft zum Lehrer habe ich in meiner eigenen Schulzeit erlebt. Es war den Lehrern egal, wie es mir ging. Ich frage nach, wenn eine Schülerin weint. Wir versuchen den Schülern zu signalisieren, dass es uns wichtig ist, wie ihre Prüfungen verlaufen, dass uns eine schlechte Note nicht gleichgültig ist. Wenn sie das fühlen, sind sie ansprechbar.
Ich habe auch Highlights. Ein Schüler sagte kürzlich, ‚Frau Sinter, ich bin guter Dinge und will auch lernen. Um 8 Uhr will ich noch richtig. Bis 5 nach 8 habe ich aufgepasst. Und um 10 nach 8 habe ich die Peilung verloren.’ Wir haben zusammen gelacht, der Junge hat kommuniziert, das genieße ich. Richtig beglückend ist, wenn plötzlich eine Freude am Thema entsteht, Lehrer und Schüler miteinander aus purem Interesse in die Tiefen eines Stoffes vordringen, gemeinsam nachdenken.“
Was lernen Sie von Ihren Schülern? Frau Sinter denkt lange nach. „Einen unflätigen Wortschatz. Und Lebensfreude von den Unproblematischen. Wenn Schüler von einem Bandauftritt am Vorabend erzählen, schlapp sind und so authentisch ihre Müdigkeit zulassen. Daran habe ich Freude, entspricht das doch gar nicht meinem Alltag, mich weniger kontrolliert meinen körperlichen Bedürfnissen hinzugeben.“
Was würden Sie sich an der Schule wünschen? „Eine neue Schulklasse mit einem gemeinsamen Wochenende zu beginnen. Würde ich machen. Wenn ich die Energie hätte. Man ist so auf das Machbare konzentriert, dass man sich vom Wünschenswerten entfernt hat. Wäre gut, die Wunschperspektive nicht zu vergessen.“
* Name auf Wunsch geändert
Zum Thema
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- Datum 09.02.2007 - 13:00 Uhr
- Quelle ZEIT online
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fuer die meisten Schulen sind unerzogene Schueler,die keinen Respekt vor anderen Menschen bes.Lehrern haben weil man es ihnen nicht bei gebracht hat.
Lehrer stehen oft vor einer unmoeglichen Anforderung.
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