Rock´n´Roller, wisst ihr´s noch? Anno 1970, als wir so jung wie heute waren, rollte der Festival Train durch Kanada. An Bord spielten, sangen, tranken, kifften die Paradiesvögel des Goldenen Zeitalters - Janis Joplin, The Band, die Grateful Dead, die Flying Burrito Brothers … In mehreren Städten stoppte der Zug, die Insassen konzertierten und wurden gefeiert, aber auch geschmäht, wegen der Eintrittspreise. Ein Teil der Fans empfand drei Dollar als Verrat an den Hippie-Idealen.

Das ist, wie gesagt, schon ein paar Tage her. Seitdem fuhr nie wieder solch ein Zug. Jetzt aber springt uns aus dem Internet ein magisches Motiv ins Auge. Auf www.caligula666.de stößt eine Dampflok durchs Bild, bestirnt mit dem Totenkopf. Darüber reckt sich, wohlbehaart, ein tätowierter Sänger und schreit MACHINE TOUROCK. Ein Text folgt. Der Autor, Maximale Fred, lädt zum Ritt auf dem Feuerross, am 24. Februar 2007, quer durch das tief verschneite Bluesland Thüringen. Start und Ziel ist Eisenach. Janis Joplin muss diesmal fehlen, doch Born To Hula aus Weimar werden spielen, Drive By Shooting aus Berlin, Widow Peoples Pup aus Halle und weitere Stoner-Rockbands, die wir auch nicht kennen. Nur 200 Tickets weltweit! Auf nach Eisenach!

Die Bahnhofshalle schimmert im milden Licht sozialistischer Fensterkunst. Zukunftsgewisse Wartburg-Autowerker erheben ihre Arme, zum Lobpreis der volkseigenen Produktion. In der Halle ballt sich ein anderes Volk: Jeans und Kutten, Matten, Rasta-Köpfe und Zöpfe, Grunge-Bärte, Hirschbrüllbeutel. Überraschend viele junge Frauen. Wir suchen den Spiritus Rector des Unternehmens. Am DB-ServicePoint steht ein freundlicher Normalo. Wir fragen nach Maximale Fred. Der Normalo sagt: Das bin ich.

Maximale Fred heißt bürgerlich Fred Bienert und ist Gleisbau-Leiter; etliche von ihm verlegte Strecken werden wir heute befahren. Unbürgerlich veranstaltet Fred seit 2001 das Erfurter Szene-Festival Stoned From The Underground . Was Stoner-Rock sei, hören wir später. Vorerst ist zu erfahren, dass kurz nach der Wende ein Emsländer nach Erfurt kam und dort den Woodstock-Plattenladen eröffnete. Zum Zehnjährigen stieg ein kleines Rocktreffen, aus dem Stoned From The Underground entstand. Mit 200 Besuchern begann es und wuchs auf jährlich anderthalbtausend. Die Zeit zwischen den Festivals, von Juli bis Juli, ist leider unerträglich lang. Zur Überbrückung hat Fred den Rock-Zug gechartert. Gleich geht´s los.

Gewaltig qualmt die Lok vom Baujahr 1944. Rot glänzen die Räder, silbern die Gestänge. Feuchtwürzig zischt der Dampf, die Kolben stoßen in frisches Fett. Lokführer Dieter Müller (Baujahr 1944) erlaubt, dass wir den Führerstand erklimmen und seine Sakristei betreten. Gebührlich bestaunen wir Druckmesser, Klappen, Ventile, die robusten Sensoren des Industriezeitalters. Jetzt reißt der Heizer Matthias Böse die Ofenluke auf und schaufelt schwarzes Gestein in den Flammenschlund. Ich bin ja nun Pensionär, sagt Müller, aber das Dampflokfahren verlernt man nicht. E-Lok, Diesel, da schaltet man ein und aus. Für die Dampflok braucht man Gefühl, wie bei ´ner Frau. Man spürt mit den Füßen, wie die Maschine reagiert.

Was war Ihre schönste Fahrt?

2004 von Köln nach Norddeich Mole, bis fast ins Wasser rein.

Wissen Sie, was Sie heute für eine Fuhre haben?

Meister Müller weiß es nicht; es ist ihm auch egal. Um diese Jahreszeit verkehrt sein antiker Zug zumeist als "Rodelblitz" und dampft Wintersportler hinauf nach Oberhof. Der Schnee fällt aus, aber in höheren Lagen soll die Temperatur bis auf neun Plusgrade stürzen. Warmer Winterregen pieselt. Das stört keinen. Gemächlich rollen wir gen Erfurt. Noch ist es in den fünf Waggons leidlich still. An der Biertränke in Wagen 3 drängen sich Gesundheitsbewusste, um ihren Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. Gequarzt wird ohne Ende. Binnen kurzem ist die Bude blau.

Im letzten Wagen sitzt ein minderjähriges Quartett. Wir fragen: Was ist Stoner-Rock?

So ´ne Mischung aus Blues und harten Gitarrenriffs, sagt Max Matschke, der Junge mit dem Rammstein-Shirt.

Ist Rammstein Stoner-Rock?