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Während Arcade Fire und die Kaiser Chiefs brav ihre Alben des Jahres abliefern, sucht sich die Erotikindustrie neue Kunden unter HipHop-Hörern. – Unsere Musikpresseschau

Mit ihrem Album Funeral erregten Arcade Fire vor zwei Jahren Aufsehen. Viele wollten in den Kompositionen der Band aus Montreal die Zukunft des Rock gehört haben. David Bowie erklärte sich zum Fan, unlängst reihten sich Chris Martin und Bono ein. Das Echo, das nun anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Albums Neon Bible durch die Medien hallt, ist noch gewaltiger. Der deutsche Rolling Stone hebt Arcade Fire auf die aktuelle Titelseite und erklärt die „Indie-Koryphäen“ zur „Band der Stunde“.

Auf sechs Seiten, mit Fotos des niederländischen Starfotografen Anton Corbijn , wird die Geschichte der Band ausgerollt. Stilgemäß haben Arcade Fire ihr neues Werk einer handverlesenen Publikumsschar in einer Kirche vorgestellt. „Die Atmosphäre ist zum Schneiden. (…) Als die ersten Akkorde von Rebellion (Lies) erklingen, schlägt die kühl protestantische Atmosphäre in einen spirituellen Gospelgottesdienst um. Der Refrain „ Every time you close your eyes / Lies, Lies! “ wird zum himmlischen Jubelchor.

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Bereits Funeral , schreibt Rolling Stone -Redakteur Maik Brüggemeyer, habe eine „klaffende Leerstelle im popmusikalischen Gefühlshaushalt“ gefüllt, „genannt Furcht und Trauer, ohne in die Introspektionsfallen der Singer/Songwriter zu fallen und in Selbstmitleid und -viktimisierung zu versinken.“ Viktimisierung? Im deutschen Rolling Stone denkt man stilistisch Englisch oder hat die sozialwissenschaftlichen Fachtermini noch nicht ganz verarbeitet.

Arne Willander erklärt Neon Bible ein paar Seiten weiter zum „Album des Monats“ und füllt seine Beschreibung mit Popreferenzen. Name dropping hieße das wohl in dieser Redaktion. „Bei Neon Bible wird Bowie wehmütig an seine größten Leistungen denken müssen – und wenn das die Platte vielleicht überschätzen heißt, so ist es doch die Wahrheit. Black Mirror eröffnet mit sanftem Grusel, Weihnachtsgefühlen und Rummelplatz-Getöse: Keep the car running verbindet das Kaffeehaus-Ambiente des Penguin Cafe Orchestra mit R.E.M.-Mandolinen.“ Aha? Kurz: Neon Bible sei „eine barocke, todesselige Feier von Pomp und Folklore, Verdammnis und Verstörung, Nihilismus, Wollust und Wahnsinn. Das Electric Light Orchestra in einer Quäkergemeinde auf dem Land. Eine agnostische Bestie im Gewand eines Engels. Die schönste Versuchung seit Johannes dem Täufer.“

In diese Jubelarie stimmt auch Thomas Winkler in der taz ein: Das neue Werk von Arcade Fire sei „die erste große Platte dieses Jahres“. Wie selbstverständlich schwinge in den Stücken der Band „die halbe Rockhistorie“ mit. Das Album destilliere „einerseits zielsicher heraus, was an Rock heutzutage noch tragbar ist. Und wagt zudem, einiges diesem Kanon hinzuzufügen, was auf dem Müllhaufen der Popgeschichte abgelegt worden war. Mehr ist momentan wohl nicht möglich.“ Nein, bestimmt nicht!

Was Arcade Fire den einen, sind die Kaiser Chiefs den anderen. Auch sie haben gerade ihr zweites Album veröffentlicht und schielen damit in Richtung Hitparade. Nicht nur in ihrem Heimatland England.

SZ -Autor Tobias Kniebe ist begeistert von Yours Truly, Angry Mob , so der Plattentitel. „Hier wurde eine große Kracherplatte mit minimalem Fettgehalt rausgerockt. Man wünscht sich – und wann bitte hat man sich das in der Popmusik zuletzt gewünscht? – dass Yours Truly, Angry Mob nicht ganz so schnell vorbei wäre.“ Natürlich bemüht Kniebe in seinem Text die Rockhistorie, auch wenn es zunächst anders aussieht: „Es bringt wenig, musikalische Einflüsse aufzuführen, denn da beschwört man dann je nach Gehöreinstellung von den Beatles und den Kinks über die Smiths bis hin zu Blur so ziemlich alles, was jemals von der Insel kam und melodisch klang. Die Songs wirken seltsam vertraut und sehr englisch, genauer können wir es aber auch nicht sagen. Hilfreicher ist da vielleicht der Hinweis auf The Jam , wegen der Tradition des präzisen dreiminütigen Popkrachers, der mit Alltagsbeobachtungen vollgepackt wird, und auf Madness – wegen dieser unnachahmlich guten Laune angesichts einer doch zutiefst unperfekten Welt.“

Klaus Ungerer besuchte für die FAZ ein Konzert der Kaiser Chiefs in Berlin und behielt weniger die Musik als eine „Pose“ in Erinnerung. „Die Sänger dieser derzeitigen Matschsynthie-Tolerierer-Gitarrenbands, welche als die kommenden Stadionfüller gelten, diese Sänger haben eine Lieblingspose. Sie singen, wenn sie zur Sache kommen, mit einem emporgereckten Zeigefinger: Hiergeblieben, heißt das wohl, ich habe euch etwas zu singen – abzuwarten bleibt, wann die Fans ihrerseits massenhaft ihre Zeigefinger hochrecken werden, und ob das Ganze sich dann auf irgend vorteilhafte Weise synchronisieren lässt.“

Abseits der Kaiser Chiefs rumpeln in England unzählige Gitarrenbands in ihren Probekellern vor sich hin. Einige zu Unrecht, andere werden hoffentlich die Nische der unfreiwilligen Bescheidenheit nie verlassen. Little Man Tate wagten sich aus Sheffield hinaus, leider. Als sie vor einigen Monaten einen ersten Abstecher nach Deutschland machten, sah man auf der Bühne eine Pubrockband mit einem wild grimassierenden Sänger. Nichts also, was man ein zweites Mal sehen, geschweige denn zu Hause auf den Plattenteller legen möchte – allen wohlmeinenden Worten des englischen Musikwochenblatts NME zum Trotz. Thomas Winkler ist in der taz trotzdem der Ansicht, dass „mindestens jeder zweite Song auf ihrem Debüt-Album About What You Know das Potenzial“ besitze, „eine Kneipe in Gleichklang zu versetzen. Oder wenigstens in der Fankurve eines Fußballstadions zum Lob des Heimvereins umgedichtet zu werden. Das sind Qualitäten, die auch in Großbritannien nicht jede Band besitzt.“

Nicht einmal die IV Thieves , die Oasis-Gitarrist Noel Gallagher kürzlich als pretty special bezeichnete? Thomas Winkler erwähnt das Album If We Can’t Escape My Pretty in einer taz- Sammelbesprechung an der Seite von Little Man Tate und The Fratellis . Die IV Thieves seien gerade mal guter Durchschnitt. The Fratellis hingegen „erfinden (…) den Eklektizismus noch einmal neu“. Im heutigen England erscheine das „ziemlich einzigartig“. Zweifel sind angebracht.

Die Teenie-Combo Tokio Hotel will ihre heulenden Heerscharen vergrößern und – nach Deutschland, Russland und Frankreich – den Globus erobern. Dabei soll das gerade erschienene Album Zimmer 483 helfen. Die Welt erkennt in Sänger Bill Kaulitz den gesamten Zweig „der populären Alien-Tradition von David Bowie“ bis hin zu „morbiden Manga-Fantasien“ wieder.

Auch Elke Buhr macht den Erfolg der Band in der FR nicht allein an der Musik fest, denn die sei allenfalls durchschnittlich. „Es ist das Charisma, das zählt.“ Vor allem der Sänger Bill werde auf der Bühne „zum kindlichen Kaiser der deutschen Popszene, mühelos bekommt er tausende kreischender Mädchen flirtend in den Griff. Er krümmt sich wie der Enkel von Iggy Pop, hat alle großen Gesten der Mitsing-Animation zu den seinen gemacht und dirigiert die wogenden Affekte der hysterischen Massen mit größter Eleganz.“

Bill sei für junge Mädchen als (imaginäres) Liebesobjekt geradezu ideal. „Er ist definitiv ein Junge, definitiv ein Star, wirkt aber niemals bedrohlich in seiner Männlichkeit. Bill hat niemals Zweifel an seiner heterosexuellen Orientierung gelassen, ist aber trotzdem wie einer (oder eine?) von ihnen, wenn er per Bravo- Interview grinsend seine Schminktipps weitergibt; bei ihm wirkt Sexualität wie Spiel, mit aller Offenheit und Ambivalenz.“

Davon kann in der zeitgenössischen amerikanischen HipHop-Szene kaum die Rede sein. Ihre Videos zeigen meist eine immer gleiche Aneinanderreihung von Sexismus und Ludentum. Der englische Elektronikmusiker Richard James, alias Aphex Twin , parodierte diese Mechanismen vor einigen Jahren mustergültig im Clip zu seiner Single Windowlicker .

Die NZZ druckte vergangene Woche zwei große Artikel, die diesen Befund untersuchten. Während Ueli Bernays „Analogien zur Struktur von Pornografie“ in der Entwicklung von Soul zu Disco nachzeichnete, spürte Jonathan Fischer der Vermengung von Pornografie und HipHop nach.

Dass HipHop, „derbere Seiten libidinöser Phantasien“ zu bedienen versuche, sei nicht überraschend: „Der Hip-Hop kommt im Unterschied zum Soul nicht aus der Kirche, wo die weibliche Sensibilität stets berücksichtigt wurde, sondern von der Strasse: Hier aber regiert der Macho.“

Pornografie gehöre im HipHop längst zum Mainstream: Gerade die derbsten Raps verkauften sich blendend. „Millionen gelangweilter Vorstadt-Jugendlicher konsumieren die Stripshow-Videos ihrer Lieblings-Rapper. Unter dem Deckmantel von Hip-Hop-Kultur lässt sich Pornographie an ein ganz neues Publikum verkaufen. ‚Wir haben jahrelang Sex benutzt, um Musik zu verkaufen’, sagt Camille Evans, die Herausgeberin des Porno-Rap-Magazins Fish'n Grits . ‚Nun benutzen wir die Musik, um Sex zu verkaufen.’“ Damit einher gehe eine latent rassistische Vermarktungspolitik: „Weiße Jugendliche sollen ihre Phantasien auf schwarze Video-Stripperinnen projizieren können, während der Rap klarmacht, dass es sich hier nur um hoes und bitches handelt, subhumane Wesen also, sozusagen.“ Solch abwertende Begriffe würden mit authentischer „schwarzer Kultur“ verwechselt. Die Folge? „Schwarzer Hip-Hop erinnert so ausgerechnet an den übelsten weißen Rassismus der amerikanischen Kulturgeschichte.“

 
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