Glucke contra Karrierefrau

Die konservativen Männer haben die Schlacht um die heile Familie mit Hausfrau offensichtlich verloren. Denn an der Macht sind nun die konservativen Frauen – und die sind zwangsläufig modern. Sie arbeiten jeden Tag und wollen anderen Frauen in Deutschland ermöglichen, dasselbe zu tun. Um sich dafür oder auch dagegen entscheiden zu können, brauchen wir wenigstens das Angebot, die Kleinsten in guten Krippen betreuen zu lassen. Wenn dann noch das mit dem Geld stimmt, ist eigentlich alles ganz einfach.

Denkt man. Aber in modernen Mütterköpfen, egal ob der CSU oder den Grünen zugeneigt, geht es um das Wohl des Kindes. Und plötzlich streben sogar die Lebenswelten der besten Freundinnen auseinander. Die eine bleibt drei Jahre zu Hause und vielleicht noch mal drei beim zweiten Kind und beim dritten wieder ... Ohne es zu wollen, entspricht sie dann doch dem Wunschbild des konservativen Mannes. Und findet schwer wieder in den Beruf zurück. Die Freundin dagegen gibt ihr Kind mit 6 Monaten in die Krippe und fängt rasch wieder an zu arbeiten. Wahrscheinlich wird aus dem engen Verhältnis dieser Mütter nun ein distanziertes. Man lebt nicht nur anders, man verachtet sich sogar. Ideologie dominiert das Gefühl dafür, was der emanzipierten Frau und ihrem Kind gut täte.

Die eine fürchtet, unglücklich zu werden, wenn sie ihre Aufgabe im Beruf nicht mehr erfüllen kann. Gerne glaubt sie an die Studien, die versprechen, dass ihr Kind in der Krippe besser sprechen lernt, sozial kompetenter und viel schneller selbstständig wird als das Baby ihrer Freundin. Die Freundin wiederum ist überzeugt, dass ihre eigene Selbstverwirklichung nachrangig sein muss, weil ein Kind drei Jahre lang von den Eltern zu Hause betreut werden sollte. Sonst nähme es Schaden. „Das einjährige Kind ist, dies belegen alle nationalen und internationalen Bindungsforschungen, auf eine Bezugsperson fixiert und braucht die Liebe und Bindung als entscheidende Faktoren für eine gesunde und emotional stabile Entwicklung. Die zu frühe Verselbstständigung und Erziehung in der Gruppe schadet dem Kind.“ Das schreibt Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der „Deutschen Kinderhilfe Direkt“ zur Debatte um die Krippenplätze.

Das Zauberwort in der Psychologie heißt Bindungstheorie. Die Bindung zur Mutter (oder zur Hauptbezugsperson, das kann natürlich auch der Vater sein) gilt tatsächlich als Maßstab für das spätere Selbstvertrauen und die Fähigkeit, gelungene Beziehungen im Leben einzugehen. Es kann - so die Theorie - durch zu viel Krippenbetreuung gestört werden. Getestet wird die Bindung durch das „Strange Situation“-Verfahren: Ein Kleinkind wird kurz von der Mutter getrennt und sein Verhalten nach der Rückkehr der Mutter beobachtet. Freut sich das Kind, umarmt es die Mutter und spielt dann entspannt weiter, ist die Bindung wahrscheinlich „sicher“. Reagiert das Kind erst einmal abweisend, wütend oder gleichgültig auf sie, gilt die Bindung als „unsicher“. Ist die Bindung jedoch sicher, da sind sich alle Forscher einig, kann die Mutter/Hauptbezugsperson auch mal für ein paar Stunden am Tag nicht anwesend sein. Es soll jedoch eine andere sehr vertraute Person in der Nähe sein, die sich dem Kind widmen kann – also der Vater, die Oma oder Tante. Auch hier muss eine sichere Bindung existieren.

Zum Glaubensbekenntnis wird die Betreuungsfrage erst, wenn es um die Krippenerziehung – also die professionelle Unterbringung geht. Richard Bowlby beispielsweise, der Sohn des Bindungsgurus John Bowlby und Präsident des amerikanischen Centre of Child Mental Health glaubt, dass Erzieherinnen keine sicheren Bezugspersonen sein können und dass die Betreuung auf sehr wenige Stunden am Tag begrenzt sein muss. Er empfiehlt, die Eltern das Betreuungsgeld auch für die Oma oder den Onkel ausgeben zu lassen.

Dabei bezieht er sich auf dieselbe repräsentative Studie, die auch Krippenbefürworter zitieren. Die “NICHD Study of Early Child Care” vom National Institute of Child Health and Human Development in den USA untersuchte 1400 Kinder von der Geburt bis zur Pubertät. Die Forscher befragten nicht nur die Mütter, sondern auch die anderen Betreuungspersonen. Sie untersuchten die Qualität der Betreuungseinrichtungen, dokumentierten, wie lange die Kinder betreut wurden und wie stabil die Beziehung zu den Erziehern war.

Das Ergebnis ist vielschichtig. Doch die Hauptaussage ist und bleibt: Wie die Mutter mit dem Kind umgeht, ist das Hauptkriterium für sein Wohlergehen. Familienvariablen sind mindestens doppelt so wichtig für die Entwicklung eines Kindes, wie die Dauer seines Aufenthalts in der Krippe oder seine Bindung zu den Erziehern. Das liebevolle, einfühlsame Verhalten der Eltern ist ausschlaggebend, die Krippenunterbringung kann die Bindung nicht zerstören. Daneben wirken allerdings sehr stark auch Ausbildung, Intelligenz, Einstellungen zur Erziehung – und das Familieneinkommen.

Riskant wird die Krippenbetreuung, wenn das Kind sowohl zu Hause als auch in der Krippe schlecht betreut wird. Eine gute Einrichtung wurde dadurch definiert, dass möglichst wenige Kinder von einem Erwachsenen betreut werden, wie gut ausgebildet und erfahren die Erzieher sind und welche Einstellung sie zu ihrem Beruf haben. Wenn die Betreuungspersonen also beispielsweise häufig wechseln, die Gruppen zu groß sind, sind die Kinder gestresster, lassen sich die Kinder schlechter trösten und sollen auch in ihrem Verhalten geringfügig auffälliger sein - aggressiver und ungehorsamer. Im Zweifel kann eine einfühlsame Krippenbetreuung natürlich dem Kind ein wenig helfen, dem es zu Hause nicht gut geht.

Umgekehrt bedient die Studie allerdings auch nicht die Ideologen, die glauben, ohne Krippe würden die Kinder sprachlich hinterherhängen oder sozial inkompetent. Es zeigten sich allgemein keinerlei Unterschiede in den kognitiven Leistungen zwischen fremd- und mutterbetreuten Kindern. Nur die Qualität der Krippen hat eine Auswirkung: Wurden die Kinder in der Krippe gut gefördert, schnitten sie statistisch besser ab als die, die nur mit der Mutter oder der Oma zusammen waren, und natürlich die, die schlecht betreut waren. Besonders schlechte Ergebnisse hatten jedoch wieder die Kinder, die von ihren Müttern nicht gut behandelt wurden – sie schnitten schlechter ab als die, die in einer schlechten Krippe untergebracht waren.

So wie es aussieht, sind beide Modelle – Glucke und Karrierefrau – gut für das Kind, solange sie psychisch gesunde, glückliche und feinfühlige Eltern erzeugen. Die arbeitende Freundin sollte sich noch genug Zeit, sogenannte „Quality Time“ für ihr Kind nehmen, die zu Hause gebliebene möglichst nicht depressiv werden vor lauter Verzicht auf ihre Selbstverwirklichung.

Das Beste wäre, wenn deutsche Mütter sich nicht schon in der Schwangerschaft entscheiden müssten, sondern auf ihr eigenes Gefühl hören und den Charakter des Kindes beobachten könnten, bis sie wissen, was wohl das Schönste für beide ist. Vielleicht ließen sich dann auch kreative Zwischenlösungen mit Arbeitgebern und Vätern vereinbaren. Überhaupt würde es vielleicht manchmal helfen, den Vater mitreden zu lassen. Der wird oft nämlich gar nicht gefragt. Vielleicht übernimmt er ja sogar ein bisschen Verantwortung?

Mitarbeit: Erika Hollenbach

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Im Internet
Zur Studie "NICHD Study of Early Child Care"

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Leser-Kommentare

  1. Wer hat eigentlich den Unfug erfunden, dass Arbeit Selbstverwirklichung ist --

    Scheint ja mittlerweile ein unanzweifelbares Dogma zu sein.

    Arbeit ist in erster Linie das Geld zu verdienen welches ich in einer arbeitsgeteilten Gesellschaft benötige, da ich es nicht mehr selber schaffe meine Bananen vom Baum zu ernten.
    Selbstverwirklichung ... da muss ich erst mal an dem Wort Selbst anfangen. Also irgendwie fängt es doch mit der Biologie, dem Körper, ok, dem Geist etc .... an, doch meistens ist das was Selbstverwirklicht wird ein trickreiches fremdbestimmtes 'kulturelles' Gespinst ... denn Selbstverwirklichung da gehört doch das dazu welches auch das Zebra und all die anderen Lebewesen machen ... sie ernähren nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familie ... das hat nichts mit Arbeit zu tun -- Arbeit hindert einen an der Selbstverwirklichung --- und arm sind diejenigen die ihre Selbstverwirklichung in der Arbeit finden und sich dadurch von ihrem eigentlichen biologischem Selbst entfernen. Sie verwirklichen meistens nur ihre Machtgelüste. Deswegen wird auch immer von Karriere gesprochen wobei die meistens ja 'nur' arbeiten.

  2. würde es ja noch gehen.
    Leider ist nicht nur das Gesülze von der angeblichen Selbstverwirklichung totaler Schwachsinn, sondern alle anderen Kampfparolen des Feminismus genauso.
    Und genau das, dieses Abstreiten der menschlichen Natur, ist der Grund für die Kinderlosigkeit.
    Und wenn noch 5 Millionen Krippenplätze gebaut würden - die Geburtenrate wird so lange sinken, wie die politischen Führer eine widernatürliche Politik betreiben.

  3. 3.

    Viele Zeit-Schreiber(innen) empfinden es nun mal als höchstes Glück, das Sozialprestige ihres Berufs, und das Bürgertum, ab oberer Mitte, dem sie angehören.
    Aldi-Kasse oder ähnliche Entfremdungstätigkeiten unter Optimierungsdruck - soweit reichen Empathie und Vorstellungskraft nicht, da adäquate Artikel zu zu bringen.
    Die Lust in Eimsbüttel, Niendorf und den Elbvororten besteht ja gerade zu einem guten Teil aus dem dauern hintergründig vorhandenem Überlagenheitsgefühl dieser Lebenslagen gegenüber Hamburg-Ost oder den darunter angelegten
    Bevölkerungsschichten.
    Man braucht nur mal auf Phönix oder n-tv zu schauen, mit welcher Lust die Kamera selbstreferenziell auf die Journalisten-Posse schwenkt. Schaut man da mal genauer hin, sieht man sehr viel.
    Das sind sehr subtile Zeitgenossen, denen es klar um die Sache geht, deswegen hetzen sie, Hollywoodfilme nachspielend, jeder medialen Sau hinterher, anstatt ruhige,
    hintergründige Artikel, Interviews und Reportagen zu bringen, wie es dieser Job theoretisch so schön möglich machen würde.
    Schade.
    Dieser dämliche Sabine-Christiansen-mässige entweder-oder-Einstieg des Artikels in der Sub-Überschrift mag ein Indiz für meinen Eindruck sein.

    • 28.02.2007 um 22:24 Uhr
    • andrku
    4. soso

    >Leider ist nicht nur das Gesülze von der
    >angeblichen Selbstverwirklichung totaler
    >Schwachsinn, sondern alle anderen Kampf-
    >parolen des Feminismus genauso.

    Wer so pauschal urteilt scheint mir selber
    ziemlich schwach**nnig zu sein. Nenn doch
    mal einige 'Kampfparolen' die dir aufstossen,
    lieber Detlef.

    Ich persönlich (als Mann) empfinde sehr wohl
    einen Genugtuung und Befriedigung zu arbeiten
    und Anerkennung dafür zu bekommen, auch wenn
    die Arbeitszeit manchmal kürzer sein könnte und
    das Gehalt höher :-)

    >Und genau das, dieses Abstreiten der menschlichen
    >Natur, ist der Grund für die Kinderlosigkeit.

    Die menschliche Natur ist es, die Kinder zu beglucken?

    Vielleicht zu deiner Information, früher (vor der 1-Kind-
    Familie) standen die Kinder viel weniger im Mittelpunkt.
    Noch heute ist bei naturalistischen Stämmen zu
    beobachten, dass die Erwachsenen ihrer Arbeit nach-
    gehen, während die x Kinder miteinander spielen oder
    später sogar mitarbeiten. So sieht Natur aus!

    >Und wenn noch 5 Millionen Krippenplätze gebaut würden -
    >die Geburtenrate wird so lange sinken, wie die politischen
    >Führer eine widernatürliche Politik betreiben.

    Sie wird solange sinken, wie eine Familie ein massives
    Existenzrisiko darstellt. Verstärkt durch immer längere
    Ausbildungs- und Schulzeiten, immer miesere
    Einstiegsgehälter, immer mehr beruflichen Druck und
    schlechte Betreuungsmöglichkeiten.

    Ist eine Politik die diese Misstände aufhebt 'widernatürlich'?

    Niemand kann eine Frau zwingen Kinder zu bekommen
    und das ist auch gut so. Ich möchte mal behaupten
    die meisten Frauen die arbeiten sind weit davon entfernt
    'Emanzen' im klassischen Sinne zu sein.

    Ich möchte selbst auch keine Frau haben, die den ganzen
    Tag zu Hause rumhängt, mein Geld ausgibt, geistig immer
    mehr abnabelt und dabei auch noch unzufrieden ist...

    Aber mit einer selbstbewussten intelligenten Frau
    wärest du sicher überfordert, lieber Detlef. Schade.

    MfG
    AKu

    • 28.02.2007 um 22:32 Uhr
    • klaeff
    5.

    Man muß nachhaken was damit gemeint ist. Meine Nachbarin hat einen Top Job. Als promovierte Biologing, mit 100.000 EUR Jahreseinkommen organisiert sie Kongresse für die Pharamindustrie. Dazu jettet sie durch die Welt, testet und probiert Locations (Shanghai, San Fransisco, Sydney...) und geht mit pot. Nobelpreisträgern zum Abendessen. Jettet sie nicht, hat sie um 17 Uhr Feierabend, Homeoffice und kann Überstunden abbauen. Zum Leben selbst braucht sie fast keine Kohle und darum hat sie auch schon 3 Wohnungen gekauft. Das ist die Selbstverwirklichung die Alice Schwarzer wohl gemeint hat. Und jetzt erzählt das mal einer Kassiererin bei Aldi. Meine Nachbarin ist übrigens kein schlechter Mensch. Mit 39 wurde ihr betriebsbedingt gekündigt, jetzt ist sie 42 und hat 2 Kinder.

    • 28.02.2007 um 22:32 Uhr
    • andrku

    Liebe Redakteure solche differenzierten
    und friedlichen Artikel wünsche ich mir öfter!

    Beide Positionen werden wissenschaftlich
    ausgewogen verglichen. Zwischenlösungen
    empfohlen. Ein vorschnelles Urteil nicht
    gesprochen. Sehr positiv.

    Wäre nur die ganze Presselandschaft so!

    MfG
    AKu

  4. Sie wieder mit diesem Hass auf alle modernen Frauen! Es geht ja hier nicht nur um Selbstverwirklichung versus Selbstaufopferung oder sowas. Es geht einfach um das Recht der Frauen, selbst entscheiden zu können, was das Beste für sie und ihr Kind ist. Viele Frauen, die nun mal studiert haben oder eine Ausbildung haben und ihr Wissen und Können produktiv einsetzen wollen, wären garantiert als Hausfrau frustriert und damit bestimmt nicht gut für ihre Kinder. Andererseits gibt es auch Frauen, die sehr gerne nur zu Hause bleiben und die wiederum von der Doppeltbelastung Beruf und Familie frustriert wären.

    Was ist gegen so eine Vielfalt der Präferenzen zu sagen? Fakt ist, dass nur zufriedene und glückliche Frauen und Männer gut für ihre Kinder sind.

    Und übrigens: wenn es Krippen für 1/3 der Kinder gibt, also für 66% der Kinder KEINE Krippenplätze gibt, bleibt doch das Modell der Hausfrau doch immer noch in der Mehrheit und Herr Barkmann kann doch beruhigt sein. Wieso regen sich so alte Herren wie Herr Barkmann denn so darüber auf? Was befürchten Sie denn? Was haben Sie denn zu verlieren? Wovor haben sie Angst?

    Grüße
    P.

  5. Mein Kommentar bezog sich auf Herrn Barkmann.

    @ andruk: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Endlich mal ein Befürworter von selbständig denkenden Frauen!

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