Es war einmal ein ganz normaler sowjetischer Junge. Er ging in eine ganz normale sowjetische Schule. In den Werken der großen Russen Puschkin, Lermontow und Tolstoi las er vom exotischen Kaukasus und den "wilden" Tschetschenen. Dass dieses alte Kapitel der russischen Geschichte ihn später einholen würde, ahnte er nicht. Wie ein ganz normaler sowjetischer Junge war er stolz auf sein Vaterland und glaubte an den Frieden in der ganzen Welt.

Als er 1994 sein Jura-Studium aufnahm, gab es keine Sowjetunion mehr. Im selben Jahr begann der erste Tschetschenien-Krieg. Ein Jahr später wurde der Achtzehnjährige zum Militärdienst einberufen. Zu dem Zeitpunkt gehörte Remarques Im Westen nichts Neues , realistisch und doch nicht ganz frei von der Frontromantik, zu einem seiner Lieblingsromane. Und wie vermutlich die meisten seiner Altersgenossen stellte er sich den Krieg damals in etwa so vor: Verwundung, Hospital, schöne Krankenschwester und Rückkehr nach Hause, wo man die Freunde mit seinen Geschichten aus dem Krieg beeindrucken konnte. 1996 wurde der Rekrut nach Tschetschenien versetzt.

Aus diesem Krieg kehrte der leichtsinnige Junge Arkadi Babtschenko nicht wieder. An seiner Stelle kam ein schwer traumatisierter, innerlich um Jahrzehnte gealterter Mann nach Moskau zurück. Viele seiner Kameraden hatte er sterben sehen. Dass er selbst noch am Leben war, glich einem Wunder. Ein paar Jahre später hat er diesen immer noch andauernden Krieg und die Verwahrlosung der russischen Armee in seinen Erzählungen beschrieben, von denen jetzt einige unter dem Titel Die Farbe des Krieges auf Deutsch erschienen sind.

Das Hauptthema all der Erzählungen Babtschenkos sind die Verbrechen der russischen Armee gegen ihre eigenen Soldaten. In erster Linie ist es die unbestrafte Willkür der Dienstälteren, deren Folter die Rekruten über sich ergehen lassen müssen. Die Angst der jungen Soldaten vor Misshandlungen verdrängt sogar ihre Angst vor dem Krieg: "Die Alten haben ihnen beigebracht, dass stillgestanden auch wirklich stillgestanden heißt. Wer nur einen Mucks macht, kriegt Prügel. Eine Totenkolonne. Sie pfeifen auf alles - auf den Krieg, auf Tschetschenien, auf die Leichenberge an der Startbahn -, sie interessiert nur eins: die Nacht, die kommende Nacht, wenn die Offiziere nach der abendlichen Wachablösung die Kaserne verlassen und sie wieder mit den Spaten malträtiert werden."

Wer überleben will, muss lernen, die Waffenmunition an die "Tschechos", wie die russischen Soldaten die Tschetschenen bezeichnen, zu verscherbeln. Denn nur so kann man sich von den Prügeln der "Großväter" freikaufen. Man muss lernen, dass dieser Krieg einem Ramschladen gleicht, in dem mit allem gehandelt wird. Selbst mit Erkennungsmarken, die, hergestellt aus Aluminium, den Feuerflammen nicht standhalten. "Also gehen die Soldaten nach Mosdok und kaufen sich welche aus rostfreiem Stahl. Man bekommt sie an jeder Ecke - der Verkauf von Erkennungsmarken ist in einer Frontstadt ein einträgliches Geschäft." Nur ein Soldatenleben hat in diesem Krieg keinen besonderen Wert.

Babtschenko beschreibt, was jemand empfindet, der ohne gebührende Vorbereitung und Ausrüstung in den Krieg geschickt wurde, dessen Kameraden nicht durch die Kugel, sondern durch Hand der Altgedienten starben, der die Verzweiflung der Soldatenmütter sah, die auf Straßen Tschetscheniens ihre Söhne Stück für Stück selbst aufsammeln mussten, und der anstelle von moralischer Unterstützung vom Präsidenten bloß eine Wahlaufforderung erhielt: "In Tschetschenien ist unsere ganze Generation getötet worden - eine ganze Generation russischer Menschen. Und selbst die von uns, die am Leben blieben - sind das noch wir? Sind das wir - jene achtzehnjährigen, frohgestimmten Jungs, die damals in die Armee verabschiedet wurden? Nein, wir sind gestorben. Wir alle sind in diesem Krieg gestorben."