Fußballhymne Vom Broadway ins Stadion
"You'll Never Walk Alone" erweicht das Herz des härtesten Fußballfans. Die Geschichte eines Liedes, das die Stimmungen eines Fußballfans beschreibt und doch so gar nichts mit Sport zu tun hat.
In Deutschland haben sie am Hamburger Millerntor damit angefangen, und auch heute noch singen sie dort am lautesten. Egal, ob der FC St. Pauli in der Bundesliga oder der Regionalliga spielt, ob er hoffnungslos zurückliegt oder haushoch führt, gegen Ende des Spiels stimmen die Fans das Lied "You'll Never Walk Alone" an. Überzeugt, majestätisch, von Herzen. Auch wenn das ein wenig paradox ist.
"You'll Never Walk Alone" - das begannen Ende der achtziger Jahre die Fans zu singen, die im stadionnahen Schanzenviertel den Bau eines neuen Musicaltheaters verhinderten, weil sie "Kommerzkultur" in ihrem Stadtteil ablehnten. Jene, die nach dem Abpfiff mitleidig auf die Busladungen voller Touristen herabschauten, die zur "Cats"-Vorstellung ins Operettenhaus auf der Reeperbahn strömten. Dabei stammt das Lieblingslied der Fans selbst aus einem Musical, direkt aus dem Herzen der US-Unterhaltungsindustrie: "You'll Never Walk Alone" kommt aus der Feder von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein, den erfolgreichsten Musical-Autoren der vierziger und fünfziger Jahre.
Ein junger Mann verliebt sich in eine junge Frau, die kurz darauf von ihm ein Kind erwartet. Der angehende Vater lässt sich zu einem Raubüberfall verleiten, weil er seine Arbeit auf dem Karussell verloren hat. Auf der Flucht bringt er sich vor der Verhaftung selbst um. Aus dem Himmel schaut er zu, wie die anderen Kinder seine Tochter hänseln, und bekommt die Erlaubnis, für einen Tag zurückzukehren. Er erscheint zu ihrer Schulabschlussfeier, und die ganze Klasse verspricht, dass seine Tochter Louise ihren Lebensweg niemals allein gehen wird.
Von dieser tragischen Liebesgeschichte von Billy Bigelow und Julie Jordan handelt das Musical Carousel , das am 19. April 1945 am Broadway Premiere hatte. "You'll Never Walk Alone" taucht darin gleich zweimal auf: direkt nach Billys Tod und im groß angelegten Finale.
Die Story basierte auf dem ungarischen Theaterstück Liliom von Ferenc Molnár, das 1930 von US-Regisseur Frank Borzage und 1934 von Fritz Lang verfilmt wurde. Dessen Version kam ein Jahr später ebenfalls in die amerikanischen Kinos, nachdem der deutsche Filmemacher in die USA emigrierte. Komponist Rodgers und Texter Hammerstein, die Molnár während der Proben in New York begegneten, verlegten die Liliom -Handlung aus dem Budapest des Jahres 1909 an die Küste von Maine und verpassten dem sozialkritischen Drama ein hoffnungsvolles Ende. Carousel war ein großer Erfolg und lief in New York über zwei Jahre lang vor ausverkauftem Haus.
Rodgers und Hammerstein, beide aus großbürgerlich-jüdischen New Yorker Elternhäusern, waren jeder für sich bereits bekannte Musical-Autoren, als ihre Zusammenarbeit 1943 begann, weil sich Rodgers' bisheriger Librettist Lorenz Hart - ein Sohn Hamburger Einwanderer - zu Tode getrunken hatte. Gleich das erste Projekt Oklahoma! war ein Welterfolg. Bis zu Hammersteins Tod 1960 folgten außer Carousel noch die Musicals The King and I , South Pacific und The Sound of Music .
1956 kam Carousel ins Kino. Verglichen mit den anderen Rodgers/ Hammerstein-Verfilmungen floppte der Streifen, weil die Amerikaner die Story zu negativ fanden. Besonders die Szene, in der ein Ehestreit mit einer Ohrfeige Billys endet, kam nicht besonders gut an. Daran konnten auch knallbunte Tanzeinlagen halbnackter Matrosen und die rührende Szene nichts ändern, in der Cousine Nettie die völlig aufgelöste Julie am Leichnam ihres Mannes mit "You'll Never Walk Alone" tröstet. Der Soundtrack der Verfilmung dagegen war ein landesweiter Hit und machte den Song so bekannt, dass sich allmählich die amerikanischen Pop- und Jazzmusiker für ihn zu interessieren begannen.
Den Sprung nach Europa aber schaffte "You'll Never Walk Alone" erst durch einen Beatmusiker aus Liverpool. Gerry Marsden hatte Ende der 50er-Jahre die Formation Gerry & the Pacemakers gegründet. Damals konkurrierte er in der Liverpooler Merseybeat-Szene noch mit den Beatles um die Vorherrschaft. Wie die späteren Fab Four wurden die Pacemakers von Brian Epstein gemanagt, von George Martin produziert und tourten regelmäßig in den Hamburger Clubs auf St. Pauli. Ihr Repertoire war etwas weniger rockig als das der Beatles, weshalb Marsden 1963 für die dritte Pacemakers-Single "You'll Never Walk Alone" als A-Seite auswählte.
Der geniale Arrangeur George Martin wandelte das üppig orchestrierte Original in eine schlichte Ballade um: nur mit Bass, Piano, Schlagzeug, Streichern und einem Hauch Rock'n'Roll-Kopfstimme - eine Coverversion, die den Song für junge Hörer zugänglich machte und bis heute großartig klingt. Am 10. Oktober 1963 schaffte es die Band mit dem fast 20 Jahre alten "You'll Never Walk Alone" an die Spitze der englischen Hitparade. An diesem Punkt nahm die Geschichte des Songs die entscheidende Wendung: Denn wer in den Charts ganz oben stand, wurde auch im Stadion des FC Liverpool gespielt.
- Datum 11.05.2007 - 05:18 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle RUND, ZEIT online, 27.02.2007
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Verehrter Herr Oberschelp,
ein wunderschöner Aufsatz! Saubere journalistische Arbeit. Gründlich recherchiert und kenntnisreich haben Sie die Geschichte dieses Liedes für uns aufbereitet.
Als ich damals als 13 jähriger Gymnasiast ab etwa 1962 den englischen Soldatensender British Forces Broadcasting Service (BFBS) auf UKW zu hören begann, nahm ich teil an dem kometenhaften Aufstieg einer neuen Form der Rockmusik, nämlich des Beats. Die Beatbands bestanden in der Regel aus 4 Musikern, einem Schlagzeuger und 3 Gitarristen; fast alle Gruppen spielten Eigenkompositionen und hatten damit Erfolg.
Alle damals aufstrebenden Beatbands wie die Searchers, Gerry and the Pacemakers, die Beatles und Stones etc. spielten doch (fast) ausschließlich eigene Songs aus eigener Produktion, die sie zu Hits machten. Das war doch das Neue, das Neuartige an dieser Musik! Die Identität von Komponist/Texter und Aufführenden/Interpreten garantierte so etwas Authentizität.
Zu jener Zeit nahm ich wie selbstverständlich an, dass alle Lieder und Songs von Gerry and the Pacemakers authentische Schöpfungen dieser Band waren. Das „You’ll never walk alone“ eine Coverversion war, erfahre ich tatsächlich erst jetzt aus Ihrem Aufsatz.
Aber schon damals hatte ich mich gefragt, wer dieses Lied für eine Orchesterbesetzung arrangiert, wer die Partitur für die Orchesterstimmen geschrieben haben könnte. Denn ich bezweifelte, ob diese 4 blutjungen Beatmusikanten um Gerry Marsden überhaupt in der Lage waren, solch ein Lied für eine Orchesterbesetzung zu schreiben und zu komponieren. So überrascht es mich nicht, dass es George Martin war, der diese Arbeit geleistet hat.
So muß ich jetzt mal recherchieren, was es mit der anderen wunderschönen Ballade der Pacemakers auf sich hat: Ferry 'cross the Mersey
Und Sie haben recht, Herr Oberschelp, dieses Lied „klingt bis heute großartig“, eben ein echter Evergreen.
Das eines meiner Lieblingstheaterstücke als Auslöser für diese Hymne zu gelten hat, nämlich Molnars Liliom, freut mich besonders.
Danke schön für diesen aufhellenden Artikel.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren