Fußballhymne Vom Broadway ins StadionSeite 2/2
Was als himmlische Lebenshilfe für eine Halbwaise gedacht war, traf den Nerv der Fans mit der Präzision eines Freistoßes in den Winkel.
Zu Beginn die Momente von Zuspruch - " When you walk through a storm, hold your head up high " - und Zuversicht - " At the end of a storm, there's a golden sky " -, die höher und höher sich schraubende Dramatik der Melodie, schließlich der Refrain - war das nicht genau das, was den Fußball ausmacht? Den triumphalen Heimsieg nach 0:2-Rückstand? Die lebenslange Bindung an den Verein? Die Fans an der Anfield Road sangen mit, und als ihr Klub 1964 zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder Meister wurde, hörten sie nicht wieder auf. Fortan führte der Song diesseits und jenseits des Atlantiks eine Parallelexistenz.
In den Vereinigten Staaten war "You'll Never Walk Alone" ein Klassiker. Die Liste der Interpreten ist lang und prominent: Louis Armstrong, Elvis Presley, Shirley Bassey, Ray Charles, Doris Day, Aretha Franklin, Frank Sinatra, Nina Simone, Barbra Streisand und Johnny Cash haben den Song zum Standard gemacht. Außerdem singt ihn der Komiker Jerry Lewis regelmäßig während einer TV-Spendengala, die jedes Jahr einige Millionen Dollar für Muskeldystrophie-Patienten einbringt. Währenddessen taten es in England Woche für Woche Fußballfans den US-Stars gleich. Als Pink Floyd 1971 ihr Album Meddle aufnahmen, war der Stadiongesang schon so sehr nationales Kulturgut geworden, dass die Musiker eine Aufnahme der singenden Liverpooler Fans als Sample in das Stück Fearless einbauten.
Später bescherte "You'll Never Walk Alone" Gerry Marsden ein Comeback. Als 1985 beim Brand einer Tribüne im Stadion des FC Bradford 56 Menschen ums Leben kamen, nahm er den Song erneut auf und schaffte es mit der Benefiz-Single erneut an die Spitze der Charts. Vier Jahre später, nach der Katastrophe von Hillsborough, als bei einem Spiel des FC Liverpool gegen Nottingham Forest 96 Menschen getötet wurden, dirigierte Marsden die Zuschauer beim Pokalfinale in Wembley als Trauerchor.
Um diese Zeit beschloss der FC Liverpool, den Songtitel in sein Vereinswappen zu integrieren, schließlich waren die meisten der Opfer Fans des Klubs gewesen. Das Lied wurde so synonym mit der verarmten Hafenstadt, dass die Gästefans der Londoner Klubs an der Anfield Road mit der Persiflage "You'll never find a Job" antworteten. Für Gerry Marsden blieb die Komposition eine Lebensversicherung: Seine 1993 veröffentlichte Autobiografie nannte er "I'll Never Walk Alone".
Zu dieser Zeit war "You'll Never Walk Alone" längst in Deutschland angekommen. Die anglophilen St. Paulianer begannen mit dem Ritual, und ihr damaliges Renommee als Benimmschule für politisch korrekte, ironische und kommerzkritische Fußballfans sorgte für eine schnelle Verbreitung. Zu einer Zeit, in der über Sitzplätze und VIP-Logen diskutiert wurde, schien der Song ein perfektes Statement der Basis zu sein: die Hymne der "Reclaim the Game"-Bewegung, die sich das Spiel von den Geschäftemachern zurückholen wollte.
"You'll Never Walk Alone" sollte zeigen, dass Fußballfans anders funktionieren als passive Konsumenten im Theater - und barg in seiner verschütteten Broadway-Vergangenheit doch den Hinweis, dass auch der Sport nur eine Bühne ist. Das wurde spätestens klar, als die Sat.1-Sendung "Ran" ihn im Hintergrund fast jeder Anmoderation aus den Stadien einblendete. Heute ist der Song längst Teil der Inszenierung Bundesliga geworden. Dazu haben selbst diverse Punkrock-Adaptionen wie etwa die der Hamburger Lokalmatadoren Rubbermaids beigetragen, die die fein austarierte Komposition in Bierzeltmusik für linke Fußballfans verwandelten. Dabei ist in Strophe zwei vom silbersüßen Gesang einer Lerche die Rede - der Moment, in dem George Martin einst die Geigen einsetzen ließ.
",You'll Never Walk Alone' ist so etwas wie eine allgemein akzeptierte Hymne geworden", schrieb Richard Rodgers 1975 in seiner Autobiografie Musical Stages , vier Jahre vor seinem Tod. Der Begriff Fußball taucht darin nicht ein einziges Mal auf. Könnte Rodgers, der wie jedes Kind in New York baseballbegeistert war und als Erwachsener am liebsten Tennis spielte, heute ein Fußballstadion besuchen, er wäre verblüfft. Mindestens so verblüfft wie im Sommer 2002 die deutschen Fernsehzuschauer während der WM in Japan und Südkorea: Da gaben die Fans in Seoul und Busan Ludwig van Beethovens Ode an die Freude zum Besten.
Dieser Artikel erscheint in der März-Ausgabe des Fußballmagazins
RUND
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- Datum 11.05.2007 - 05:18 Uhr
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- Quelle RUND, ZEIT online, 27.02.2007
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Verehrter Herr Oberschelp,
ein wunderschöner Aufsatz! Saubere journalistische Arbeit. Gründlich recherchiert und kenntnisreich haben Sie die Geschichte dieses Liedes für uns aufbereitet.
Als ich damals als 13 jähriger Gymnasiast ab etwa 1962 den englischen Soldatensender British Forces Broadcasting Service (BFBS) auf UKW zu hören begann, nahm ich teil an dem kometenhaften Aufstieg einer neuen Form der Rockmusik, nämlich des Beats. Die Beatbands bestanden in der Regel aus 4 Musikern, einem Schlagzeuger und 3 Gitarristen; fast alle Gruppen spielten Eigenkompositionen und hatten damit Erfolg.
Alle damals aufstrebenden Beatbands wie die Searchers, Gerry and the Pacemakers, die Beatles und Stones etc. spielten doch (fast) ausschließlich eigene Songs aus eigener Produktion, die sie zu Hits machten. Das war doch das Neue, das Neuartige an dieser Musik! Die Identität von Komponist/Texter und Aufführenden/Interpreten garantierte so etwas Authentizität.
Zu jener Zeit nahm ich wie selbstverständlich an, dass alle Lieder und Songs von Gerry and the Pacemakers authentische Schöpfungen dieser Band waren. Das „You’ll never walk alone“ eine Coverversion war, erfahre ich tatsächlich erst jetzt aus Ihrem Aufsatz.
Aber schon damals hatte ich mich gefragt, wer dieses Lied für eine Orchesterbesetzung arrangiert, wer die Partitur für die Orchesterstimmen geschrieben haben könnte. Denn ich bezweifelte, ob diese 4 blutjungen Beatmusikanten um Gerry Marsden überhaupt in der Lage waren, solch ein Lied für eine Orchesterbesetzung zu schreiben und zu komponieren. So überrascht es mich nicht, dass es George Martin war, der diese Arbeit geleistet hat.
So muß ich jetzt mal recherchieren, was es mit der anderen wunderschönen Ballade der Pacemakers auf sich hat: Ferry 'cross the Mersey
Und Sie haben recht, Herr Oberschelp, dieses Lied „klingt bis heute großartig“, eben ein echter Evergreen.
Das eines meiner Lieblingstheaterstücke als Auslöser für diese Hymne zu gelten hat, nämlich Molnars Liliom, freut mich besonders.
Danke schön für diesen aufhellenden Artikel.
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