Radsport Zwei Beine für ein Deutschland
Jan Ullrich war der stille und ungewollte Revolutionär des deutschen Radsports.
Das Rad der Zeit dreht weiter: Jan Ullrich auf der Pressekonferenz in Hamburg© David Hecker/AFP/Getty ImagesSein eigenes Blut ließ ihn stürzen, tiefer noch als vom höchsten Gipfel der Pyrenäen. Jan Ullrich, Ulle, der perfekte Deutsche mit all seinen Schwächen und Stärken. Der exportierte Sieger und importierte Verbrecher. Er verabschiedete sich am Montag von seinem Traum, die Tour ein zweites Mal zu gewinnen. Er lebte seine Sportkarriere für Millionen von Deutschen vor dem Fernseher.
Zehn Jahre lang quälte er sich für uns bei der Grande Boucle , zehn Jahre lang sahen wir ihn siegen oder neben Lance Armstrong verpuffen. Aber wer war dieser Mann, der die Alpen und Pyrenäen bezwang? Und wer war dieser Rotschopf, dem Diskoexzesse, Blutbeutel und Schokolade die Karriere verbauten?
Die Pressekonferenz am Montag war eine Farce: Ullrich hangelte sich mit Spickzetteln durch seinen Monolog – fast wie früher, wenn er Armstrong hinterherschnaufte. Sein Interview bei Beckmann – ein hilfloses Phrasengedresche. Der Ausnahmeathlet zitterte sich durch seine schwerste Etappe, den Rücktritt vom Profisport. Er zog zum letzen Mal die Massen vor den Fernseher und wie so oft wurde er Zweiter oder erster Verlierer. Aber das kennen wir von ihm und das lieben so viele an ihm: Er ist fehlerhaft und doch ein guter Mensch.
Der Junge aus Rostock fiel in den frühen Achtzigern in den Schoß der DDR-Sportförderung. Wie bei vielen seiner Generation wurde sein Leben dem Sport untergeordnet. Von außen betrachtet schien es ein System aus Zwang und Gehorsam gewesen zu sein, für Ullrich die Sicherheit, die er brauchte. Schon als er noch mit Turnschuhen in die Pedale trat, wurde klar, dass die Genetik es gut mit ihm gemeint hatte. Seine Muskeln, seine Lungen und das Herz waren ein Phänomen. Zwischen den Plattenbauten wuchs er heran, 1993 wurde er mit 20 Jahren Amateur-Weltmeister in Oslo – im gleichen Jahr, als Lance Armstrong seinen Weltmeistertitel holte.
Zwei Jahre später unterschrieb er seinen ersten Profivertrag bei Team Telekom. Genau von diesem Zeitpunkt an begann Ullrichs Leben sich zu verselbstständigen. Und spätestens nach seinem zweiten Platz beim Debüt bei der Tour de France 1996 fiel er in die Hände der Medien. Noch konnte er sich aber hinter seinem Kapitän Bjarne Riis verstecken, der diese Tour gewann.
Im Jahr darauf schaffte er das, was kein Deutscher vor ihm schaffte, den Tour-Sieg. Die Farbe Gelb regierte diesen Sommer. Ullrich wurde zum bedeutendsten Botschafter zwischen Deutschen und Franzosen. Er wurde zum gemeinsamen Kind der neuen und alten Bundesländer. Kaum ein anderer Sportler vereinte West und Ost wie Ullrich. Rostock hatte er hinter sich gelassen und lebte jetzt im Breisgau. Für ihn selbst war der Sieg nur seine Topleistung. Seine Heldentat schien für ihn nur die Kraft seiner Beine gewesen zu sein. Aber genau das, die kleinen Worte eines großen Sportlers, legten den Keim zu einer besonderen Anziehungskraft. Auf dem Rad war er 1997 ein Übermensch, ohne seine sportlichen Stützräder hatte er nur Sommersprossen, war unbekümmerte 23 Jahre alt.
Mit seinem Sieg schien er ein Garant für den sportlichen Aufschwung in Deutschland zu sein. Die von Arbeitslosigkeit, gestrichenen Stellen und Miseren gebeutelten Deutschen suchten Konstanz, und wenn es nur bei der Tour de France war. Ihm wurde eine lange Siegesserie angeschrieben, doch er sollte sie nie erfüllen können.
Schon ein Jahr später wurde er „nur“ Zweiter hinter dem italienschen Kletterkünstler Marco Pantani. Er verlor im Regen. Sein durchgeweichtes, aufgequollenes Gesicht ging bis ins Mark, aber er kämpfte, und alle konnten es sehen.
- Datum 27.05.2007 - 08:04 Uhr
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GStenkamp2, wieso wohl? Artikel nochmals lesen, über die eigene Frage nachdenken, dann haben Sie die Antwort - Sie sind so nahe dran!
Warum hat man denn Herrn Ullrich nicht die Fragen vorher gegeben, alles mit ihm abgesprochen, geuebt, so wie es tausende andere machen!
Da hat Herr Ullrich entweder ein Beraterteam, das fuer diese Minuten voellig, aber voellig versagt, oder er war nicht schlau genug, sich alles zu merken, was er sagen sollte oder eine Mischung aus beidem!
Warum sollten daran Journalisten Schuld sein?
Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Eine These, der Johann Mühlegg immer widersprochen hat. Ein wenig erinnert mich der Rad-lose Jan Ullrich an diesen ehemaligen Skilangläufer.
Diese Fehlentwicklung ist dann besonders tragisch, wenn sie diametral zur außergewöhnlichen Begabung eines Sportlers verläuft.
Skilaufen und Rad fahren (etc.) ist für viele Talente einfacher als reden. Wenn man nicht in einer Re(e)derei groß wird, kann man ohne genügende Erfahrung vor der Kamera bzw. dem Mikrofon ganz schön absaufen.
Sie schreiben das, was ist, auf anschauliche und ueberzeugende Weise!
Sie haben voellig recht, es ist die WAHRHEIT!
Aber wer will denn die Wahrheit wissen?
Meine Wahrheiten will auch kaum jemand hoeren und wenn doch, ernte ich meistens Spott, Verachtung!
Die Luege und Selbstluege scheint im menschlichen Leben eine viel groessere Anziehungskraft zu haben als das was ist und wahrscheinlich auch in Zukunft sein wird!
Kann sogar sein, dass die Menschheit noch einmal daran zugrunde gehen wird!
ich hab ganz die unsagbar dämliche revolutionslyrik unerwähnt gelassen.
ullrich ist also unser held. das schau ich mir mal an:
zunächst fällt auf, 'dass die Genetik es gut mit ihm gemeint hatte. Seine Muskeln, seine Lungen und das Herz waren ein Phänomen'. ein hirn wird nicht erwähnt.
das sind kriterien für den kauf eines ochsen. meine helden, so ich denn zur verehrung neigte, zeichneten sich durch intelligenz, moral, mitmenschlichkeit, humor und dies und jenes aus.
ullrichs anlagen sind ansatzweise beschrieben, was aber tat er denn nun realiter, um sich den heldenstatus zu erkämpfen?
allerhand, muß man schon sagen. 'Er lebte seine Sportkarriere für Millionen von Deutschen vor dem Fernseher.'
das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. ist doch besser, der pöbel sitzt vor der glotze, als daß er radau macht. und außerdem ist sport gesund. selbst wenn er nur mental betrieben wird.
immerhin: 'Zehn Jahre lang quälte er sich für uns bei der Grande Boucle' mit schließlich überwältigendem erfolg: '
Ullrich wurde zum bedeutendsten Botschafter zwischen Deutschen und Franzosen. Er wurde zum gemeinsamen Kind der neuen und alten Bundesländer.'
mein gott, das arme kind.
pflichtbewußt kraftvoll drehte ullrich seine runden, denn schließlich: 'Die von Arbeitslosigkeit, gestrichenen Stellen und Miseren gebeutelten Deutschen suchten Konstanz'.
was für eine tragödie, da strampelt dieser held sich um kopf und kragen, nur weil sein publikum zu dämlich ist, Konstanz am bodensee zu finden, statt vor der glotze danach zu suchen.
und es hat doch nichts geholfen, Lance Armstrong, 'die amerikanische Siegmaschine, die so emotionslos das Rennrad zum Sieg prügelte, neben einem leidenden Mensch, der hinter dem eisernen Vorhang aufgewachsen war...'
es versagt mir schier die stimme, aber gegen diese geballte amerikanische fühllose brutalität ist ein guter deutscher heldenjunge nicht gewappnet. das ist das eichenblatt seiner reinen seele.
so kam es wie es kommen mußte, der rad-recke trifft den geistes-recken und die situation verreckt komplett. 'Sein Interview bei Beckmann – ein hilfloses Phrasengedresche.'
das hat ullrich nicht verdient. wer bei beckmann phrasen drischt, der vergilt gleiches mit gleichem, resp kann sich auf sein recht auf notwehr berufen.
ps:
der deutsche an sich ist ja schon sehr gemütvoll, bei helden aber zeigt das deutsche herz, wozu es fähig ist:'Ullrich war der stille und ungewollte Revolutionär des deutschen Radsports – aber jede Revolution frisst ihre Kinder.
würg
Woanders fast wortgetreu gepostet und hier nochmal: Man sollte fragen, inwieweit die Berichterstattung Schuld hat am Doping allgemein. Oder jeder von uns Lesern/Zuschauern/evtl. Fans. Es geht nicht unbegrenzt immer höher, schneller, weiter, die Medien (also damit der Medienkonsument) fordern aber genau das. Und bitte: Dass Ullrich diesmal aber wirklich Armstrong schlägt, muss schon sein!!! Wen wunderts dann, dass 'Hilfsmittel' verwendet werden? Würde die Formel1 derartig boomen, wenn man nur normale (unfrisierte) Autos fahren lassen würde? Wohl kaum. Also dann dürfte ja alles klar sein!!! Auch wenn ich nie Fan war: Wenn ich alles überdenke, tut Ullrich mir leid, genau wie Pantani zu seiner Zeit. Sie haben sich den A... aufgerissen für uns glotzensüchtige Besserwisser, und jetzt die Häme. Geld hin oder her: Jeder, der was leistet, (und das haben sie!!!) soll auch was dafür bekommen. Jedem, der sich über die bösen Doper aufregt, sei empfohlen, sich selbst täglich für Stunden und bei jedem Wetter aufs Rennrad zu setzen und sich den A... blutig zu scheuern-nur zum Training, denn das Harte kommt erst noch! Danach kann er sich seine Meinung bilden! Meine Hochachtung bleibt, auch wenn Doping bewiesen wird, weil Unmenschliches erbracht wird!
Ulle, du Sau, quäl dich...
...durch die Talkshows!
(abgewandeltes Zitat von Rolf Aldag)
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