Weniger Fernreisen und mehr Urlaub im eigenen Land. Nach Ansicht von Umweltexperten kann jeder Bürger auf diese Weise etwas gegen den Klimawandel unternehmen. "Sylt statt Seychellen: Wer etwas für den Klimaschutz tun will, sollte Flugreisen vermeiden und in Deutschland Urlaub machen", sagte der Tourismusexperte des Potsdam- Instituts für Klimafolgenforschung, Manfred Stock am Samstag. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, sagte: "Wer mit dem Flugzeug nach Südostasien reist, sollte wissen, dass dabei mehr als sechs Tonnen Kohlendioxid pro Kopf entstehen." Ein Bahn-Reisender, der von Berlin an die Ostsee und zurück fährt, verursache hingegen nur 35 Kilogramm CO2.

Auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast hält es für eine gute Idee, die Reisegewohnheiten zu ändern: "Es gibt viele wunderbare Ferienregionen in Deutschland, die es zu erkunden lohnt." Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erneuerte seinen Appell an die Deutschen, für Flüge eine freiwillige Abgabe zu zahlen, mit der Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern unterstützt werden - etwa, indem man bei Atmosfair Geld für Klimaschutzprojekte zahlt, wenn man weit reist.

Der frühere Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP, Klaus Töpfer, forderte Deutschland und die EU vor dem Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in der kommenden Woche auf, größere Anstrengungen beim Klimaschutz zu unternehmen. Was Berlin und Brüssel anstrebten, seien keine ehrgeizigen Ziele, sondern Minimalziele, die ohne ökonomische Belastung zu erreichen seien, sagte er. Beim Einsparen von Energie müsse man "ganz revolutionär vorankommen."  Generell müssten die Europäer ihr Energie verschwendendes Konsumverhalten verändern, auch im Hinblick auf andere Länder. "Unser derzeitiger Lebensstil ist sicherlich kein globaler Exportartikel."

EU-Industriekommissar Günter Verheugen warnte dagegen vor Hysterie. Zwar müsse der Klimawandel "an allen Fronten" bekämpft werden. "Wir dürfen aber auch nicht in hysterischen Aktionismus verfallen." Europa verursache "nur einen relativ geringen Teil der weltweiten CO2-Belastung - Tendenz sinkend". Verheugen sagte: "Und an den CO2-Emissionen wiederum haben Pkw einen außerordentlich kleinen Anteil." Der Vizepräsident der EU-Kommission äußerte die Sorge, "dass wir die europäische Autoindustrie - ein Kronjuwel der europäischen Industrie - zum alleinigen Sündenbock machen". Verheugen befürchtet, dass Europa ins Hintertreffen gerät gegenüber Ländern, die den Umweltschutz weniger ernst nehmen: "Unsere wichtigste Aufgabe wird sein, dafür zu sorgen, dass sich die USA, China, Indien und Russland beim Klimaschutz genauso engagieren wie wir."

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD), mahnte zu einem sachlichen Umgang mit der "Menschheitsherausforderung" des Klimawandels. So sage der Entwurf für den zweiten Teil des UN-Klimaberichts nicht aus, dass die Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern sei. "Richtig ist, dass der Klimawandel einen zeitlichen Vorlauf von vier bis fünf Jahrzehnten hat, so dass eine weitere Zunahme der Extreme bis Mitte des Jahrhunderts nicht mehr gestoppt werden kann. Aber es ist möglich, eine Begrenzung des Anstiegs auf 2 Grad zu erreichen und damit das Schlimmste zu verhindern." Dafür müsse aber "sofort ein radikaler Kurswechsel bei der Energieversorgung, in der Landwirtschaft, beim Chemieeinsatz und in der Abfallpolitik beginnen", erklärte Müller.

Nach einem Bericht der Saarbrücker Zeitung warnt die Forschungseinrichtung der Vereinten Nationen in Bonn (UNU) vor erheblichen Klimaschäden durch die Produktion von Computern, Fernsehern und Handys und das häufige Ersetzen älterer Modelle durch neue. In einer bislang unveröffentlichten Analyse werde festgestellt, dass beim Herstellen eines Computers samt Bildschirm fünf Mal so viel an fossiler Energie verbraucht und an Kohlendioxid ausgestoßen wird wie bei der Produktion eines Autos.

Mehr zum Thema:

Wie sich das Klima wandelt - Ein Schwerpunkt