Jazz Hier stinkt's!

Der Trompeter Wynton Marsalis hat Rap immer gehasst. Jetzt rappt er. Seine neue Platte ist eine große Klage über Amerika. Ein Text mit Audiointerview

Den Hurrikan Katrina hat der Trompeter Wynton Marsalis als Einschnitt in seinem Leben empfunden – oder, besser gesagt, das, was die Menschen in seiner Heimatstadt New Orleans durchmachten, weil die Regierung sie im Stich ließ. "Die Nation ist am Boden, und es sind wir, die stinken", so lautet eine Zeile auf seiner neuen CD. Nach Black Codes (From The Underground) und Blood On The Fields bringt er jetzt seine dritte politische Platte in zwanzig Jahren heraus: From The Plantation To The Penitentiary, zu Deutsch Von der Plantage ins Zuchthaus, ist eine große Klage über Amerika.

Von seinem luxuriösen New Yorker Apartment aus wirft der 45jährige Trompeter und künstlerische Leiter von Jazz at Lincoln Center der Regierung Versagen vor und zählt die Opfer: Die Linken wie die Rechten hätten sein Heimatland an den Abgrund manövriert, "das Mutterschiff sinkt, und alles stinkt".

Marsalis fühlt mit den Nachkommen jener Menschen, die früher als Sklaven auf den Plantagen schufteten. Sie säßen heute im Zuchthaus. Die Politik habe versagt. Da bleibe nur der Jazz: "Wo Swing ist, gibt es Hoffnung." Unsichtbar sei diese Musik, aber sie könne Gefühle hervorrufen, provozieren oder ermutigen. Soziale Bewegungen brauchen Lieder, die zur Tat inspirieren: Dem We Shall Overcome der Bürgerrechtsbewegung sei das einst gelungen.

In seiner Komposition Where Y´all At rezitiert Marsalis ein langes Gedicht, in dem es um die Fehler der Linken und den Fatalismus der Rechten geht. Die Zustände seien unerträglich, doch niemand wolle schuld daran sein. Die Zeile "I guess you'd pimp your daughters if you had your druthers" ziele auf den Widerspruch von Moral und gesellschaftlicher Praxis: Du würdest deine Tochter anschaffen lassen, hättest du die Wahl. Immer seien es die Anderen, die vergewaltigen, rauben und töten. Doch zuhause hinter geschlossenen Fenstern sähen viele sich das gern im Fernsehen an.

Dass Frauen in Amerika wie Dreck behandelt würden, sei keine neue Erkenntnis, sagt Marsalis. Beyoncé, Britney Spears und Jessica Simpson nennt er Frauen, die bereits in ihrer Jugend zum Geldverdienen benutzt worden seien. Brechen sie dann zusammen, wunderten sich alle, warum sie so ausgemergelt und ausgebrannt aussähen. Viele Mädchen eiferten ihnen nach und täten sich vielerlei an, damit die Medien sie liebten. Sie prostituierten sich, sagt Marsalis. Und die Erwachsenen genössen es, indem sie kauften, wofür die Mädchen würben.

In einer anderen Zeile kritisiert er die Abkehr vom gesellschaftlichen Engagement. Besonders jene Zeitgenossen, die sich rückblickend als naiv bezeichnen, wenn sie über die Demonstrationen in den sechziger Jahren sprechen. "Y´all started like Eldridge and now you´re like Beaver" ist ein Wortspiel mit dem Nachnamen Cleaver. Leave it to Beaver hieß Ende der fünfziger Jahre eine Fernsehserie über eine typische weiße Mittelstandsfamilie namens Cleaver, in der alles seine Ordnung hatte.

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