Bemerkenswert genug, dass die Bayern gestern Abend das hoch favorisierte Team von Real Madrid besiegten. Schließlich ist das Duell aufgrund der ungleichen Etats im europäischen Maßstab das, was eine Begegnung Bielefeld gegen Bayern im Ligaalltag wäre. Nur logisch, dass deshalb dem siegreichen David nach dem Schlusspfiff auch nur so die Sympathien zuflogen - eine Erfahrung, die man im Bayern-Camp nicht unbedingt jeden Abend macht. Da lacht die bayerische Fangemeinschaft: München schlägt verdient Madrid

Doch am Mittwochabend spielten die zuweilen so mathematisch agierenden Taktiker so entfesselt, dass selbst das lethargische Münchner Publikum in ungeahnte Euphorie verfiel. Auch in der Nachspielzeit hatte man nie den Eindruck, die Mannschaft gerate ins Flattern, zumal sie vor lauter Spielfreude die Ratio nicht vergaß. Als symptomatisch für das taktisch kluge Auftreten tat sich der eingewechselte Andreas Görlitz hervor. Ohne jeden Egoismus agierte der Mittelfeldspieler taktisch ausgebufft und brachte das Kunststück fertig, in der Vorwärtsbewegung wertvolle Zeit herauszuholen. Da auch die Abseitsfalle perfekt funktionierte und die beiden Stürmer vorne gekonnt die Bälle abschirmten, fiel - abgesehen von kleineren Defiziten - allenfalls die Chancenauswertung negativ ins Gewicht.

Bei allem verdienten Lob für die Gastgeber - so grotesk schlecht wie Real Madrid tritt in München nicht jeder Bundesligist auf. Real wirkt wie ein teigiger Rentner, der vorgibt, mal jung gewesen zu sein: Kein Einsatz, keine Leidenschaft, keine Kommunikation auf dem Feld. Schlimmer: beim besten Willen war keine Idee vom Spiel zu erkennen. Erst als Cassano und Robinho in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurden, ackerten neben dem guten Torhüter Casillas zwei weitere Akteure auf dem Platz. Dem restlichen Team hätte man Arbeitsverweigerung unterstellen können.

Angesichts des komatösen Gegners hatten die individuellen Schwachpunkte der Bayern keine negativen Auswirkungen. Die Bayern erlaubten sich einen formlosen Schweinsteiger im Mittelfeld sowie Lukas Podolski, dessen bewegungsarmer Auftritt über weite Strecken einer Provokation glich. In der Allianz-Arena, die sich sonst meist Minuten vor Abpfiff Richtung VIP-Räume und Parkhaus ausdünnt, setzte am Mittwoch Abend die Abfahrt erst weit nach dem Schlusspfiff ein. Kaum einer, der sein rot-weißes Plastikfähnchen nicht als Souvenir mit nach Hause nehmen wollte.

Überhaupt hat bei Bayernspielen, zumal bei solchen in der Champions League, die WM-Atmosphäre überdauert. In der U-Bahn zum Stadion tragen neben Ober- und Niederbayern, neben Holsteinern und Rheinländern auch Japaner, Portugiesen und Südamerikaner das FCB-Trikot. Man geht freundlich und kultiviert miteinander um, auf dem Rückweg parliert spätestens ab der U-Bahnstation Kieferngarten jeder vierte mit einem außereuropäischen Nebenmann auf englisch über kulturelle Distinktionsmerkmale und damit verbunden die Notwendigkeit des Hellen nach dem Spiel. Beim FC Bayern München ist Bill Shankleys Aphorismus - "Beim Fußball geht es nicht um Leben oder Tod, die Sache ist viel ernster" - eben auf den ersten Teil reduziert. Das muss nicht weiter schlimm sein. Zumindest, wenn der Fußball so viel Vergnügen bereitet, wie am Mittwochabend beim Einzug in das Viertelfinale.

Christoph Ruf ist Redakteur des Fußballmagazins RUND

Mehr Sport auf ZEIT online »