ZEIT online: Seit über vierzig Jahren schreiben Sie Lieder, Mal angenommen ist Ihr 32. Album – was war der schönste Abschnitt dieses langen Weges?

Hannes Wader: Ich werde in diesem Jahr 65. Die Katastrophen der Vergangenheit glätten sich in der Erinnerung. Je weiter wir entfernt sind, desto rosiger färben sie sich ein. Spontan fällt mir ein: Ich möchte nicht noch einmal jung sein.

ZEIT online: In welchem Sinn?

Wader: Es gibt bei Edith Piaf den Satz "Je ne regrette rien" , das kann ich nicht sagen. Ich bereue eine ganze Menge. Viele dichten: "Ich würde alles wieder genauso machen", das kann ich auch nicht sagen. Ich habe viel Scheiße gebaut in meinem Leben. Ich bin froh, das hinter mir zu haben.

ZEIT online: Aber es gibt auch schöne Erinnerungen?

Wader: Natürlich. Auf der Platte gibt es das Stück Gute Tage , da sind schöne Erinnerungen, die wieder hochkommen. Gewalt ist das Gegenteil, da geht es um traumatische Erfahrungen, die mich bis heute begleiten. Brecht sagte: "Der Künstler soll Erfahrungen mitteilen." Das habe ich versucht.

ZEIT online: Eine ihrer ersten Platten hieß Ich hatte mir noch so viel vorgenommen, da waren Sie keine dreißig. Das klingt so abgeklärt, war Ihnen die Jugend schon damals ein Graus?

Wader: Da habe ich noch gar nicht so drüber nachgedacht. Wenn man jung ist, ist so eine Attitüde prickelnd. Das macht Spaß, dabei hat man noch gar nichts erlebt.

ZEIT online: Einige Texte der neuen Platte knüpfen an ältere Lieder an. Trotz alledem aus dem Jahr 1975 singen Sie mit einem neuem Text.

Wader: Warum soll man sich nicht wiederholen? Elton John hat das immer erfolgreich getan. Das macht den Stil und die Eigenart des Künstlers aus. Man hat ja nicht mehr zur Verfügung, als seine eigene Sicht auf die Dinge.

ZEIT online:Trotz alledem III ist ein wütendes Stück über das Leben im Kapitalismus. Sie haben es jetzt zum dritten Mal aufgenommen.

Wader: Trotz alledem ist eine Grundhaltung, die man einnehmen kann. Wenn alles den Bach runtergeht und alles hoffnungslos erscheint, muss man sich trotzdem dagegenstellen, selbst wenn man um die Vergeblichkeit weiß. Diese Haltung steckt in vielen meiner Lieder, ich habe sie nie aufgegeben.

ZEIT online: Sie singen von der Hoffnung, Sand im Getriebe zu sein. Können Lieder die Verhältnisse verändern?

Wader: Sand im Getriebe bin ich ab und zu schon gewesen. Ich habe immer Rückmeldung bekommen von Leuten, die mir nach Jahrzehnten mitteilen wollen, dass meine Lieder sie ein Lebtag begleitet haben und ihnen immer wichtig waren und sie geprägt haben. Das ist der Tenor vieler Briefe. Ich bekomme nicht so viele Briefe wie Grönemeyer und Robbie Williams, aber die paar, die ich kriege, die vermitteln das. So bin ich froh, nicht wirkungslos geblieben zu sein.
Man kann mit Liedern nichts verändern, dazu sind sie nicht da. Sie sind dazu da, eine Haltung zu bekräftigen, zu unterstützen und zu begleiten. Das ist schon sehr, sehr viel, wenn es funktioniert.
Ich habe in meinem Leben einige Haken geschlagen. Viele Leute mussten da vielleicht schon schlucken und haben sich gefragt, ob sie mir noch folgen wollen, politisch zum Beispiel. Aber die Leute können ja selber denken und haben ihre eigenen Vorstellungen, sie konnten sich dann an meinen Vorstellungen reiben. Ich reibe mich auch gerne an Meinungen anderer.

ZEIT online: Sie spielen auf ihre Mitgliedschaft in der DKP an. 1991 sind Sie ausgetreten. Auf der neuen Platte singen Sie davon, dass die Sozialdemokratie als politische Heimat nie wirklich in Frage gekommen sei. Gibt es eine politische Heimat heute überhaupt noch für Sie?

Wader: Nicht im Sinne einer Partei. Es gibt Initiativen, die mir vernünftig erscheinen, die unterstütze ich. In einer Partei gibt es zu viele Zwänge. In meiner Zeit in der DKP hatte ich diese Zwänge nicht, war aber Ende der Achtziger politisch ermüdet. Ich sah viele Widersprüche, die ich vorher nicht sehen konnte oder sehen wollte. Mein Verhältnis zur DKP ist nicht ohne Sympathie. Es gab keinen Bruch, ich habe die Partei nur verlassen. Es interessiert mich nach wie vor, was die Kommunisten vorhaben. Damals war es für mich eine Sache von Leben und Tod, ich war ermüdet von meiner Einzelkämpfersituation. Ich fühlte mich angreifbar und unglücklich. Ich hatte mich freiwillig den Maßgaben einer Partei unterworfen, das war wichtig und richtig und gut gewesen. Das hatte seine Zeit. Jetzt bin ich wieder ein – wie organisierte Linke sagen – frei schwebendes Arschloch. Damit fühle ich mich wohl.

Hören Sie hier "Politik (mal angenommen)" von Waders neuem Album