Musikmarkt : Klassik, jetzt für alle!

Dank Anna Netrebko, Sting und Rolando Villazon gewinnt die Plattenbranche neuen Auftrieb: Wie die "ernste Musik" langsam zum Pop wird.

Sting singt Renaissance-Arien, Jimi Tenor remixt das klassische Repertoire der Deutschen Grammophon, Thomas Quasthoff und Nigel Kennedy machen jetzt Jazz. Was ist denn da los im Musikzirkus? Ja, dürfen die denn das? Kann ein Altrocker wie Sting tatsächlich John Dowlands Lautenlieder zum Besten geben? Und wie klingen die Standards des Great American Songbook aus dem Munde eines Opernstars?

Derlei Fragen sind berechtigt, wenn sie auf die Qualität der musikalischen Umsetzung zielen. Die Empörung und Abscheu allerdings, die solche Grenzgänge zwischen den Genres bei einigen Feuilletonisten auslösen, erwachsen aus einem törichten, überkommenen Gedanken: Klassik und Pop, ernste und unterhaltende Musik seien unvereinbar. Ein Frevler, wer die edle Klassik durch die Niedertracht des Populären verunreinige!

Die Vermarktungschefs der Plattenfirmen sehen das mittlerweile ganz anders. Um die Jahrtausendwende vollzog sich der Wandel in den Köpfen der Klassikmanager. Die Branche lag am Boden, Verkäufe gingen zurück. Karajan und Bernstein hatten die Welt verlassen, die drei Tenöre waren abgenutzt, und es gab keine lebende Klassikszene für die breite Masse. Neue Betriebsstrukturen und Vermarktungsansätze mussten her. Da lohnte ein Blick hinüber zum Pop.

Zwar hatte man dort aufgrund illegaler Downloads ebenfalls mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen, doch ein Prinzip des Pop hatte sich als zeitlos erfolgreich bewiesen: Man muss den Musiker zur Marke machen.

So suchte Universal Classic mit ihrer Tochter, der Deutschen Grammophon, nach einem neuen Star. Attraktiv, sympathisch, zugänglich, gewinnend und natürlich virtuos sollte er sein. Man fand eine Dame, die Sopranistin Anna Netrebko. Sie brachte alles mit, was ein Popstar braucht, nur sang sie Opern. Ein Segen für die Klassikwelt, endlich kam mal wieder Schwung in die Bude. Auf einmal tat sich ein neues Publikum auf, mit dieser Frau konnte man Menschen erreichen, die noch nie einen Konzertsaal von innen gesehen hatten. Das Fernsehen half dabei. Anna Netrebko betrat den Boulevard und setzte sich zu Thomas Gottschalk auf die Couch. Das war ein anderes Bild, als es Jahre zuvor die großformatige Montserrat Caballé oder die biedere Anne-Sophie Mutter abgegeben hatten. Die Netrebko hatte den Glanz einer modernen Film-Diva und erleuchtete damit den gewundenen Pfad zur klassischen Musik. Das Massenpublikum, auf der Suche nach Unterhaltung, nach leichter Muse und Zerstreuung, folgte ihr und wollte ihre Platten.

Die Musikbranche spricht vom "Netrebko-Effekt". Um einen Musiker zu einer starken, zugkräftigen Marke aufbauen zu können, muss er medientauglich sein. "Stars, die nicht reden, also solche Überflieger wie Glenn Gould, gibt es alle 100 Jahre einmal", sagt Per Hauber, Marketingleiter der Universal Classics. "Medienscheue Künstler können nicht die ganz großen Erfolge erzielen. Um die Klassik in der Gesellschaft zu verankern, braucht man andere Künstler." Hauber scheint ein Auge für das Andere zu haben. Die Künstler der Universal-Gruppe belegen in diesen Wochen acht von zehn Plätzen der deutschen Klassikcharts. Lang Lang, Rolando Villazon, Elina Garanca, Janine Jansen und nicht zuletzt Anna Netrebko sind zu neuen, jungen Popstars der Klassik geworden. Sie sprechen über ihr Privatleben, haben Foto-Termine und besuchen Fernseh-Shows.

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