Zu den Reaktionen auf die gestiegene Sorge vor einer Klimaerwärmung gehört die mittlerweile tägliche Forderung nach einem "Umdenken": Die Politik müsse umdenken, die Wirtschaft solle umdenken, der Bürger ebenfalls. Doch anscheinend verhindert der Wunsch nach dem Umdenken ein vernünftiges Nachdenken – über den Klimawandel. Diesen Schluss legen zumindest die zweifelhaften Konsequenzen nahe, die aus den neuesten Erkenntnissen der Klimaforscher gezogen wurden.

In Deutschland pendeln die Reflexe auf das Klimaproblem zwischen Provinzialität und Aktivismus. Ende letzter Woche feierten Politiker und Medien die Beschlüsse der Europäischen Union (EU) zum Klimaschutz als historischen Durchbruch. Die EU hatte sich unter dem Vorsitz der deutschen Bundeskanzlerin darauf geeinigt, dass bis 2020 der Treibhausgas-Ausstoß der EU um 20 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 reduziert werden soll. Außerdem soll bis 2020 der Anteil erneuerbarer Energien am EU-Energiemix von derzeit 6,5 Prozent auf 20 Prozent steigen.

Die Schwächen des Beschlusses liegen allerdings offen: Zum einen sind die Vereinbarungen nicht rechtlich bindend. Zum anderen würden sie, falls eingehalten, den Kohlendioxid-Ausstoß (CO 2 ) nur unbedeutend mindern – die Menge des Treibhausgases in der Luft nähme weiter zu, und das nahezu ungebremst.

Wie belanglos die geplanten Einsparungen sind, zeigt eine bevorstehende Weichenstellung von tatsächlich historischer Dimension: In den nächsten Jahren sollen weltweit Hunderte neue Kraftwerke gebaut werden. Entscheiden sich die Konstrukteure in China, Indien, Russland und anderswo dabei für fossile Energieträger wie Kohle, wird dieser zusätzliche CO 2 -Ausstoß jede Abgas-Einschränkung der Europäer mehr als kompensieren. Wie zuvor der Kioto-Vertrag offenbart nun der Brüsseler Kompromiss, dass internationale Absichtserklärungen die Erderwärmung kaum aufhalten können.

In Deutschland schicken sich aber auch die Bürger an, den Treibhauseffekt zu bremsen. Sie wollen die Abgasemissionen ihrer Haushalte senken. Mit Nassrasur, Fahrradfahren oder Heimaturlaub streben sie nach einer makellosen persönlichen CO 2 -Bilanz. Doch die Wirklichkeit ist so schlicht wie ernüchternd: diese Privataktionen werden sich nicht auf das Klima auswirken, der CO 2 -Ausstoß deutscher Haushalte fällt weltweit gar nicht ins Gewicht. Das Senken der persönlichen CO 2 -Bilanz hat deshalb eher symbolischen Charakter - auch wenn das bedachte Haushalten mit Ressourcen keinesfalls verkehrt ist. Es spart zumindest Geld.

Trotzdem, sogar Lokalpolitiker wollen mit dem Klimathema punkten. Am Montag verkündete der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust ein Programm seiner Stadt gegen den Klimawandel. Er steckt indes in einem Dilemma: Klimaprognosen für einzelne Regionen wie Norddeutschland können Wissenschaftler gar nicht erstellen. Abgesehen von einer Erhöhung der Hochwassermauern kann Hamburg daher kaum konkrete Maßnahmen treffen.