Welttag der Poesie Schöne Wut

Haben Poesie und Politik noch etwas miteinander zu tun? Ein Beitrag der Schriftstellerin Tanja Dückers zum Welttag der Poesie

»Widersetz dich ihnen«, schreibt Jan Egge Sedelies und »du [...] spürst die wut / die empörung / den schmerz« - Zeilen, die in ihrer direkten Sprache und ihrem aufrührerischen Gestus an Gedichte aus den späten sechziger und den siebziger Jahren erinnern. Das Gedicht, in dem Wut, Empörung und Schmerz formuliert werden, ist mit »frage eines nachgeborenen« betitelt und Erich Fried gewidmet. Da machen allerorts Musterschwiegersöhne vom Schlage eines Florian Illies von sich reden, da wird von einer neuen Generation gesprochen, die ganz unverkrampft ihren Patriotismus zelebriert und in schwarz-rot-goldenem Bikini am Spree-Strand liegt, da schimpfen überall junge Gutverdiener über die sozialen Errungenschaften der linken Regierungen, von denen sie selber nach Strich und Faden profitiert haben - und hier knüpft jemand ganz unumwunden an den verbesserungswilligen Imperativ der in den letzten Jahren so viel gescholtenen 68er an.

Ende der sechziger Jahre galt Kunst ohne Bekenntnis als moralisch anstößig, die Amalgamation von Literatur und Politik wurde vehement eingefordert - mit der immer schon bestehenden Gefahr, Eulen nach Athen zu tragen und nur diejenigen zu erreichen, die auch schon vor der Lektüre die »richtige« Gesinnung hatten. Beredt skandierte Enzensberger den »Middle Class Blues«, sprach von Übersättigung, von traurig-solitären Hausfrauen und vom Tod einer Literatur, die sich L'art-pour-l'art-Gedanken verschrieben hat. Erich Fried dichtete - nomen est omen - für den Frieden, Peter Rühmkorf versuchte es im Imperativ mit »Komm raus aus deiner kaskoversicherten Dunkelkammer!«

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Die Sprache war direkt, die Botschaft eindeutig. Seit den späteren achtziger und den neunziger Jahren ist solch ein Ansatz verpönt. Zu urteilen, zu bewerten, hoffen und auffordern gilt in der Lyrik als schlicht: man soll nur noch dokumentieren. Bestenfalls kann man noch mit kühlen Sezierungen punkten wie etwa Durs Grünbein. In einem Gedicht eine Meinung zu äußern gilt als Zeichen von lyrischer Inkompetenz, geradezu als unerwachsen. Während im beherrschenden soziologischen Diskurs von der »Überkomplexität der Wirklichkeit«, einer »neuen Unübersichtlichkeit«, von »Multitude«, »Pluralismus« und natürlich von »asymmetrischen Konflikten« gesprochen wird, meint der modische Post-Jahrtausendwende-Dichter, diesen Phänomenen nur durch Entsprechung in der Sprache »gerecht« werden zu können. Es scheint, als wären »eindeutige Gedichte« nur in den politisch »eindeutigen« Zeiten der statischen Bipolarität der Welt im kalten Krieg bis 1989 erwünscht gewesen. Anders kann man sich nicht erklären, daß Lyriker wie Raoul Schrott und Nachahmer mit technoid-zeitgeistigen Einsprengseln in ihrer Kollagen-Lyrik unter akuten Kunstverdacht geraten konnten. Statt einer Frage oder einer Meinung wurde oft lediglich eine Materialsammlung angeboten: Versatzstücke aus TV, Filmen, Dokumentationen, auch aus der Soziologie, der Medizin und sogar der Militärgeschichte. Dabei war oft anstelle der vormals kritischen Haltung eine Faszination von diesen dem technischen Laien erhaben erscheinenden technologischen Neuwelten zu spüren. Was zählte, war der Wohlklang der Wörter. Solch eine lyrische Affirmation galt plötzlich als chic, denn man war es leid, immer unzufrieden mit der Wirklichkeit zu sein. Man wollte sich arrangieren und die Dinge endlich einmal umarmen dürfen, die man eben noch bekämpft hatte. Die sogenannte »Betroffenheitslyrik« wurde - abgesehen von einigen wenigen ästhetisch fundierten Auseinandersetzungen - nur aus modischen Beweggründen diskreditiert.

Niemand kann sich einbilden, ein Monopol auf die Definition von Literatur oder Lyrik zu besitzen und festlegen zu können, ab wann ein Gedicht ein Gedicht ist und welche Eigenschaften - politisch/unpolitisch - es für diesen Gattungsbegriff erfüllen muß. Der eine Fehler, den die 68er wirklich gemacht haben, nämlich jemanden zu seinem politischen oder kreativen Glück zwingen zu wollen, sollte nicht wiederholt werden. Aber Meinungsverbot wie in den Neunzigern: das bedeutet wirklich den Tod der Literatur. Kunst hat sich immer als Ergebnis einer Transformation von Wirklichkeit verstanden. Ob abbildhaft, also an der äußeren Wirklichkeit orientiert, oder abstrakt, an einer inneren »Wahrheit« ausgerichtet - Kunst hat von der Höhlenmalerei bis zur Gegenwart Zeugnis von menschlicher Weltwahrnehmung abgelegt. Und die ist nun einmal subjektiv, das ist die conditio humana. Wahrnehmung ist immer Selektion, somit Bewertung und Meinung, deshalb ist die Vorstellung, daß das »Ich« in der Lyrik nicht mehr vorkommen dürfe, beim Wort genommen, identisch mit einem Schreibverbot.

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