Welttag der Poesie Schöne WutSeite 2/2

Es scheint, daß in der jüngsten Zeit von den Rändern des Kulturbetriebs die in den neunziger Jahren so selbstverständlich vorausgesetzte Nicht-Meinung und Nicht-Einmischung wieder in Frage gestellt wird. Politik als menschliche Kollektiverfahrung wird genauso als Ingredienz der Literatur und gerade auch der Lyrik angesehen wie andere individuelle und gesamtgesellschaftliche Erfahrungsbereiche. Zumal Politik meistens genau die Schnittstelle zwischen öffentlich und privat berührt. In Gedichten wie denen von Jan Egge Sedelies wird der Versuch unternommen, der nicht zu leugnenden post- oder postpostmodernen Unübersichtlichkeit eben nicht mit den »gleichen Waffen« (in der Sprache: Abstraktion, Hermetik, Diffusion, Materialsammlung statt Meinung, serielle Aufzählung von Objekten statt kritischer Frage nach ihrem Wesen etc.) zu begegnen, sondern gerade mit dem, was sie nicht bietet: Orten, Namen, Kausalität, Fragen, Antworten, Schlußpunkten, Aufbrüchen, neuen Wegen. Es scheint, daß sich ein Bedürfnis breitgemacht hat, Fragen nach politischer Gewaltanwendung und sozialer Ungerechtigkeit nicht mehr nur mit resigniertem Achselzucken und Verweis auf Phrasen wie der allgemeinen globalen wuchernden verwirrenden ausweglosen Überkomplexität begegnen zu wollen, sondern gerade in diesem Pool aus Nicht-Verantwortlichkeit, nicht sichtbaren Feinden, Filialenwesen, Nebenwirkungen und Kollateralschäden ein paar bei näherem Hinsehen oder längerem Nachdenken nämlich doch klar benennbare Mißstände anzuführen: Sedelies spricht in seinen Gedichten vom »linienflug LH 558« - auf diesem Flug wurde ein Asylant von Polizisten erstickt -, von »Kalle Marx« und auch von »deutschland im krieg«:

»die geländewagen von Daimler Chrysler
ihre panzerung von Trasco in Bremen
der staudamm von Züblin
die zementfabriken von der Thyssen-tochter Polysis
der flughafen in basra von Hochtief
schon das dritte mobilfunknetz von Siemens

55 deutsche unternehmen auf der Rebuild Iraq 2004-messe [...]«

Nach dem »grellen Biedermeier« der neunziger Jahre mit seiner Clubculture und seiner Loveparade, nach resigniertem Privatismus und einer entsprechenden Wohnzimmerliteratur (Zeit der »kleinen Romane« sowie der »Wasserspiegel-Poesie«) scheint es Lyriker zu geben, die wieder etwas Selbstbewußtsein gewonnen haben und unbequem werden, auch wenn dann der ein oder andere Literaturpreis ausbleibt. Da zumindest im deutschsprachigen Lyrikzirkus die Hermetisch-Elitären das morsche Kulturruder fest in der alten Hand halten, wundert es nicht, daß die jüngeren politisch schreibenden Lyriker eher aus dem Underground stammen.

Jan Egge Sedelies' Gedichte sind angenehm nicht-kulturbetriebsnudelhaft; der Leser muß sich auch nicht mit der Quantentheorie beschäftigen, weil ein staunender Lyriker gerade ein paar Begriffe aus ihrem Arsenal chic findet. Sedelies' große Begabung liegt darin, in Gedichten Geschichten zu numerischen Fakten zu erzählen, die uns täglich in den Nachrichten erreichen: Er bebildert diese Fakten, erzählt von Asylanten, die tot am Zielort eintreffen, oder von Demonstranten, die wegen Verdacht auf illegalen Waffenbesitz gedemütigt und in U-Haft genommen werden - ohne dabei ins Sentimentale abzugleiten. Der Gestus ist ruhig-berichtend, und doch wird dabei kein Nachrichtenstil imitiert. »leere kekspackungen liegen neben den leichen«. Dies ist keine journalistische Sicht auf einen Hafen, an dem Leichen von Flüchtlingen gefunden werden, sondern die eines Künstlers. Hier wird Realität wiedergegeben und doch verwandelt: Auswahl, Bewertung, Analyse, Destillation, Formgebung, Kunst. Ereignisse aus der »großen Welt« werden am Einzelfall veranschaulicht und abstrakte Inhalte auf menschliche Proportionen zurückgeführt - das Gedicht als Miniatur und kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Kunst und Politik - das kann jenseits von raunendem Kunstquark oder verstockter Anti-Literatur sehr gut zusammengehen.

* Der Text ist der Essay-Sammlung Morgen nach Utopia entnommen, die im März im Aufbau Taschenbuch Verlag erscheint. 228 Seiten; 8,95 Euro.

 
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