Raketenabwehr Streit um ein Phantom

SPD und Union debattieren über die geplante amerikanische Raketenabwehr, vor allem aus parteitaktischen Gründen. Gleichzeitig versucht die Regierung, die USA für eine Kooperation zu gewinnen. Dabei sind die technischen Probleme noch gewaltig.

Es ist eine heikle Mission, zu der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am Montag nach Washington geflogen ist. Zwar reiste der Deutsche im Auftrag der EU-Ratspräsidentschaft über den Atlantik und eigentlich stand die Zusammenarbeit zwischen Washington und Brüssel auf der Tagesordnung des Treffens mit seiner amerikanischen Amtskollegin Condoleezza Rice. Aber im Mittelpunkt der Gespräche stand vor allem ein Thema: die geplante Stationierung des Raketenabwehrschilds der USA in Polen und Tschechien, auf die nicht nur Russland, sondern auch viele Politiker in Europa äußerst kritisch reagieren.

Noch am Wochenende hatte Steinmeier in einem Zeitungsbeitrag die Amerikaner vor einem „neuen Wettrüsten“ und einer Spaltung Europas gewarnt, gleichzeitig jedoch für eine „gemeinsame Lösung“ plädiert, die niemanden provoziere. In Washington nun wollte er die USA in Sachen Raketenabwehr zur Zusammenarbeit mit der Nato gewinnen. Das gelang ihm offenbar nicht so recht.

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Die Unterstützung der Kanzlerin hat der Außenminister. Auf einer Veranstaltung der CDU/CSU-Fraktion zur transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft warnte auch Angela Merkel am Montag erneut vor Alleingängen innerhalb der Nato und warb dafür, „vertrauensvoll über alle Dinge zu sprechen, um Spaltungen zu verhindern“. Am Wochenende hatte Merkel bei ihrem Polen-Besuch bereits dessen Präsidenten Lech Kaczynski davon überzeugt, dass Thema innerhalb des Bündnisses und nicht mehr allein bilateral zwischen Washington und Warschau beziehungsweise Prag zu behandeln.

Die Zeit für Gespräche scheint in der Tat günstig. Davon ist auch der CSU-Außenpolitiker Karl-Theodor zu Guttenberg überzeugt. Guttenberg will bei Gesprächen mit amerikanischen Außenpolitikern eine ernsthafte Kooperationsbereitschaft erkannt haben. „Die Amerikaner haben kein Interesse daran, dass sich die Europäer wie beim Irakkrieg erneut in einer außenpolitischen Grundsatzfrage spalten“, sagte der CSU-Politiker im Gespräch mit ZEIT online . Das hat einen einfachen Grund: Die USA brauchen die Unterstützung Europas derzeit an vielen internationalen Konfliktherden, nicht nur im Irak, sondern auch im Nahen Osten und in Afghanistan. Deshalb können sie es sich offenbar nicht leisten, einen Teil von ihnen erneut zu verprellen. Guttenberg sieht „einen großen Willen der Amerikaner, einen multilateralen Ansatz zu verwirklichen“. Er fordert daher, an die SPD gerichtet, Deutschland müsse den Wandel in der amerikanischen Außenpolitik aufgreifen, „statt den Partner zu brüskieren“.

Die Suche nach möglichen Kompromisswegen, die die amerikanischen, europäischen und russischen Interessen berücksichtigen, hat bereits begonnen. In Washington, Brüssel und Warschau wird derzeit intensiv verhandelt. Die Frage ist allerdings, wie Erfolg versprechend das Bemühen Deutschlands und der EU ist, aus der amerikanischem Raketenabwehr ein multilaterales Projekt der Nato zu machen, und wie groß die Bereitschaft der US-Regierung ist, sich auf konstruktive Gespräche einzulassen. Manche Europäer hoffen, das Projekt auf die lange Bank schieben oder gar ausbremsen zu können, wenn es erst einmal in Nato-Händen ist. Schließlich überwiegt nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und selbst in Polen die Skepsis gegenüber den amerikanischen Plänen. Doch die Hoffnung könnte sich als trügerisch erweisen.

Für den Friedensforscher Bernd W. Kubbig von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung ist es jedenfalls ein „zweischneidiges Schwert“, die Raketenabwehr zu einem Nato-Projekt zu machen. Denn es sei überhaupt nicht entschieden, wer in einem solchen Fall wen einbinde: die Nato die Amerikaner oder die Amerikaner die Nato. Am Ende könnte die Nato dem amerikanischen Projekt zu jener Legitimation verhelfen, die es selbst im eigenen Land derzeit nicht besitze. Die Hoffnung hingegen, die Nato könne die Amerikaner noch bremsen, wenn das Projekt in Nato-Strukturen eingebunden sei, hält Kubbig für trügerisch. Die USA hätten einen „starken machtpolitischen Hebel“, ihre Interessen innerhalb des Bündnisses durchzusetzen. Dies bedeute, „entweder sie machen es mit der Nato oder sie machen es alleine“, sagte Kubbig im Gespräch mit ZEIT online .

Auch die Strategie, auf Zeit zu spielen und auf einen neuen amerikanischen Präsidenten zu setzen, verfängt nach Ansicht des Friedensforschers nicht. Der innenpolitische Druck in den USA sei groß. George W. Bush stehe bei einem großen Teil seiner Wählern im Wort, er werde deshalb vor dem Ende seiner Amtszeit Fakten schaffen.

Leser-Kommentare
  1. Die europäischen Bürger wollen keine neue US-Raketen in Europa. Sie werden dagegen protestieren, in einem Ausmaß, wie es Europa noch nie erlebt hat. Und: die US-Amerikaner werden die Kommando-Hoheit nicht der Nato überlassen. Erbärmlich ist, wie einige Politiker der Union, an der Spitze der Fraktions-Meßdiener von Klaeden, auf der Schleimspur von Bush kriechen. Erstaunlich. Wohl nichts gelernt. Das Verhalten der Kanzlerin läßt derzeit darauf schließen, daß Sie die deutsche Öffentlichkeit und den Rest Europas täuschen will. Ihre Position ist überhaupt nicht klar. Mal sehen, wo die FDJ-Kanzlerin am Ende wirklich steht?

  2. 2. Unsinn

    das Thema juckt keinen, schon weil es sich nicht um ein Angriffssystem handelt.

    • Colon
    • 20.03.2007 um 17:08 Uhr

    Lieber Herr Seils,

    So beruhigend Ihre Anmerkungen zur technischen Reproduzierbarkeit der Raketenabwehr auch sein mögen. - Einige Grundfragen müssen in naher Zukunft gestellt und beantwortet werden:

    1. Sollen einzelne EU-Länder, ohne Zustimmung der übrigen Staaten, Waffensysteme und Hilfseinrichtungen eines Nicht -EU Landes stationieren?
    2. Warum sollen in Europa dauerhaft amerikanische Truppen stationiert sein?
    3. Wer übt die vollen Hoheitsrechte an den derzeitigen US-Truppenstandorten aus? Wann wird das geändert?
    4. Wer bestimmt die notwendige Neuausrichtung der NATO und wie wird dazu abgestimmt?
    5. Wann wird ernsthaft die wachsende Diskrepanz zwischen Grundgesetz und derzeitiger Beteiligung an Auslandseinsätzen diskutiert und politisch beantwortet?

    Der Streitfall Raketenabwehr ist nicht nur eine innenpolitische Petitesse, losgetreten auf der Basis verständlicher Profilierungswünsche dahinregierender Sozialdemokraten.

    Seit dem Beginn der Bush-Administration werden kontinuierlich Bedrohungszenarien lanciert, die neben tatsächlich geführten Kriegen, auch wieder massive Aufrüstungen der Partner erzwingen sollen.

    Auch wenn die US-Regierung derzeit macht, was sie will und wenig auf den Rat ihrer Verbündeten gibt, Blair hatte letztlich durch sein Mitmachen so wenig Einfluss wie Schröder und Chirac durch ihr 'Nein', kann doch nicht weiterhin gelten, Europa blind gehorsam hinterher dackeln zu sehen.

  3. suchen die Sozialdemokraten nach einem dringenden Befreiungsschlag, der ihre eigentlich schon vollkommen unionskonforme Politik nun dennoch mit einem neuen Alleinstellungsmerkmal versieht: Dem antiamerikanischen Pazifismus.

    Dass man damit zwar Wahlen gewinnen kann, wie Gerhard Schröder gezeigt hat, realpolitisch allerdings nur noch unglaubwürdiger wird, scheint Beck und Co wenig zu interessieren. Wer kann es Ihnen auch verdenken, wo doch von Sozialdemokratie bis auf den roten Schal von Franz Müntefehring nicht mehr viel übrig ist bei den Neoliberalen im linken Gewand.

    In einer Zeit, wo eine reale Gefahr durch die, den Terrorismus unterstützenden Staaten besteht und dies bereits die nukleare Dimension (siehe Iran) erreicht hat, gegen ein Raketenabwehroprogramm Politik zu machen und damit den vermutlich wichtigsten Verbündeten Europas neben Israel, die USA zu brüskieren, zeugt von einer Naivität, die die SPD außenpolitisch auf Schröders Nein zum Irakkrieg zurückwirft.

    Wie soll man einem Amerikaner, der anbietet in solch einer Zeit gemeinsam mit Europa an einer sicheren Lösung zu arbeiten erklären, dass hier innenpolitische Strategien stets vor außenpolitischen Notwendigkeiten bedacht werden.

    Das ist ein Armutszeugnis deutscher Außenpolitik und es wird die Lage nicht besser machen. Denn: - Raketensystem hin oder her - Europas Signal ist eindeutig: Wir lehnen es ab mit den USA zusammenzuarbeiten.
    Auf Dauer wird sich so grundlegend etwas in den bilateralen Beziehungen ändern. Es stellt sich nur die Frage, ob es in Europas Sinne ist.

  4. Kann mir mal jemand sagen, was die USA überhaupt mit neuen militärischen Installationen im Gebiet der EU verloren haben? Man stelle sich nur mal kurz die Situation andersrum vor: die EU oder auch Russland planen eine Raketenstation in Alaska. Absurd, nicht? Ist die EU eine Kolonie, die man ohne weiteres auch militärisch 'gebrauchen' kann?
    Wenn man sine ira et studio die militärischen Entscheidungen der letzten Jahre betrachtet, die die USA getroffen haben, die Kriege, die auf fremdem Territorium geführt wurden und werden, kann einem schon ganz anders werden.

  5. ..stützt sich ihre Behauptung, dass die Europäer keinen Schutz gegen Raketetenangriffe wünschen?

  6. .. lautet wie folgt:

    Es geht bei der Raketenabwehr in Europa darum, vor Angriffen aus aggressiven Staaten, wie dem Iran, geschützt zu werden.
    Sie finden daher in Europa statt, damit auch Europa vom Schutz profitieren kann.
    Es wäre aus Europäischer Sicht absurd einen derartigen Schild in Alaska zu stationieren, weil es von dort keine Bedrohung gibt.

    Wenn ich außerdem daran erinnern darf ist Europa keine Kolonie der Vereinigten Staaten. Sie ist vielmehr Verbündeter, was sich aus der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus durch die Alliierten erklärt. Daher kann man aus deutscher Sicht auch froh sein, dass sich die USA vor langer Zeit dazu entschlossen haben Kriege in anderen Ländern zu führen, da insbesondere Deutschland davon profitiert hat.
    Beantwortet das Ihre Fragen?

  7. vielleicht haben die Sozis da drauf gewartet und sicher sollten Amis und Europäer gemeinsam gegen Terrroristen vorgehen.
    Nicht aber so.
    Von einem amerikanischen Angebot kann ich wirklich nix erkennen, wissen sie da vielleicht mehr ? Das ist eher ungefähr, als ob ihnen einer ungefragt ihre Autoreifen durchlöchert, 'weil wir alle was fürs Klima tun müssen '
    Man sollte es einfach nicht den Leuten überlassen, die nur Feindbilder und Gefolgschaft suchen.
    Dazu ist das Thema zu wichtig.

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