Religion

Rituale der Ungläubigen

© Jann Wilken für ZEIT online

Auch im Alltag desjenigen, der nicht glaubt, gibt es zahlreiche rituelle Handlungen. Ihr Ursprung können mystische Bewegungen, gesellschaftliche Konventionen oder selbstgewählte Beschränkungen sein. Manchmal sind es sogar religiöse Motive, die in Vergessenheit geraten sind. Knautschige Hündchen, das Emblem des Lieblingsvereins oder ein Foto der Freundin: An Autorückspiegeln baumelt so manches. Nicht immer bloß zur Zier. Wie ehedem Seemänner glaubten, die am Mastbaum angenagelte Haifischflosse verleihe ihrem Schiff Kraft, Glück und Schnelligkeit, dient der Rückspiegel-Schmuck dem Autofahrer als Talisman. Er soll das Auto sicher und heil über die Straßen leiten. Der Talisman wird oft mit dem Glücksbringer verwechselt. Während der Glücksbringer jedoch ein Gegenstand ist, der tatsächlich in einem besonderem Moment Glück gebracht hat, wird ein Talisman frei gewählt – gleichgültig, ob er zur Situation passt oder nicht. Deshalb sind auch indianische Traumfänger am Innenspiegel in Ordnung, selbst wenn der Schlaf am Steuer gar nichts zu suchen hat.
Leser-Kommentare
  1. Dieser Artikel bringt zwar wirklich nichts Neues, aber ist trotzdem gut zu lesen. Irritierend sind aber z.T. die Fotos: Der Abschnitt über Astrologie wird illustriert mit einem Bild, auf dem die FAZ gelesen wird, die - wie die ZEIT - zu den wenigen horoskopfreien deutschen Zeitungen gehört. Und wo es im Text um den Sonntagsbraten geht, zeigt das Foto nun gerade keine Familie am sonntäglichen Tisch, sondern ein Paar in einer Gaststätte: Tieferer (Hinter-)Sinn - oder einfach eine schlampige Bildauswahl?

  2. Oh Gott! möchte man fast ausrufen, wenn man als Atheist mal wieder sieht, wie Atheismus und Aberglaube in einen Topf geworfen wird.

    Atheisten glauben *nicht* an den ganzen übernatürlichen Quatsch wie Götter, Glücksbringer, Horoskope und was abergläubige Nichtchristen in unserem Land noch alles toll finden. Aberglaube ist das Gegenteil von Atheismus. Aberglaube ist doch vielmehr der Glaube an viele 'kleine Götter' in Form von Schutzamuletten, Glücksbringern und Magie (wenn Horoskope die Zukunft vorhersagen sollen dann ist das Magie).

    Wenn man über Aberglauben in Deutschland schreiben will kann ist das sicher ein nettes Thema für das Feuilleton, aber bitte, bitte, stellt solche Artikel doch nicht in die Rubrik Atheismus!

  3. je weniger ABS, EPS und anderer Hilfsmittel zur Entschleunigung um den Crash zu verhindern, umso mehr vetrauen Besitzer von vorwiegend Kleinwagen auf den Schutz von 'Rückspiegelbaumlern'. siehe auch: www.pet.blogger.de mit einer kleinen Sammlung von Nachfolgern vom Hl. Christoherus

    • ztc77
    • 21.07.2009 um 1:07 Uhr

    Mal abgesehen vom Ritual der Mülltrennung haben Sie hier aber kaum über die Grenzen der Einfalt hinausgehend nachgedacht! Sollte einmal ein Außerirdischer die Erdlinge beschreiben, so würde er sicher mit mehr Wachheit berichten! Etwa folgendes:
    # Schon in jungen Jahren wird von Erdlingen der Gott des Handys verehrt, es wird liebevoll angeschaut, ans Ohr gelegt, neben den Teller gelegt, mit Gebeten förmlich überschüttet, sogar elektrische Energie wird ihm geopfert!
    # Etwa ab der Pubertät erfährt die Göttin des Lenkrads offensichtlich allergrößte Verehrung! Stundenlang wird es warmgehalten, streichelnd gepflegt und bewegt, auch dieser Göttin opfert man ab und zu eine große Menge Flüssigkeit! Einige opfern ihr sogar ihr Leben!
    # Sehr auffällig ist die Verehrung des Gottes der roten Ampel, (fast) alle tun dies und schauen sie mit leicht mürrischem Gesichtsausdruck, aber gläubig so lange an, bis sie erlischt!
    # Die Grün-Ampel-Göttin hat es schon schwerer, sie wird zwar mit Freude im Gesicht kurz angeschaut, aber keiner verharrt vor ihr in Ehrfurcht!
    # Die größte Religionsgemeinschaft der Erdlinge wird aber von den Verehrern des Bildschirms repräsentiert! Sie verbreitet sich gerade in ungeheurem Ausmaß unter den Völkern! Keiner erkennt sie und doch ist sie allgegenwärtig! Hier ist zu beobachten, dass die Bildschirmreligion mit zwei und mehr Bildschirmen pro Person offensichtlich schon Formen eines fast ausgestorbenen Polytheismus wieder aufgreift! Dennoch sind Anzeichen einer hochintensiven Partnerschaft zwischen dem Gläubigen und dem jeweiligen Bildschirm deutlich spürbar, auch wenn er mehrere davon verehrt! Sogar Partner und Kinder können trotz ihrer Existenz im gleichen Zimmer oder der gleichen Wohnung vergessen werden! Auch die religiösen Schriften dieser Religion, "Gebrauchsanweisung" genannt, sind oft sehr unverständlich, werden kaum gelesen und enthalten nie Hinweise, wie man sich vor den exzessiven Auswüchsen der Bildschirmverehrung schützen kann!
    # Die Verehrung von Menschen und Kindern wird dagegen langsam immer seltener. Bisweilen werden sie noch angeschaut, aber bevor auf beiden Seiten echte Freude aufkommt, endet ein solches Ritual in einer Blendung aller Beteiligten mit Knipsgeräusch. Dabei ist Lächeln größte Pflicht, - wer nicht lächelt, wird nochmal geblendet!
    # Die Verehrung nackter Menschen ist äußerst schwer zu begreifen! Einerseits werden viele Oberflächen wie Papier, Bildschirme, Projektionswände, sogar Fahrzeuge mit den Bildern nackter Menschen übersät, sodass man von einer starken Verehrung ausgehen könnte. Bei näherem Hinsehen stellt man aber fest, dass diese Nacktheit nur benutzt wird für die Verehrung von Unnötigem. Gleichzeitig verlernen auch die Menschen immer mehr, Nacktheit als etwas Verehrenswertes zu küssen und zu liebkosen, all das wird zwar noch getan, es hat aber oft zum Ziel, auf anderen Gebieten Vorteile damit zu erkaufen.
    # All dies sind erste Denkanstöße, wie terrestrische Kennzeichen von Verehrung beobachtet und erforscht werden können, weitere sind somit nicht ausgeschlossen! Der forschenden Jugend sei hier aufgezeigt, wie weit dieses Feld bei unvoreingenommener Beobachtung, bisweilen augenzwinkernd, beleuchtet werden kann!

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