Echolot Hodenwein für Iggy Pop
Der HipHop wird schwul, Amy Winehouse trinkt wie wild, und Paul McCartney verkauft seine neue Platte im Kaffeeladen. – Unsere Musikpresseschau
In den vergangenen Jahren wurde im Musikgeschäft kaum etwas so heftig diskutiert wie der Wandel des Konsumverhaltens. Der physische Tonträger hat an Bedeutung verloren. Internetversierte Konsumenten, die sich Musik lieber herunterladen, lösen den klassischen Plattensammler ab. Die Industrie reagiert unterschiedlich darauf: mit hysterischen Kopierschutzmaßnahmen oder luxuriösen Spezial-Editionen im Fachhandel. Neuerdings wird Musik auch an ungewöhnlichen Orten verkauft. Bekleidungs- und Zeitschriftenläden haben es vorgemacht, nun versucht das Kaffeehaus Starbucks seine Kunden neben Heißgetränken und Gebäck mit Musik zu versorgen. Ein eigenes Label ( Hear Music ) wurde gegründet, bald schon sollen sich die großen Künstler des Populären in den Verkaufsregalen der Franchise-Kette aneinanderreihen. Darunter – so war es vergangene Woche im Wirtschaftsteil der SZ zu lesen – auch Paul McCartney . Der Ex-Beatle wolle ein Album bei Hear Music veröffentlichen. „Wenn sich die Gerüchte bestätigen, könnte Paul McCartney zu den ersten prominenten Künstlern gehören, die Starbucks für sein neues eigenes Plattenlabel verpflichtet“, schreibt Jörg Häntzschel. Dies stelle die logische Konsequenz einer seit Längerem verfolgten Strategie der Kaffee-und-Kuchen-Kette dar, um „ihren ubiquitären, weltweit identischen Cafés ein wenig kulturellen Glanz zu verleihen – und nebenbei neue Einnahmequellen zu eröffnen. Mit exklusiv bei Starbucks erhältlichen Alben von Stars wie Alanis Morisette und Ray Charles hatte die Kette bereits enormen Erfolg – immer begleitet von heftiger Kritik an den Künstlern, die sich mit dem Giganten einlassen.“ Schon heute machten die Tonträger immerhin ein Prozent des Umsatzes aus, Tendenz steigend.
Dem Profit nicht abgeneigt ist auch der amerikanische HipHop-Unternehmer P. Diddy . Neben einem eigenen Modelabel und teuren Autofelgen trägt jetzt eine Parfümlinie seinen Namen. Sean Combs, wie Diddy mit bürgerlichen Namen heißt, ist ein findiger Geschäftsmann. Nur einem wie ihm kann es einfallen, die ehedem schon ertragreiche HipHop-Feindschaft zwischen amerikanischer Ost- und Westküste noch einmal auszuschlachten: in der Auflösung der einstigen Rivalität. P. Diddy und Snoop Dogg standen seinerzeit im Zentrum des medienwirksam aufgebauschten Konflikts , der etwas von einem Bandenkrieg hatte – Verschwörungstheorien inklusive. Die Toten ( Tupac Shakur und Notorious B.I.G. ) sind beerdigt und in die Rapgeschichte eingegangen. Die Überlebenden können mittlerweile sogar zusammen auf einer Bühne stehen. SZ und FAZ widmeten der gemeinsamen Tour der einstigen Todfeinde P. Diddy und Snoop Dogg längere Artikel.
Künstlerisch trenne die beiden Rapper nach wie vor viel, schreibt Jonathan Fischer in der SZ . „P. Diddys letztes Album Press Play wäre musikalisch kaum der Rede wert, wenn nicht ein Dutzend hochkarätiger Gäste dessen monotonen Rapstil erträglicher machten.“ Der HipHop-Mogul verdanke seinen Ruhm nicht dem Rappen, sondern seinem Geschäftssinn. Für den künstlerischen Part sei auf der aktuellen Tour Snoop Dogg verantwortlich. „Selbst wenn Snoop Dogg typischerweise nur Wortsalat abliefert, tut er das doch mit soviel Stil und sinnlich sonorem Understatement, dass man ihm selbst noch beim Vorlesen seines Plattenvertrags zuhören würde.“
Die Wirklichkeit beim Tourauftakt in Berlin sieht etwas bescheidener aus, wie Sven Beckstette in der FAZ konstatiert. Diddys Auftritt wirke „überdimensioniert und simpel gestrickt. Selbst die blockbusterhafte Emotionalität ist eher Kalkül als tatsächliches Gefühlskino. Seine größte Single I'll Be Missing You etwa, in der Diddy seinerzeit den Tod seines den Gangsta-Rivalitäten zum Opfer gefallenen Freundes Notorious B.I.G. verarbeitet hat, erklärt er kurzerhand zum allgemeinmenschlichen Trauerspiel. Auf den Videoleinwänden sieht man dazu Bilder von verstorbenen Freunden und Kollegen von James Brown bis Aaliyah, aber auch – besonders abgeschmackt – Prinzessin Diana. Derart platt hat sich ja nicht einmal Elton John an die Königin der Herzen herangeschmissen.“
Snoop Dogg gelinge musikalisch zwar mehr, aber „selbst er wirkt an diesem Abend unbeteiligt; von seinem Charisma und seinem Charme ist wenig zu spüren“. Überraschungen? Fehlanzeige. Stattdessen: Mittelmaß.
Von den Macho-Stereotypen des Genres entfernt sich der explizit schwule HipHop. Jonathan Fischer hat sich diese neue Sparte und ihren Protagonisten Deadlee für die SZ genauer angesehen. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich die taz unter der Überschrift „Lutsch meine Knarre“ des Themas angenommen.
- Datum 19.03.2007 - 07:06 Uhr
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