EU-Jubiläum Bitte keine Verfassung!Seite 2/2

Brown will alles daran setzen, den Binnenmarkt zu vollenden und damit den Protektionismus zu überwinden. Er plädiert für pan-europäische Megamergers, die keine Grenzen kennen und die Macht der Londoner City verstärken. Gleichzeitig will er die Macht der großen Energiekonzerne brechen, die den Wettbewerb behindern und die Verbraucherpreise in die Höhe treiben. Kurz gefasst: Für Brown ist der Konsument König. Ob Produkte oder Dienstleistungen, der Markt soll offen, transparent, flexibel, effizient, sein; egal, wer der Eigentümer ist oder aus welchem Land er stammt. Das verlangt nach mehr Mut zu wirtschaftlichen Reformen - ausgerechnet in der Eurozone (der die Briten wohl auf ewig nicht beitreten werden).

Also bitte keine Blaupausen am deutschen Wesen! Vielmehr: Gut ist, was wirkt. Britische Politiker bemessen die Vorteile Europas im Wesentlichen so: billige Flüge und Handygespräche, saubere Strände, broadband access, vier Wochen Ferien von Rechts weg, Michael Ballack bei Chelsea und der polnische Klempner in Cheltenham. Und in zehn, fünfzehn Jahren die Türken, die das demografische Problem lösen werden.

Das klingt ziemlich prosaisch. Aber so wollen es die meisten Briten, die die Rolle der EU bei der Verankerung des Friedens in Europa nicht anerkennen - oder vielmehr vergessen haben. Für sie wäre folgende Zukunftsvision annehmbar: eine EU, die ihre "soft power" verbreitet, die gegen die Armut in Afrika kämpft, die Arbeitsplätze schafft. Aber, bitte, Frau Merkel, keine Verfassung!

Bisher erschienen
"Die alten Europäer" von Konrad Niklewicz von der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza »
"Psychologischer Waffenstillstand" von Rolf Gustavsson von der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet »
"Europäische Malaise" von Jean Quatremer von der französischen Tageszeitung Libération »
"Deutsches Getöse" von David Gow von der britischen Tageszeitung Guardian »
"Deutscher Spagat - zur Energiepolitik" von Susanna Bastaroli von der österreichischen Tageszeitung Die Presse »
"Retter des Planeten" von David Gow von der britischen Tageszeitung Guardian »
"Andere Prioritäten" von Konrad Niklewicz von der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza »

Zum Thema
Das neue Europa - Seit 1. Januar 2007 umfasst die Europäische Union 27 Mitglieder. ZEIT-Analysen und –kommentare über die Rolle der einzelnen Mitglieder und die Zukunftsperspektiven der EU »

 
Leser-Kommentare
  1. 1. @ brux

    Man kann Ihnen nur beistimmen. Seit die Iron Lady 1989 bis zur letzten Minute vergeblich alles versuchte, die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern, haben die Briten keinen wesentlichen Einfluss auf die Geschicke der EU mehr ausgeübt. Man kann nicht gleichzeitig an einer Sache teilnehmen und 'über den Dingen stehen' -- ent oder weder!

    • brux
    • 22.03.2007 um 9:55 Uhr

    Erstaunlich, dass sich die Briten in Sachen Europa immer noch für 'pragmatisch' halten. Seit 50 Jahren liegen sie mit ihren Analysen daneben. Cameron ist dabei, das nächste Kapitel der 'british delusion' zu schreiben (hat er eigentlich schon mit seiner misslungenen Gründung einer neuer Gruppe im EP).

    Das Pfund wird unter Druck kommen, sobald die Konjunktur schwächelt (weil z.B. die unglaubliche Immobilien-Blase platzt). Die Franzosen werden sich post-Chirac rappeln, so oder so. Die Türkei wird niemals Mitglied werden.

    Die britische Sabotage des europäischen Projekts wird nur dazu führen, dass sich ein Kerneuropa formt. Die Briten könne dann wieder zu ihrem alten Klub mit den Lichtensteinern und Isländern zurückkehren. Good riddance.

  2. Gegen allzu große Verfassungsgläubigkeit einzustehen, ist ein willkommener Beitrag der Briten zur europäischen politischen Diskussion. Schließlich hat das Vereinigte Königreich über Jahrhunderte sehr gut ohne Verfassung funktioniert. Andererseits wird es mit 'Great Britain' als politischer Entität vermutlich bald vorbei sein - Schottland wird Europa beitreten und England als US-Luftwaffenbasis mit überwiegend nicht-europäischer Bevölkerung irgendwie weitermachen.

    • Akakor
    • 23.03.2007 um 0:40 Uhr

    Wir sollten dem neuen Europa bis zum Ural und zur Levante alle Furcht nehmen und austreten! Mitnehmen müssten wir allerdings die größten Nettobeiträge, das Verkehrsdrehkreuz Europas, wir könnten auch keine Großaufträge der öffentlichen Hand an europäische Großkonzerne verkümmeln, ebenso wenig Krankenversicherung für die im Ausland lebende Großfamilie (incl. Eltern) ausländischer Arbeitnehmer bereitstellen.

    Das mit den Beiträgen würden die Briten sicher gerne über ihren Rabatt ausgleichen.

    Au weia, das ginge gar nicht wg, den Exporten? Nun ja man munkelt, dass zu Kaisers Zeiten die Exportquote mindestens genau so hoch war, allen Zöllen und Grenzen zum Trotz. Dass Exportweltmeisterschaft nicht vor Arbeitslosigkeit schützt, dürfte mittlerweile klar geworden sein. Evtl. sollten wir mal Madame Binnennachfrage konsultieren...

    Schöne neue Konsumentenwelt? Großartiger Vorschlag Herr Brown! Nach zukünftigen Mergern, wird es dank Oligopol oder gar Monopol bestimmt billiger und Arbeit schaffft das auch zuhauf...

    Vielen Dank auch von der City, für das Engagement bei Energiekonzernzerschlagung. Das nächste Bonanza für Investment Banken wartet schon, Hedge Funds nehmen gern auch noch das letzte Stück lebensnotwendige Infrastruktur. Sie sind ein wahrer Kryptokommunnist, für all diejenigen, die wissen, dass Kalle Marx für Staatkapitalismus steht: Die Masse hat nichts und wenige haben alles! Aus dem gleichen Schoß kam es gekrochen, am Ende wird wieder alles eins...

    Gruß an die obersten Soviets in Brüssel und NY!

    Ansonsten würde ich Mitterand vorgreifen und behaupten, dass bereits die EWG ein 2. Versailles, nur diesmal mit längerem Atem und besserer PR, war.

    'Maastricht war Versailles ohne Krieg' Francois Mitterand

  3. Also wenn Sie so weiter machen, wird GB wegen ihnen noch einmal die Visumspflicht wieder einfuehren und ihnen dann bei Gelegenheit ein solches verweigern, sollten sie Deutscher sein, vom Pass, oder sie ausbuergern!

    Ich bin eher fuer eine Beschneidung Europas: da wuchert zuviel: nie gut!

    Beschneiden, das heisst klar: rausschmeissen, wer sich dem hoeheren Prinzip Europas nicht unterordnet!

    Raus!

    Europa muss Grossmacht werden und zwar schnell!

    • cegog
    • 23.03.2007 um 22:11 Uhr

    Ich glaube, hier mit den meisten Briten einer wohl Meinung zu sein: die britische Mitgliedschaft in der EU war von Anfang an ein Fehler. Argwöhnische Distanz zu Europa gehört meiner Meinung nach zum Kern britischen Selbstverständnisses. Es war und ist eine Illusion, zu glauben, Großbritannien sei jemals ernsthaft an der Mitwirkung oder gar Gestaltung eines Europa interessiert gewesen, dass über eine Freihandelszone und eine unverbindliche, gelegentliche Zusammenarbeit hinausgeht. Die Mitgliedschaft diente von Beginn an nur dazu, in Europa ein den britischen Interessen dienendes 'Gleichgewicht der Kräfte' sicherzustellen und das britische Hirngespinst einer französisch-deutschen Dominanz zu zähmen. Wenn man so will, handelt es sich um die moderne Fassung klassischer britischer Außenpolitik. Von daher ist auch die von den Briten favourisierte (und von Schröder leider unterstützte) Osterweiterung zu verstehen: die unkontrollierte quantitative Vergrößerung der EU verhindert nunmal ein tieferes Zusammenwachsen. Es gibt in Europa schon zu viele Baustellen, ein derart destruktives Mitglied wie Großbritiannien ist daher bestenfalls überflüssig.
    Glaubt man den Zeitungskommentaren und den Umfragewerten, so ist die Bevölkerung in GB gegenüber Europa ganz besonders abgeneigt und und wünscht sich den sofortigen Austritt aus der EU. Wann macht ihr's endlich ?

  4. 7.

    Mit einer gegenwärtigen EU, die Richtlinien erlässt, die schützenswerten, nicht kompromissfähigen (ursprünglich sogar mal 'typisch europäischen') Grundgedanken der Verfassungen der Mitgliedsstaaten zuwiderlaufen (z.B. die Vorratsdatenspeicherung) will ich nicht wissen wie eine 'EU-Verfassung' im Detail jenseits des schönen Scheins ausgearbeitet wäre. Nein, man sollte den Schäubles dieses Kontinents doch noch die Mühe lassen freiheitliche Verfassungen gegen lächerlich geringen Widerstand abwracken zu müssen anstatt sie widerstandslos eine neue, von Anfang an, verkrüppelte designen zu lassen.

    • Cabral
    • 22.03.2007 um 14:53 Uhr

    Charles de Gaulle wusste sehr gut warum er den Briten den Beitritt zur EU verweigerte. Doch seinen Nachfolgern fehlte es an Weitsicht.

    Seit 1973 will Großbritannien aus Europa eine Freihandelszone machen. Seine EU-Mitgliedschaft könnte den Aufbau der GASP auf alle Zeiten verhindern.

    Und trotzdem ist der Aufbau eines Kerneuropas nicht in Sicht. Mit dem Euro hat es funktioniert, wieso sollte es nicht auch auf anderen Politikfeldern mit einem Kern klappen?

    Ich frage mich seit langem was die Kontinentaleuropäer von diesem Schritt abhält. Vielleicht fehlt es ihnen an Mut und Willenskraft?

    Ich persönlich glaube nicht mehr daran, dass es zu einem Kerneuropa kommen wird.

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