Handball ist nicht nur ein schnelles und kampfbetontes, sondern auch ein dramatisches Spiel. In den letzten Minuten spitzt sich das Geschehen auf dem Feld derart zu, dass Hektik um sich greift. Ständig wird die Uhr angehalten, Trainer nehmen Auszeiten und erteilen Instruktionen für die allerletzten Spielsekunden. Sobald das Schlusssignal ertönt, verfällt in der Regel eines der beiden beteiligten Teams in grenzenlosen Jubel. Diese Bilder sind uns von der Weltmeisterschaft im Gedächtnis geblieben.

Leider hält die Handball-Bundesliga diesem Bild nicht stand. Die Saisonverläufe reichten in den letzten anderthalb Jahrzehnten meist nicht an diese Spannung heran. Seit 1993 holte sich der THW Kiel allein neunmal den Meistertitel. Nur Lemgo, Magdeburg und Flensburg-Handewitt, die zudem fünfmal in sieben Jahren den zweiten Platz belegten, vermochten die Siegesserie punktuell zu unterbrechen.

In diesem Jahr könnte die Vorherrschaft der schleswig-holsteinischen Doppelspitze gebrochen werden. Der Hamburger SV schickt sich an, das Zepter zu übernehmen. Die Mannschaft hat, gecoacht vom Ex-Nationalspieler Martin Schwalb, von den letzten 19 Pflichtspielen in Liga, Pokal und Europacup nicht ein einziges verloren. Selbst in der Kieler Ostseehalle, die als uneinnehmbare Festung gilt, standen die Hanseaten kurz vor einem Triumph. Der THW vermied beim 33:33 Anfang Februar gerade die Blamage. Seitdem glaubt man in Hamburg an eine Titelchance.

An diesem Wochenende könnte bereits eine Vorentscheidung fallen. Der HSV empfängt als Tabellendritter die SG Flensburg-Handewitt. Die führenden Kieler müssen zum Vierten, dem VfL Gummersbach. Sollte der THW patzen und die Hamburger ihr Heimspiel gewinnen, wären beide Teams punktgleich und der große Coup zum Greifen nah. Denn die Hamburger haben ein vergleichsweise leichtes Restprogramm, während Kiel noch auswärts gegen direkte Konkurrenten antreten muss.

Trainer Schwalb und Präsident Rudolph versuchen, den Ball flach zu halten und die Erwartungen nicht ins Uferlose treiben zu lassen: "Unsere Zielsetzung lautet unverändert: Wir wollen in die Champions League." Das bedeutet: In der Abschlusstabelle müssten die Hamburger mindestens Platz drei belegen. Mit einem Heimsieg gegen Flensburg würde der HSV dem Erreichen der Vorgabe einen großen Schritt näher kommen.

Mutiger äußert sich HSV-Aufsichtsratsmitglied Michael Grollmann: "Theoretisch ist möglich, dass wir in dieser Saison vier Titel holen: Die Meisterschaft, den DHB-Pokal, den Supercup und den Europapokal der Pokalsieger." Um aber nicht als hoffnungsloser Träumer hingestellt zu werden, fügt Grollmann rasch hinzu: "Es kann natürlich auch passieren, dass wir nicht einen einzigen dieser Titel holen." Womit die Bandbreite der Möglichkeiten und die enge Nachbarschaft von Triumph und Misslingen tadellos umrissen sind.