Raketenabwehr

Dringender Protestbedarf

SPD-Chef Beck stellt sich gegen den geplanten US-Raketenabwehrschild und fällt der Kanzlerin damit in den Rücken. Warum? Adrian Pohr kommentiert das Meinungsbild

Einspruch gegen Merkels Linie in der Frage des US-Raketenabwehrschirms: SPD-Chef Kurt Beck

Einspruch gegen Merkels Linie in der Frage des US-Raketenabwehrschirms: SPD-Chef Kurt Beck

Der Bild -Zeitung ist die Sache nicht einmal eine Meldung wert; jedenfalls nicht auf der Titelseite. Dort sorgt man sich um das Eisbär-Baby Knut, zeigt einen „Horror-Crash“ in der Formel 1 und preist die schlüpfrigen Sexsprüche von Dieter Bohlen. Der eigentliche Knaller jedoch versteckt das Boulevardblatt auf Seite 2: SPD-Chef Kurt Beck wendet sich gegen den geplanten Raketenabwehrschirm der USA -  und damit gegen die Bundeskanzlerin und Koalitionspartnerin, die sich auf die Seite der Amerikaner begeben hat. Nicht einmal in die Überschrift hat es Becks Affront geschafft, mit der einige andere Zeitungen, wie die Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche Zeitung , sogar aufmachen.

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Kurt Beck stelle sich nicht nur gegen die Bundesregierung, die das Thema in der Nato diskutieren wollte, sondern auch gegen die Beschlusslage im Bündnis, schreibt dagegen die Süddeutsche Zeitung und zeigt, worum es eigentlich geht. Erst auf dem Nato-Gipfel in Riga war jüngst beschlossen worden, dass die Allianz den Aufbau eines eigenen Raketenabwehrsystems weiter prüfen werde.

Die Pläne für einen Raketenschutzschild seien „Geschenk des Himmels für die SPD“, liest man weiter in der SZ . Deren Parteiführung hätte nun zum ersten Mal seit dem Irakkrieg wieder ein Thema, bei dem sie sich mit den massiven Kritikern der deutschen Militärpolitik einig wüsste. So werde Kurt Beck die Gegnerschaft zum wettrüstungstreiberischen US-Projekt nutzen, um eine Sammlungsbewegung zu gründen - ähnlich jener gegen den Irakkrieg, mit der sich Gerhard Schröder 2002 den Wahlsieg holte. Die Gegnerschaft zum Schild sei eine Ablenkung vom umstrittenen deutschen Tornado-Einsatz in Afghanistan. Und vom wachsenden Unbehagen in der SPD darüber, ob und wie solche Einsätze mit einem Grundgesetz in Einklang zu bringen seien, in dem nach wie vor steht, dass die Streitkräfte zur Verteidigung da sind.

Ähnlich urteilt der Tagesspiegel . Mehr als recht sei es der SPD, sich endlich „mit ihrem Leib- und Magenthema“, dem Frieden, zu profilieren. Die Wirkungskraft ihres Neins zum Irakkrieg nehme nach vier Jahren ab, der immer unpopulärer werdende Afghanistankrieg werde der Partei zunehmend verübelt. „Auf dem Feld der Sicherheitspolitik gab es also dringenden Protestbedarf, zumal gegen einen amerikanischen Plan. So banal ist das - und so peinlich.“

Die Neue Osnabrücker Zeitung empfindet Becks Ablehnung als Belastung für die Arbeit der Bundesregierung. Deren Ziel müsse es sein, eine einvernehmliche Lösung innerhalb der Nato und dann auch mit Russland herzustellen. Nur so ließe sich das oberste Gebot europäischer Sicherheit befolgen: „Schulterschluss mit Washington, ohne dass sich Moskau ausgegrenzt fühlt.“  Becks Äußerungen seien nun eine Parteinahme gegen Bush und damit eine Gefahr für das transatlantische Verhältnis. 

Auch die Financial Times Deutschland fürchtet solche Verstimmungen. Zudem sei die Spaltung Europas zwischen Schutzschirm-Befürwortern und –Gegnern eine Gefahr. Noch ausführlichere Gespräche in der Nato würden diesen Streit aber nicht ausräumen. Die USA hätten alle Beteiligten, auch Russland, seit Langem informiert. Die Nato dagegen ist nicht willens, ein eigenes Abwehrsystem zu errichten, so dass die USA das Projekt bilateral mit den Osteuropäern umsetzen werden. So bleibe nur eines: Deutschland müsse letztlich entscheiden, ob es Russlands oder Amerikas Sorgen stärker gewichtet. In der SPD wachse die Empörung über US-Rüstungspläne, in der Union die Skepsis gegenüber Putin. Dies sei perfekter Stoff für Koalitionskräche und Wahlkämpfe.

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Leser-Kommentare

  1. Wenn der SPD nix mehr einfällt spielt man die Antiamerikanismus-Karte.

    Becks krampfhafte Versuchen sich gegen Merkel zu profilieren nerven einfach nur.

    Die SPD sollte mal lieber eine Strategie entwickeln um das Atomprogram im Iran zu stoppen.

    • 19.03.2007 um 12:21 Uhr
    • BGrabe

    Die SPD würde gerne wieder in die Opposition, weil man da bar jeder Verantwortung der liebgewordenen aber nicht mehr zeitgemäßen Ideologie mit populistischen und unrealistischen Attacken frönen kann, ganz wie Ocar Lafontaine das vormacht.

    Wenn es aber daran geht sich den Realitäten zu stellen und wirklich was zu bewegen, kommt der große Katzenjammer.
    Denn plötzlich ist es vorbei mit der Heilsgewissheit, plötzlich sind die Dinge eben nicht so einfach.
    Im Gegenteil führen die Stammtischparolen, so man diese ernst genommen hat, direkt ins Desaster.

    Auch diese Debatte ist davon geprägt, wie man der Realität entfliehen kann, zurück in die heimelige ideologische Welt wo es nur schwarz und weiß gibt.
    Ja man will mitmischen, aber nein die Verantwortung ist dann doch ein bißchen zu groß, die Lösungswege doch ein bißchen zu gefährlich. Das Unbeliebtheitspotential ist erschreckend, wo man doch nur 'everybodys Darling' sein will.
    Wer etwas bewegen will, der muss eben riskieren sich die Finger schmutzig zu machen, der muss auch damit rechnen, das er zur Verantwortung gezogen wird, wenn man die eigene Motivation zu oberflächlich geprüft und seinem Wunschdenken zum Opfergefallen ist.
    Ausschließlich deshalb ist die gute Alimentierung durch den Staat gerechtfertigt.
    Ob die Funktionsträger der SPD oder der anderen Parteien diese Voraussetzung erfüllen?
    Zweifel sind angebracht, besonders bei den Populisten und Ideologen!

  2. Die von Bush geplanten Raketenstationen dienen nicht der Sicherheit der europäischen bzw. der deutschen Bürger. Bush will die verbleibende Zeit nutzen, um die Kassen seiner Parteifreunde in der amerekanischen Industrie durch dieses neue Milliarden füllen zu lassen. Die Familie Bush und der Clan drumherum kassieren fleißig mit. Das Beck der FDJ-Kanzlerin in den Rücken fällt ist doch Blödsinn. Festzustellen ist, daß Merkel weiter auf der Schleimspur von Bush kriecht und Deutschland weiter, nicht nur durch ihre Wahl zur Bundeskanzlerin, in das Zentrum des Fadenkreuzes des internationalen Terrorismus führt. Merkel sollte ihre Außenpolitik so gestalten, daß sie dem deutschen Bürger dient.

  3. fuer Angela Merkel?

    Deutschland ist mehr SPD geneigt als CDU.

    Nur die Fuehrung der SPD und der anderen Sozial-Parteien ist so beschraenkt, dass sie sich nicht einigen koennen (ausser dem AntiAmerikanismus) und deshalb in die Opposition geraten sind (oder wie die SPD sich mit der zweiten Stelle begnuegen muessen).

  4. Es ist seit einiger Zeit festzustellen, dass Politik immer häufiger an den wahren Problemen vorbei gemacht wird.
    Die Politik arbeitet sich an idiotischen Ablenkungsthemen ab, während das Land vor die Hunde geht.

  5. Natürlich kommt der SPD diese weitere Provokation der Bush Junta entgegen. Doch die Erkenntnis dessen sollte einem nicht die Sicht auf die Tatsachen vernebeln: Strategisches Interesse hat überhaupt niemand an diesem 'Schutzschild', weder die Deutschen, noch die Polen, noch die Amerikaner. Es wird ein neues Wettrüsten befürchtet, und das ganz zu Recht. Denn es ist das einzige, worum es geht. Ein neues Wettrüsten muss her, denn es sichert den Klienten der Bush-Cheney Gang weitere Milliarden aus Steuergeldern.

    Die Tatsache, dass Merkel das billigt, disqualifiziert sie automatisch als deutsch Bundeskanzlerin.

    Wer in Deutschland heute Angst vor iranischen Raketen hat, leidet unter gefährlichen Wahnvorstellungen und gehört in Therapie.

    v.

  6. Ich denke, das größte Imageproblem der USA sind neben der Bush-Cheney Gang Apologeten wie ProErwin, die tatsächlich glauben, mit ihrem undifferenzierten Antiamerikanismuskeulenschwingen diesem großartigen, doch leider von Verbrechern geführten Land zu helfen.

    v.

  7. Kann es sein, dass DIE ZEIT sehr nachlässt ??
    Das Thema US-Raketenabwehrschild ist zu wichtig, als es nur hämisch als SPD
    Profilierungsgag abzutun. Dass die Gestaltung der Bildzeitung, die Dieter Bohlens schlüpfrige Sexsprüche wichtiger findet, zur Unterstützung der These herangezogen wird, bringt sie selbst in die Nähe dieses ”Niveaus”.
    Im übrigen ist mir nicht ganz klar, ob nicht auch gewisse Wahrnehmungsstörungen oder vielleicht doch bewusste Undifferenziertheit bei einigen Redakteuren vorliegen. Laut SPIEGEL hat neben Aussenminister Steinmeier auch Frau Merkel auf einer Konferenz zur transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft vor einem amerikanischen Alleingang gewarnt. So völlig gegensätzlich und unvereinbar wie das die ZEIT hier ( aus auflagetaktischen Gründen ? ) darstellt sind die Auffassungen wohl nicht.

    Enttäuschender Beitrag, schade dass auch einige Kommentatoren darauf reinfallen.

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  • Von Adrian Pohr
  • Datum 19.3.2007 - 13:11 Uhr
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