International Der Magier

Werder Bremens Diego ist der torgefährlichste Mittelfeldspieler der Bundesliga. Der Brasilianer kennt trotz seines jungen Alters die Höhen und Tiefen einer Sportlerkarriere

Die Leichtigkeit in Person: Werder Bremens Diego

Die Leichtigkeit in Person: Werder Bremens Diego

Bremen-Schwachhausen, eines der besten Viertel der Hansestadt. Die Rollläden an Diegos Haus sind geschlossen. Hinter den Jalousien wird gekocht. Wenn Diego vom Training kommt, wird er Hunger haben. Einer der beiden Gartenzwerge, die vor der Eingangstür stehen sollen, ist heute nicht da. Ist er als Andenken in die Hände eines Fans gefallen? Schwachhausen ist nicht Madrid, Mailand, London oder Barcelona, aber Diego wirkt zufrieden. Er mag das beschauliche Bremen, liebt die Spaziergänge im nahen Bürgerpark.

Der kleine Mann hat großen Hunger. "Mehr Makkaroni", flüstert er bestimmt zu seiner Freundin Bruna. Viel Nudeln und Fleisch, das braucht ein Zauberer wie Diego zwischen zwei Trainingseinheiten. Vor allem Fleisch. Heute ist sein Hunger besonders groß. Bruna ist aus Brasilien eingeflogen und steht am Herd. Dabei hat die Schöne Geburtstag. Und noch nicht einmal an diesem besonderen Tag hat Werders Nummer zehn ihre Ruhe: Interview im Hause Ribas da Cunha in Bremen. Diego ist einer der Frühreifen im Fußball. Mit 17 wurde er Profi, als gerade einmal 22-Jähriger weiß er genau, wie er sich außerhalb des Spielfelds verhalten muss. Er kann sekundenschnell ein reizendes Lächeln anstellen. Das Diego-Lächeln, auf Kommando. Funktioniert perfekt. Er antwortet ausschweifend und verrät dabei nicht viel. Seine gepflegten Hände sprechen dabei nicht mit, sie bleiben reglos auf dem Tisch liegen. "Ich bin absolut glücklich in Bremen", sagt er mit dem Elan eines Angestellten der Deutschen Bahn, der im Bahnhof Itzehoe die Verspätungsmeldungen verliest.

Anzeige

Wer ist dieser Diego Ribas da Cunha, der auf dem Platz alle vorführt und daneben nicht auffallen will? "Er wirkt immer so lieb und brav", erzählt sein ehemaliger Berater Dino Lamberti. "Aber er ist wie ein Hund, wie ein Pitbull. Wenn du ihn böse machst, wird er nur noch stärker." Noch stärker? Die Konkurrenz wird es mit Schrecken vernehmen.

Es läuft ausnehmend gut für den Brasilianer. Kaum in der Bundesliga angekommen, wurde er zum neuen Superstar erkoren, sodass Werder-Manager Klaus Allofs sich verpflichtet fühlte, die Aufregung um den Neuzugang etwas abzumildern. Aber Allofs sagte auch, nachdem ihm längst die Ohren geschmerzt hatten von all den Unkenrufen, die besagten, der Neue könne Werder-Dirigent Johan Micoud nicht ersetzen: "Jetzt merkt vielleicht auch der Letzte, was er für einer ist."

Es ist der siebte Spieltag der laufenden Saison: Bochums versammelte Defensive liegt mutlos am Boden. Gezeichnet von der Demütigung, die ihnen der wahnwitzige Diego gerade zugefügt hatte. Eine Ungerechtigkeit war es, dass sich diese wackeren Fußballarbeiter aus Bochum gegen diesen Virtuosen zur Wehr setzen sollten.

Es ist die 77. Minute, als einige im Werder-Block darüber zu lamentieren beginnen, dass Diego einmal mehr das Spielgerät zu lange halte. Zu selbstverliebt sei er, heißt es, dieser Fummelkönig, dieser Micoud im Taschenformat. Da umkurvt Diego vier Abwehrspieler des VfL in halsbrecherischem Tempo, um dann auch noch Keeper Skov-Jensen zu narren. Mit der Sohle nimmt er den Ball mit, zieht am herausstürzenden Torwart vorbei und vollendet eine Demonstration der Extraklasse. Kein Spieler der Welt - Ronaldinho ausgenommen - schafft es, Effektivität mit solch außerirdisch anmutenden Tricks zu verbinden. In Porto hat Diego einmal ein Tor vorbereitet, indem er den Pass in die Spitze mit dem rechten Fuß hinter dem Standbein schlug.

Werders Spielmacher ist mit den ganz Großen des Weltfußballs verglichen worden. Brasilianische Journalisten forderten, doch bitte eine DNA-Probe bei Diego vornehmen zu lassen. Denn nur ein Sohn von Zico, dem weißen Pelé, wäre in der Lage, so Fußball zu spielen. Tostão, Weltmeister von 1970, sagt über Diego: "Es scheint, als spiele er mit Augen auf den Füßen." Am ähnlichsten kommt Diegos Spielweise der von Diego Armando Maradona.

Diego besitzt die seltene Begabung zu wissen, was der Gegner im nächsten Moment macht - und dann genau das zu tun, womit er nicht rechnet. "Ich habe solche Dinge nie besonders geübt. Ich glaube, es ist einfach eine Gabe, die mir mitgegeben wurde", sagt Diego. Es ist Magie, es ist eine Kunst, die man nicht erlernen kann. Über die ein Künstler nicht gerne spricht. "Es gibt große Spieler wie Ronaldinho oder Zidane. Wenn man will, kann man die als Zauberer bezeichnen. Aber ich, ich bin kein Zauberer", wiegelt Diego ab.

Rote Erde, überall rote Erde, die in der Hitze flimmert. In Ribeirão Preto spielen die Kinder barfuß auf dieser roten Erde Fußball. Hier hat Diego schon früh gelernt einzustecken. Weil er schon immer schneller und besser war als die anderen. Weil der Ball ihm nicht von der Seite wich, wie ein abgerichtetes Hündchen seinem Herrn. Weil er oft nur durch Fouls daran gehindert werden konnte, seine Überlegenheit auszuspielen. Häufig kam Diego mit rot verfärbten Füßen nach Hause, mit aufgeschürften Knien. Und lächelte zufrieden.

Ribeirão Preto liegt 320 Kilometer nördlich von São Paulo und gilt als das Kalifornien Brasiliens. Die Stadt mit rund 500.000 Einwohnern ist ein großer Umschlagsplatz für Getreide, Sojabohnen, Bier und Schnaps. Diego war fünf, als er mit allem Fußball spielte, was er vor die Füße bekam. Er jonglierte alles durch die Wohnung, was er fand. Als seine Eltern abends einmal ausgingen, fanden sie bei der Rückkehr einen glücklichen Sohn und eine verwüstete Wohnung vor. Diego muss grinsen, als er diese Geschichte erzählt: "Dabei sind einige Statuen meiner Mutter zu Bruch gegangen."

Elf Jahre war Diego alt, als sich die Familie da Cunha entschloss, das Angebot des FC Santos anzunehmen, dem Klub des großen Pelé. Für Diego war es nicht, wie für viele andere brasilianische Fußballstars, der einzige Weg, um der Armut und dem Elend zu entkommen. Die Familie gehörte der gehobenen Mittelschicht an. Vater Djair arbeitete als Wirtschaftsingenieur, Mutter Cecília kümmerte sich um das Nesthäkchen Diego und seine beiden älteren Schwestern Djenane und Daiane. Der Schritt aus der heilen Familie hinaus ins Internat fiel Diego, der gerade einmal so groß war, dass er über die Tischkante schauen konnte, schwer. "Die erste Zeit war sehr schwierig für mich. Es gab Momente, in denen ich aufgeben wollte, weil ich so starkes Heimweh hatte", gesteht er. "Aber der Wunsch, Profi zu werden, war stärker. Und mit der Hilfe meiner Familie habe ich es geschafft, mir diesen Traum zu erfüllen." Damals dachte auch sein Vater Djair Ribas da Cunha noch nicht daran, seinen Sohn mit den Augen eines Managers zu betrachten: als Talent, das man zu Geld machen konnte.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service