Stefan Hantel, 1968 in Mannheim geboren, wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte Grafik-Design. Nach seinem Studium widmete er sich der Musik und gründete sein eigenes Label. Inspiriert durch seine Familie seine Großeltern stammen aus Czernowitz in der ukrainischen Bucovinawandte er sich den traditionellen Klängen Südosteuropas zu. Heute komponiert und produziert er unter seinem Künstlernamen Shantel Balkan Pop. Im vergangenen Jahr erhielt er den BBC Award for World Music.

ZEIT online: Herr Hantel beziehungsweise Shantel, was ist Balkan-Pop?

Shantel: Das ist eine komplexe, verrückte Geschichte: Ein osteuropäischer Sound trifft auf den Westen. Vor einigen Jahren hat das noch keinen so recht interessiert, jetzt aber spiele ich Konzerte vor bis zu 2000 fassungslosen Menschen, rund um den Globus.

ZEIT online: Sie sind ein Pionier des Genres. Vor sieben Jahren haben Sie mit ihrem Bucovina Club im Frankfurter Schauspielhaus als DJ begonnen. Neben Ihren zur Partyreihe passenden Sammelalben bringen Sie auf Ihrem Label Essay Recordings verschiedene Balkan-Pop-Bands heraus, unter anderem aus New York und Tel Aviv. Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, sich mit Balkan-Pop zu befassen?

Shantel: Ich komme aus einer kosmopolitischen Familie, spiele fünf Instrumente und wurde so in meiner Kindheit durch vielfältige musikalische Einflüsse geprägt. Vor meiner Balkan-Zeit habe ich mich mit westlichem und elektronischen Pop befasst. Als dann die ersten Balkan-Blasorchester nach Deutschland kamen, hat mich das sehr inspiriert und an meine Kindheit erinnert. Da habe ich begonnen, nach meinen Wurzeln zu suchen und mich gefragt, wie man elektronische Musik mit osteuropäischer kombinieren könnte, ohne dass es seelenlos klingt.

ZEIT online: Kocani Orkestar, Taraf de Haidouks und die Filme von Emir Kusturica - waren das die Wegbereiter?

Shantel: Die Initialzündung war der Fall der Berliner Mauer. Aber das exotische Stereotyp, das  durch Filme von Kusturica und Weltmusik-Festivals geprägt wurde, bediente unsere Klischees. Natürlich steckt in diesen auch immer eine Portion Wahrheit. Aber problematisch wird's, wenn das Original zum einzig Wahren erklärt wird und es dadurch eine musikalische Weiterentwicklung blockiert.