Theater Spielzeit im Wolkenkratzer
In New York hat der überhitzte Immobilienmarkt zu neuen Formen der Kulturförderung geführt: Wer in seiner Hochhaus-Planung ein Theater unterbringt, darf höher bauen. Genialer Pragmatismus oder stadtplanerischer Gau? Ein Bericht von
Für kleine Theater wie das "Shubert"s" ist es schwierig, auf New Yorks teurem Grund zu überleben.
An der West 42nd Street in New York, zwischen Times Square und Hudson River, liegt die Theatre Row mit vielen der experimentierfreudigen Off-Broadway-Theater der Stadt. Fünf kleine Bühnen hinter rotem Backstein, wie das "Beckett" oder das "Acorn", wo in diesen Tagen Wallace Shawn auftritt, das "Playwright's Horizon", das gerade Essential Self-Defense aufführt, und das "Little Shubert" mit einer Komödie über eine jüdisch-italienische Familie. Dahinter ist eine riesige leere Baustelle. Noch weiter westlich, dort, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen, veranstaltet das "All Stars Project" eine August-Wilson-Revue.
Für kleine Bühnen, die nicht über die Ressourcen von Disney und Andrew Lloyd Webber verfügen, ist es hart, auf dem teuersten Grund und Boden der Welt zu überleben. Deshalb haben sich Theaterleute und Politiker zusammengetan, um mit Hilfe der Immobilienhaie Platz zum Spielen zu finden. "Die Stadt will Kultur in den Hochhäusern unterbringen", sagt Fred Papert, der Vorstand der gemeinnützigen 42nd Street Development Corporation, die hier seit mehr als 30 Jahren Off-Broadway-Theater entwickelt. "Das ist gut für alle."
In dem alten irischen Viertel Hells Kitchen, durch das sich die West 42nd Street zieht, lebte früher die Arbeiterklasse des Broadway: Zimmerer, Garderobieren, Platzanweiser und Autoren, die hofften, es irgendwann zu schaffen. Dann kam die Gegend herunter. "In den siebziger Jahren waren hier überall Pornoläden, Massagesalons und Stripclubs", erinnert sich Leslie Marcus, die Managerin des "Playwright's Horizon", das seit 30 Jahren an der West 42nd Street sitzt. Um damit aufzuräumen, wurden unter Paperts Ägide die ersten Theater eingerichtet: zumeist Bühnen mit weniger als 99 Plätzen, Holzbänken und selbstgezimmerter Bühne, auf der lokale Sumpfblüten wie Kenny "der echte" Kramer auftraten, ein Kleinkünstler und Vorbild für einen Charakter der TV-Show Seinfeld .
Heute werden neue, glänzende Apartmenttürme mit Eigentumswohnungen an der Eighth, Ninth und Tenth Avenue hochgezogen, den Stadtachsen, die die West 42nd Street kreuzen. Das droht alteingesessene Mieter, aber auch kleine Theater zu vertreiben. Aber dieser Generationenwechsel sei nicht aufzuhalten, meint Papert. Deshalb sollte die Stadt lieber dafür sorgen, dass die Theater davon profitierten, und größere und modernere Bühnen bekämen.
Eines der stadtplanerischen Instrumente, die Theaterbesitzer nutzen können, ist der Verkauf von Luftrechten, ein klassisches New Yorker Verfahren: Für jedes Grundstück ist eine bestimmte Anzahl von Stockwerken planungsrechtlich zugelassen, sie sind in den Air-Rights , den Luftrechten, festgeschrieben. Bei Grundstücken, die niedrig oder gar nicht bebaut sind, werden diese Rechte nicht voll ausgeschöpft, sie können an das benachbarte Grundstück verkauft werden. Im Theaterdistrikt am Times Square werden solche Luftrechte schon des längeren gehandelt. So haben die Besitzer des "Biltmore", die Theaterfamilie der Nederlander, ihre Luftrechte an den Wolkenkratzer nebenan veräußert. Das brachte den Nederlandern Geld, ihre Broadway-Bühne zu renovieren, und der Wolkenkratzer durfte dafür 51 Stockwerke haben, statt bloß 33.
Vor einigen Jahren beschloss die Stadt, den Verkauf von Luftrechten in Hell's Kitchen zu vereinfachen. Heute sind die ersten Ergebnisse zu sehen. So hat das Autorentheater "Playwright' Horizon" sein neues Haus - an der Stelle des alten - mit Hilfe von Luftrechten finanziert. "Als der Bauboom der neunziger Jahre einsetzte, haben wir unsere Air-Rights an eine Baufirma veräußert, die über unserem Theater ein Hochhaus errichten wollte", sagt Leslie Marcus. "Außerdem haben wir ihnen ein Stück von unserem Grundstück abgegeben, so dass sie bessere Grundrisse entwerfen konnten. Das war für die bares Geld wert."
Der Verkauf der Luftrechte brachte "Playwright's Horizon" 1,2 Millionen Dollar ein. Das war das Anfangskapital für ein neues, 30 Millionen Dollar teures Gebäude, das sich über fünf Stockwerke erstreckt und zwei Bühnen, Garderoben und einen Verwaltungstrakt hat. Das meiste Kapital wurde von Anlegern eingeworben. "Bei denen saß in den neunziger Jahren das Geld noch locker", sagt Marcus. Da man einen Vertrag mit dem Bauherrn des Hochhauses hatte, hätten sich die Bauarbeiter sogar nach dem Spielbetrieb gerichtet. "Wenn wir Aufführungen hatten, legten die Leute den Presslufthammer weg."
Die kleinere der beiden neuen Bühnen hat 128 Plätze und wird nun gelegentlich vermietet. Damit und durch den Verkauf von Tickets und Lizenzen schafft es "Playwright's Horizon", 70 Prozent seines Budgets zu erwirtschaften. 25 Prozent kommen von Sponsoren, fünf Prozent von Stadt und Staat. Das "Little Shubert" gleich nebenan hat ebenfalls Luftrechte verkauft und ein neues Haus errichtet - mit 499 Plätzen das größte an der Theatre Row.
Neben dem vereinfachten Luftrechte-Verkauf hat der Stadtrat noch einen Theater-Bonus für Hells Kitchen beschlossen. Das bedeutet: Ein Bauherr darf noch ein paar Stockwerke mehr errichten, wenn er dafür Platz für ein Theater bereitstellt kostenlos. Davon profitierten bisher das "Beckett", das "Acorn" und drei andere Bühnen, die Papert unter seinen Fittichen hat. "Der Bauherr errichtet nur die Schale, also den nackten Raum", erklärt Papert. "Den gibt er uns, und wir geben ihn an die Theater weiter." Die müssten ihrerseits den Innenausbau finanzieren, also Bühne, Schnürboden, Sessel, Garderoben und so fort. "Die Bauherren machen dabei ein gutes Geschäft", sagt Papert. "Für 5000 Quadratmeter Theaterraum darf ein Wolkenkratzer 10.000 Quadratmeter Wohnfläche mehr haben. Das ist auf dem New Yorker Immobilienmarkt bis zu 100 Millionen Dollar wert".
Anfangs waren solche Deals mitten in einem Wohngebiet umstritten. Manche Anwohner fürchteten, dass ihre Brownstones , die traditionellen Ziegelhäuschen, nun erst recht von teuren Wohntürmen verdrängt würden. Als der Stadtrat 1999 darüber beriet, protestierten Mieter aus Hells Kitchen draußen auf den Stufen des Rathauses dagegen, während sich Broadwaygrößen wie Stephen Sondheim drinnen dafür aussprachen. Inzwischen aber haben sich die Theaterleute und die Anwohnervertreter im großen und ganzen wieder zusammengerauft. Und gerade machen sie gemeinsam Front gegen einen Immobilienhai, der sich nicht an die Regeln hält.
Noch ist es eine Baustelle, bald sollen aber auf dem Grundstück zwei kleine Theater neue Räume finden.
Westlich vom "Little Shubert", dort, wo die riesige Baustelle klafft, wollte die Baufirma Related ein 60-stöckiges Hotel errichten. Related hatte mit Papert und der Stadtverwaltung einen Deal ausgehandelt, demzufolge der Bauherr in dem Gebäude zwei Theater und eine Probebühne für klassische Musik vorzusehen hatte. Dafür sollten er ein rundes Dutzend Stockwerke mehr bekommen. Aber nachdem Related sämtliche Gebäude auf dem Block, darunter zwei Theater, abgerissen hatte, fand die Firma plötzlich einen glanzvolleren Interessenten: den Cirque du Soleil aus Las Vegas. Daraufhin gingen die Theaterorganisationen, die Gewerkschaften und die Anwohnervertreter auf die Barrikaden und der City Council zog den Bonus zurück. Schließlich sei der Cirque keine gemeinnützige Off-Broadway-Bühne, die gefördert werden müsste, sondern ein 500-Millionen-Dollar-Konzern. Als Papert auch noch Klage gegen Related einreichte, warf die Baufirma das Handtuch. Das Grundstück soll nun verkauft werden.
Gemeinnützig und daher förderwürdig: Das All-Stars-Theatre
Auf wieder eine andere Art unterstützt die Stadt das "All Stars Project", das am westlichen Ende der 42nd Street liegt, in einem alten Waffenarsenal, über das ein Wohnhochhaus ragt. "All Stars" ist eines der großen politischen Grassroots Theater von New York, sagt Gabrielle Kurlander, die Präsidentin. Das Theater arbeitet mit schwarzen und lateinamerikanischen Jugendlichen, weshalb es von der städtischen Industrial Development Agency als gemeinnützig anerkannt wurde.
Acht Millionen Dollar musste das "All Stars" für die Etage aufbringen, in der es spielt. Daraus einen modernen Theaterplatz mit drei Bühnen zu machen, kostete noch einmal vier Millionen. "Aber da wir gemeinnützig sind, dürfen wir Anleihen ausgeben, deren Zinsen nicht versteuert werden müssen", erklärt Kurlander. So kamen fast sechs Millionen Dollar herein, dazu noch zwei Millionen über Spenden. Und für eine Umfinanzierung konnte "All Stars" einen günstigen Millionenkredit aufnehmen. "Auch wenn alles ein langwieriger, anstrengender Prozess war, die Steuervorteile haben uns viele Hunderttausende von Dollar gespart", sagt Kurlander.
Und wie beurteilt Kurlander die Politik der Stadt, Theater im Hochhausdschungel von Hells Kitchen anzusiedeln? "Wir sind sehr glücklich über diesen Standort", sagt sie. Und ja, sie kenne die Befürchtungen der Anwohner und verstehe sie. "Aber die Stadt wird sich immer weiterentwickeln", sagt sie. "Jetzt hat wenigstens die Nachbarschaft etwas davon." Ähnlich denkt Leslie Marcus. "Die ursprünglichen Untergangsszenarien, dass wegen der Theater nun die Mieter vertrieben würden, sind wirklich nicht eingetreten", sagt sie.
Stattdessen hat sich die Theatre Row dank all der städtischen Unterstützung zu dem wichtigsten Standort für die Off-Broadway-Szene in New York entwickelt. Und davon, darin hat Papert Recht, profitieren letztlich alle.
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- Datum 15.03.2007 - 05:49 Uhr
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Wie viele Theater hat die Innenstadt Manhattan? Mindestens 75 auf jeden Fall, doch wahrscheinlich mehr als hundert - es kommt darauf an, was man mitzählt. Fest steht, dass es nie genug kleine Bühnen gab, wo sich die Avant-Garde zeigen kann. Erst erfand man deshalb den Off-Broadway, dann wurde auch dieser modisch, und man musste zum Off-off-Broadway umziehen. Aber kleine Theater mitten in der City -- das ist der Traum jedes kleinen Produzenten.
Das ist der Unterschied zu Deutschland: in NY wagt man eine solche Bonus Regelung und erfreut Theaterfreaks, Bürger und Spekulanten, in Deutschland schreit man 'Gau!'. Klar, in Deutschland würden die Beamten jahrelang mit Politikern und Betroffenen und Lobbyisten und Bedenkenträgern und Neidern und Gerichten die Baugesetze so lange novelieren, daß sie bis Karlsruhe wasserdicht sind. Die Investoren haben das Geld bis dahin längst woanders verbaut und die New Yorker erfreuen sich dafür an einer vitalen Theaterszene in einer aufregenden Stadt.
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