Theater Spielzeit im WolkenkratzerSeite 2/2
Neben dem vereinfachten Luftrechte-Verkauf hat der Stadtrat noch einen Theater-Bonus für Hells Kitchen beschlossen. Das bedeutet: Ein Bauherr darf noch ein paar Stockwerke mehr errichten, wenn er dafür Platz für ein Theater bereitstellt kostenlos. Davon profitierten bisher das "Beckett", das "Acorn" und drei andere Bühnen, die Papert unter seinen Fittichen hat. "Der Bauherr errichtet nur die Schale, also den nackten Raum", erklärt Papert. "Den gibt er uns, und wir geben ihn an die Theater weiter." Die müssten ihrerseits den Innenausbau finanzieren, also Bühne, Schnürboden, Sessel, Garderoben und so fort. "Die Bauherren machen dabei ein gutes Geschäft", sagt Papert. "Für 5000 Quadratmeter Theaterraum darf ein Wolkenkratzer 10.000 Quadratmeter Wohnfläche mehr haben. Das ist auf dem New Yorker Immobilienmarkt bis zu 100 Millionen Dollar wert".
Anfangs waren solche Deals mitten in einem Wohngebiet umstritten. Manche Anwohner fürchteten, dass ihre Brownstones , die traditionellen Ziegelhäuschen, nun erst recht von teuren Wohntürmen verdrängt würden. Als der Stadtrat 1999 darüber beriet, protestierten Mieter aus Hells Kitchen draußen auf den Stufen des Rathauses dagegen, während sich Broadwaygrößen wie Stephen Sondheim drinnen dafür aussprachen. Inzwischen aber haben sich die Theaterleute und die Anwohnervertreter im großen und ganzen wieder zusammengerauft. Und gerade machen sie gemeinsam Front gegen einen Immobilienhai, der sich nicht an die Regeln hält.
Noch ist es eine Baustelle, bald sollen aber auf dem Grundstück zwei kleine Theater neue Räume finden.
Westlich vom "Little Shubert", dort, wo die riesige Baustelle klafft, wollte die Baufirma Related ein 60-stöckiges Hotel errichten. Related hatte mit Papert und der Stadtverwaltung einen Deal ausgehandelt, demzufolge der Bauherr in dem Gebäude zwei Theater und eine Probebühne für klassische Musik vorzusehen hatte. Dafür sollten er ein rundes Dutzend Stockwerke mehr bekommen. Aber nachdem Related sämtliche Gebäude auf dem Block, darunter zwei Theater, abgerissen hatte, fand die Firma plötzlich einen glanzvolleren Interessenten: den Cirque du Soleil aus Las Vegas. Daraufhin gingen die Theaterorganisationen, die Gewerkschaften und die Anwohnervertreter auf die Barrikaden und der City Council zog den Bonus zurück. Schließlich sei der Cirque keine gemeinnützige Off-Broadway-Bühne, die gefördert werden müsste, sondern ein 500-Millionen-Dollar-Konzern. Als Papert auch noch Klage gegen Related einreichte, warf die Baufirma das Handtuch. Das Grundstück soll nun verkauft werden.
Gemeinnützig und daher förderwürdig: Das All-Stars-Theatre
Auf wieder eine andere Art unterstützt die Stadt das "All Stars Project", das am westlichen Ende der 42nd Street liegt, in einem alten Waffenarsenal, über das ein Wohnhochhaus ragt. "All Stars" ist eines der großen politischen Grassroots Theater von New York, sagt Gabrielle Kurlander, die Präsidentin. Das Theater arbeitet mit schwarzen und lateinamerikanischen Jugendlichen, weshalb es von der städtischen Industrial Development Agency als gemeinnützig anerkannt wurde.
Acht Millionen Dollar musste das "All Stars" für die Etage aufbringen, in der es spielt. Daraus einen modernen Theaterplatz mit drei Bühnen zu machen, kostete noch einmal vier Millionen. "Aber da wir gemeinnützig sind, dürfen wir Anleihen ausgeben, deren Zinsen nicht versteuert werden müssen", erklärt Kurlander. So kamen fast sechs Millionen Dollar herein, dazu noch zwei Millionen über Spenden. Und für eine Umfinanzierung konnte "All Stars" einen günstigen Millionenkredit aufnehmen. "Auch wenn alles ein langwieriger, anstrengender Prozess war, die Steuervorteile haben uns viele Hunderttausende von Dollar gespart", sagt Kurlander.
Und wie beurteilt Kurlander die Politik der Stadt, Theater im Hochhausdschungel von Hells Kitchen anzusiedeln? "Wir sind sehr glücklich über diesen Standort", sagt sie. Und ja, sie kenne die Befürchtungen der Anwohner und verstehe sie. "Aber die Stadt wird sich immer weiterentwickeln", sagt sie. "Jetzt hat wenigstens die Nachbarschaft etwas davon." Ähnlich denkt Leslie Marcus. "Die ursprünglichen Untergangsszenarien, dass wegen der Theater nun die Mieter vertrieben würden, sind wirklich nicht eingetreten", sagt sie.
Stattdessen hat sich die Theatre Row dank all der städtischen Unterstützung zu dem wichtigsten Standort für die Off-Broadway-Szene in New York entwickelt. Und davon, darin hat Papert Recht, profitieren letztlich alle.
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- Datum 15.03.2007 - 05:49 Uhr
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Wie viele Theater hat die Innenstadt Manhattan? Mindestens 75 auf jeden Fall, doch wahrscheinlich mehr als hundert - es kommt darauf an, was man mitzählt. Fest steht, dass es nie genug kleine Bühnen gab, wo sich die Avant-Garde zeigen kann. Erst erfand man deshalb den Off-Broadway, dann wurde auch dieser modisch, und man musste zum Off-off-Broadway umziehen. Aber kleine Theater mitten in der City -- das ist der Traum jedes kleinen Produzenten.
Das ist der Unterschied zu Deutschland: in NY wagt man eine solche Bonus Regelung und erfreut Theaterfreaks, Bürger und Spekulanten, in Deutschland schreit man 'Gau!'. Klar, in Deutschland würden die Beamten jahrelang mit Politikern und Betroffenen und Lobbyisten und Bedenkenträgern und Neidern und Gerichten die Baugesetze so lange novelieren, daß sie bis Karlsruhe wasserdicht sind. Die Investoren haben das Geld bis dahin längst woanders verbaut und die New Yorker erfreuen sich dafür an einer vitalen Theaterszene in einer aufregenden Stadt.
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