Tibet Wildes Land im Ozean der Gebirge

Das Leben im Osten des tibetischen Hochlands ist trotz der Einflüsse der chinesischen Politik noch immer von Traditionen geprägt. Auch Fremde sind eingeladen, daran teilzunehmen

Die Gipfel des Himalayas überragen die allgegenwärtigen religiösen Stätten

Die Gipfel des Himalayas überragen die allgegenwärtigen religiösen Stätten

"Om mani padme hum…" murmelt der alte Mönch und füllt die Messingschalen neu mit flüssiger Yakbutter, um die Lichter vor der Statue des Buddha am Leben zu erhalten. "Om mani padme hum…." Der Erleuchtete begleitet die konzentrierte Tätigkeit des Alten mit mildem Lächeln, denn das Nachfüllen der Butterlampen ist eine verdienstvolle Tat - sie unterstützt den Kampf des Lichts gegen die Finsternis. Die heilige Mani-Formel "Oh Juwel des Lotus", tausendfach geflüstert, verbessert zudem das Karma und nützt dem Geist.

Solange der Alte die Anordnung der Lämpchen im Kloster Ganden Tubchen Chokhorling von Litang neu gestaltet, hält ein Novize die Kanne mit der Butterflüssigkeit. Aufmerksam und still beobachtet der zwölfjährige Junge das Ritual, die laufende Nase durch ständiges Schniefen unter Kontrolle haltend. Seine Wangen sind rotviolett gefärbt von der Kälte und der Sonne Khams, dem "Land der vier Flüsse und sechs Gebirge", das einst den Osten des Tibetischen Reiches bildete und heute zu den chinesischen Provinzen Sichuan und Yunnan gehört.

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Khams Landschaft ist wild. Noch jung und ausgelassen bahnen sich hier vier großen Flüsse Südostasiens ihren Weg: Mekong, Yangtse, Salween und Bahmaputra durchfließen ein Meer von zerklüfteten Gebirgen, deren höchste Gipfel einst durch tektonischen Druck bis auf 7556 Meter emporgestoßen wurden. Die Wucht der Landschaft macht den Reisenden unruhig und lässt ihn auch schon mal die Nerven verlieren, wenn Erdrutsche das Weiterkommen für Stunden oder gar Tage unmöglich machen.

Beim Erreichen der Hochebene wird die Enge der Vertikalen ersetzt durch horizontale Großzügigkeit. Wo eben noch Ecken und Kanten den Blick versperrten, ist plötzlich ungewohnte Weite. Der Anblick ist atemberaubend. Wie Filz überziehen die satten Weidegründe der Nomaden die Hochebenen des Landes - im Sommer ein Teppich aus gelben und violetten Blumen auf grünem Grund, eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln des Himalayas.

Hier leben die Sippen der Hirten in schwarzen Zelten aus Yakwolle. Sie lassen ihre riesigen Viehherden auf der Hochebene grasen - Zotteltiere zu Hunderttausenden, schwarze Punkte bis zum Horizont. Die Fremden, die es geschafft haben, den Ozean der Gebirge hinter sich zu lassen, werden gern zu einer Feier zwischen den Zelten eingeladen. "Taschi delek - herzlich willkommen!"

Auf ausgebreiteten Fellen sitzen die Gäste bei den Ältesten und nippen Buttertee aus stets gefüllten Schalen. Die Tänzerinnen geben ihr Bestes. Ihre Erscheinung allein ist schon eindrucksvoll: Die roten Brokatkleider und bunten Schürzen sind verziert mit Silber- und Messingplättchen, mit Korallen und Bernstein und in Gold gefassten Türkisen, die so blau sind wie der Himmel über dem Dach der Welt. Magische 108 fein geflochtene Zöpfe zieren ein Khampa-Mädchen. In der Multiplikation von neun Planeten mit den zwölf Tierkreiszeichen war die Zahl 108 in Kham schon vor der Zeit des Buddhismus bedeutsam. Zehn Kilogramm Schmuck trägt das Mädchen. Auch die Fremden sollen ihren Beitrag leisten, unter tausend Augenpaaren ein Ständchen bringen, was mit einem Lied aus Kindertagen mehr schlecht als recht gelingt. Der Beifall ist dennoch ehrlich, und den Gästen werden weiße Gebetsschals gleich zu Dutzenden um den Nacken gelegt.

Leser-Kommentare
  1. Es mag ja sein, dass Reisebericht Reisebericht ist, und man kann in einem solchen vielleicht nicht die übliche Sorgfalt des ZEIT-Journalismus eines Georg Blume erwarten. Aber dass jetzt selbst in der ZEIT zu lesen steht:
    'Wie Filz überziehen die satten Weidegründe der Nomaden die Hochebenen des Landes - im Sommer ein Teppich aus gelben und violetten Blumen auf grünem Grund, eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln des Himalayas.'
    das ist doch irgendwie ärgerlich. Inzwischen scheint es allgemein verbreitet zu sein, dass jeder Berg im zwei bis 2,5 Millionen Quadratkilometer großen Hochland von Tibet zum Himalaya gehöre. Dabei hat Kham nun wirklich keinen Anteil an diesem Gebirge, so groß es auch ist, berührt ihn gerade mal so im äußersten Südwesten randlich. Wenn die Berge um Litang zum Himalaya gehören sollen, dann sollten wir in Zukunft auch die Pyrenäen, den Schwarzwald und die Karpaten zu den Alpen rechnen. Schaut so ein Autor denn niemals auf eine Karte?

    Auch der historische Hintergrund wird zeitlich ziemlich verkürzt: so werden Ereignisse aus der Zeit der Aufstände um und nach den sog. 'Demokratischen Reformen' (Enteignungen von 1958/59) sowie der Kulturrevolution (insbesondere 1966-1968) kurzerhand in die Zeit des Durchmarsches (der in Kham eher dies als eine Eroberung) der Roten Armee 1950 verlegt. Ich mag hier vielleicht als pedantisch erscheinen, aber so subtil - durch stetige gedankenlose oder wenig genauen Wiederholung gerade in viel und gerne gelesenen Reiseberichten - wird Geschichte 'verändert'.
    Muss das gerade in der ZEIT sein, von der ich eigentlich einen sorgfältigeren Umgang mit Quellen gewöhnt bin?

    Andreas Gruschke

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