Hatice Korkmaz schüttelt langsam den Kopf, als sie das zerknüllte Foto von Yüksel aus dem Portemonnaie kramt. Sie hat es schon ein paar mal zerknüllt, aber nie weggeworfen. Auch diesmal schiebt sie es wieder zurück in die kleine Tasche. Seit drei Monaten ist sie von ihrem Mann geschieden. Als sie die offiziellen Scheidungspapiere in Händen hielt, erfüllten sich unwiderruflich ein Wunsch und ein Albtraum. Sie wird ihren Ex-Mann nicht wiedersehen müssen. Seine Verwandtschaft aber will seit der Trennung auch nichts mehr mit ihr zu tun haben. Und weil Yüksel ihr Cousin ist, sind seine Verwandten auch ihre Verwandten. Bis auf Gül, ihre jüngere Schwester, haben mittlerweile alle Familienmitglieder offiziell den Kontakt abgebrochen oder auf einen "Guten Tag" bei zufälligen Treffen im Supermarkt beschränkt. Ihr Vater ruft sie manchmal heimlich an, wenn er allein zu Haus ist. "Ich bin ihnen peinlich", sagt Hatice und lacht trocken. Sie kommt mit der Ablehnung nur schwer zurecht. Sie wollte immer, dass ihre Eltern stolz auf die älteste Tochter sein konnten. "Nur deshalb habe ich meinen Cousin geheiratet", sagt sie.

In Deutschland sind Ehen zwischen Cousin und Cousine zwar erlaubt, aber gesellschaftlich verpönt und äußerst selten. In traditionellen Migranten-Familien gehört es hingegen oft zum guten Ton, dass die Kinder ein Mitglied der Verwandtschaft heiraten. Neben der Ehe zwischen Cousine und Cousin sind auch Verbindungen zwischen Onkel und Nichte möglich. Eine aktuelle Sonderauswertung des "Berichts zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat ergeben, dass rund 15 Prozent der türkischstämmigen Frauen in Deutschland mit einem blutsverwandten Angehörigen verheiratet sind. Ältere Studien kommen auf 20 Prozent bei Türkinnen und rund 9 Prozent bei Griechinnen.

"Oft steht schon im Kindesalter fest, das Cousine und Cousin heiraten werden. Wenn die beiden alt genug sind, also in der Pubertät, handeln die Eltern die Ehe untereinander aus", erklärt Yasemin Yadigaroglu. Die türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin leitet die in Duisburg ansässige Kampagne "Verwandtenheirat? Nein Danke!", die Eltern, Lehrer und Jugendliche über die Risiken einer Ehe unter Familienangehörigen aufklären soll. Seit zwei Jahren hält Yadigaroglu Vorträge an Schulen und berät Jugendliche, die von ihren Familien gedrängt werden, ihren Cousin oder ihre Cousine zu heiraten. Obwohl die Kampagne bisher nur auf lokaler Ebene angelegt ist, wird Yadigaroglu angefeindet. Nicht nur Vertreter der großen Islamverbände Milli Görus und Ditib verurteilen Yadigaroglus Engagement als stigmatisierend. Schützenhilfe bekommen sie von einigen Migrationsforschern, die schnell vor Islamfeindlichkeit warnen. "Andererseits übertreiben manche Experten das Problem, sodass der Eindruck entsteht, alle türkischen Frauen lebten in arrangierten Ehen oder seien mit einem Verwandten verheiratet", kritisiert Monika Schröttle, die am Institut für Gender- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld forscht und die Sonderauswertung des Berichts zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland betreut hat.

Yadigarolgu bietet den meisten Gegnern, gleich welcher Seite, allerdings kaum Angriffsfläche. Sie eignet sich nicht, um zu polarisieren, verwirrt aber jene, die sich hinter allzu schablonenhaften Vorstellungen von Migranten verschanzt haben. Anders als Hatice, die im kurzen Rock und raspelkurzen Haaren kellnert, trägt Yasemin Yadigaroglu Kopftuch zum modischen Blazer, bezeichnet sich selbst als sehr gläubige Muslimin und argumentiert wenn nötig eloquent mit Koran-Zitaten gegen die Verwandtenehe. Sie sieht darin keinen Gegensatz. "Es geht eben nicht um den Islam, sondern um patriarchale Familienstrukturen und überkommene Traditionen", sagt sie.

Es geht auch nicht nur um Frauen. Junge Männer sind von arrangierten Verwandtenehen ebenso betroffen. "Ich will niemanden verurteilen, sondern aufklären. Wenn sie verheiratet werden, sind die Jugendlichen oft nicht älter als 15 oder 16 Jahre alt und damit viel zu jung, um ermessen zu können, worauf sie sich einlassen", sagt Yadigaroglu. Sie wünscht sich deshalb größere Präventivkampagnen, wie es sie in der Türkei schon seit einigen Jahren gibt.