Migranten Verwandt, verlobt, verheiratet!Seite 3/3
Diese Erfahrung hat auch Hatice gemacht. Im Gegensatz zu Yüksel hatte sie noch kein Interesse an Familienplanung. „Er hat nicht verstanden, warum mir die Ausbildung zunächst wichtiger war. Wir hatten völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben.“ Es kam immer häufiger zu heftigen Auseinandersetzung. In den daran anschließenden, stundenlangen Telefongesprächen versuchten die Eltern, eine Lösung zu finden, die aber nur kurzzeitig den Familienfrieden sicherstellen konnte. Schließlich kündigte Hatice auf nachdrücklichen Wunsch ihrer Familie ihre Ausbildungsstelle. Mit dem Nachwuchs klappte es zur großen Enttäuschung aller Verwandten trotzdem nicht. Hatice erlitt kurz hintereinander zwei Fehlgeburten.
Neben den sozialen Problemen können auch medizinische Gründe gegen eine Ehe unter Blutsverwandten sprechen. Vor allem Kinder, die aus einer Ehe unter Geschwistern hervorgehen, tragen ein höheres Risiko, geistig oder körperlich behindert zur Welt zu kommen oder mit schweren Erbkrankheiten belastet zu sein. „Fehlgeburten sind häufiger und die Sterblichkeitsrate dieser Kinder ist in den ersten zehn Lebensjahren deutlich erhöht. Das Risiko für Erbkrankheiten ist mindestens doppelt so hoch wie bei nicht verwandten Paaren“, sagt Harald Rieder von der Genetiksprechstunde des Universitätsklinikums Düsseldorf.
Er berät Paare, die blutsverwandt sind und gemeinsame Kinder planen. Denn oft ist das Risiko einer Fehlbildung auch unter Cousin und Cousine höher als gedacht. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Vorfahren des Paares auch schon miteinander blutsverwandt waren. „Manche Familien heiraten seit Generationen nur untereinander“, sagt Yadigaroglu. Der Berliner Gynäkologe und Experte für Pränataldiagnostik Rolf Becker hat festgestellt, dass rund 8 Prozent der Kinder von behandelten Migrantinnen geistig oder körperlich behindert waren.
Sollte das Bundesverfassungsgericht den Inzestparagrafen, der Ehen zwischen direkten Verwandten untersagt, in den nächsten Monaten kippen, wäre das ein kleiner Regen auf die Mühlen der Verfechter traditioneller Verwandtenehen. Zwar geht es dabei um zwei verschiedene Dinge. Denn in den wenigen Einzelfällen, in denen Geschwister in Deutschland heiraten wollen, handelt es sich eher um Liebesehen, die weder von der Familie arrangiert wurden, noch hauptsächlich der Zeugung von Nachkommen dienen. Beziehungen zwischen Geschwistern und anderen Verwandten ersten Grades sind auch in der Migrantencommunity nicht erwünscht. „Trotzdem wird noch mehr Aufklärung nötig sein“, sagt Yadigaroglu, „ein solches Urteil wird mit Sicherheit instrumentalisiert.“
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- Datum 27.03.2007 - 10:53 Uhr
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