Berlin Ein deutsches Lustspiel

Der Dichter und einstige DDR-Dissident Wolf Biermann erhält die Berliner Ehrenbürgerwürde und duelliert sich auf recht unterhaltsame Weise mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.

Schwarze Lederjacke, kein Schlips: der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann ist nun Ehrenbürger von Berlin

Schwarze Lederjacke, kein Schlips: der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann ist nun Ehrenbürger von Berlin

Kein Theater ohne Ouvertüre. In diesem Fall hat Wolf Biermann sie geliefert: Am vergangenen Wochenende schalt er die Berliner Sozialdemokraten, es sei „verbrecherisch“, mit der Linkspartei.PDS „ins Bett zu gehen“. Eine wohl kalkulierte Rüge des Medienprofis, das möchte man meinen. Denn nun bekommt Wolf Biermann die Berliner Ehrenbürgerwürde überreicht - und ausgerechnet Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister des rot-roten Berliners Senats, hält die Laudatio auf den Ostberliner Dichter, der vor drei Jahrzehnten aus der DDR ausgebürgert wurde.

Einen Eklat erwarten die Journalisten, die Ehrengäste rechnen mit einem Drama. Hier der wortgewaltige Liedermacher, dort der wortmächtige Politiker. Auf der einen Seite der idealistische Kommunist, aus dem ein radikaler Humanist wurde. Auf der anderen Seite der ehrgeizige Sozialdemokrat, der mit den SED-Nachfolgern paktiert. Hier der leidenschaftliche Pöbler, dort ein wenig leidensfähiger Politiker. Ein paar Trommelwirbel und muntere Pianoweisen stimmen die Festgemeinde auf den Einzug der Hauptdarsteller ein, bevor im Großen Saal des Roten Rathauses die ersten Worte fallen.

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Vorhang auf für Klaus Wowereit. Den ersten Beifall hat der Bürgermeister schnell auf seiner Seite. Der Sozialdemokrat betont, Berlin habe eine demokratisch gewählte Regierung und diese verbrecherisch zu nennen, das gehe zu weit. Ja, so sehen es viele im Saal, gleichzeitig sagen sie „typisch Biermann“. Dann aber hält sich Klaus Wowereit nicht mehr länger an der Biermannschen Ouvertüre fest, sondern würdigt einen Ehrenbürger, den er eigentlich nicht ehren will.

Lange hat sich Klaus Wowereit dagegen gewehrt, Wolf Biermann zum 115. Ehrenbürger Berlins zu ernennen. Beleidigt war der Bürgermeister, weil Biermann die rot-rote Landesregierung schon vor sechs Jahren einen „Schande“ genannt hatte und den Bürgermeister einen „bankrotten sozialdemokratischen Apparatschik“, der „den Erben der DDR-Nomenklatura den Steigbügel“ halte. Und wenn Klaus Wowereit beleidigt ist, dann ist er auch durch beste Argumente nicht einfach umzustimmen. Parteitaktik witterte er hinter dem Vorschlag der CDU, da Ehrenbürger im Konsens ernannt würden und nicht im politischen Schlagabtausch. Die öffentliche Empörung aber drohte zu einem bundesweiten Proteststurm anzuschwellen, die Affären zu einer kleingeistigen Posse zu eskalieren. Anfang des Jahres lenkte Wowereit ein und stellt sich dem Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses nicht mehr in den Weg.

Einen Eklat bietet Klaus Wowereit auch an diesem Montag nicht. Anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde spricht er mit feiner Ironie über den „großen Künstler und leidenschaftlichen Humanisten“, über das „poetische Genie“ und das „gesamtdeutsche Phänomen“. Über einen, der die Erosion der DDR beschleunigt und der Auseinandersetzung mit der SED-Erbe nach der Wiedervereinigung „wichtige Impulse“ gegeben habe. Aber er vergisst auch nicht an den leidenschaftlichen politischen Liedermacher Wolf Biermann zu erinnern. An den Sohn eines von den Nazis ermordeten jüdischen Werftarbeiters, der 1953 freiwillig in die DDR zog. An den Ziehsohn Margot Honeckers, aus dem ein Dissident wurde.

Dass Biermann einmal Kandidat der SED war, bleibt genauso wenig unerwähnt, wie eine Geldspende an die RAF aus dem Jahr 1969. Die Tatsache, dass es westdeutsche Jungsozialisten und Gewerkschafter waren, die 1976 das legendäre Kölner Konzert organisiert hatten, nach dessen Ende Biermann nicht in die DDR zurückkehren durfte, das erzählt Wowereit gerne. Die Christdemokraten im Saal sollen schon wissen, wen sie da ehren, schließlich haben sie ihn nach dessen Ausbürgerung noch einen „wirklichkeitsfremden Kommunisten“ geschimpft. Und weil Biermann in Ostberliner lebte, bevor er ausgebürgert wurde und zurück nach Hamburg zog, weil dieser kürzlich bekannt hat, Westberlin sei ihm fremd wie Barcelona, deshalb erinnert Klaus Wowereit Berlins neuen Ehrenbürger an den einzigen materiellen Vorteil, den diese Würde mit sich bringt: „die kostenlose Beförderungsmöglichkeit“ im öffentlichen Nahverkehr der Stadt.

Leser-Kommentare
    • onkel
    • 30.03.2007 um 6:05 Uhr

    Die Ehrenbürgerwürde für Biermann kann man vertreten.Leider wurde sie von den falschen Leuten vertreten.
    Berliner Provinzreaktionäre haben mit einem der besten deut.
    Liedermacher soviel zu tun wie die sprichwörtliche Kuh mit tanzen.Bevor Biermann Lehmann-Braun und den anderen Landowski-Zöglingen nicht vor das Knie tritt sollte er meines
    Erachtens die Klappe halten.Es gibt übrigens in den neuen Bundesländern genügend Veranstaltungen wie beispielsweise das Liedermachertreffen in Hoyerswerda oder das TFF in Rudolstadt wo WB besser aufgehoben wäre
    als in dem Etablissement dass von seinen schmierigen Gönnern in Berlin frequentiert wird.
    Aber hierfür ist Wölfchen sich wohl zu schade.

  1. auf den wir in der DDR gerne verzichtet haben. Ich habe seinen Weggang nie als Verlust empfunden.

  2. @Fritzfernando - 'Faschismus ist präsent ... und allen Verbrechen die der neue modernisierte Zeitgeist des Faschismus verübt ...'

    http://www.vampirehost.de...

    Bei Ihnen ist auf jeden Fall eine Menge präsent!

    • onkel
    • 30.03.2007 um 6:05 Uhr

    Die Ehrenbürgerwürde für Biermann kann man vertreten.Leider wurde sie von den falschen Leuten vertreten.
    Berliner Provinzreaktionäre haben mit einem der besten deut.
    Liedermacher soviel zu tun wie die sprichwörtliche Kuh mit tanzen.Bevor Biermann Lehmann-Braun und den anderen Landowski-Zöglingen nicht vor das Knie tritt sollte er meines
    Erachtens die Klappe halten.Es gibt übrigens in den neuen Bundesländern genügend Veranstaltungen wie beispielsweise das Liedermachertreffen in Hoyerswerda oder das TFF in Rudolstadt wo WB besser aufgehoben wäre
    als in dem Etablissement dass von seinen schmierigen Gönnern in Berlin frequentiert wird.
    Aber hierfür ist Wölfchen sich wohl zu schade.

    • Anonym
    • 27.03.2007 um 20:58 Uhr

    1953 bin ich aus der Täterä raus, im Handgepäck,
    BMann zu Margot rein unter'n Rock.
    1968 habe ich auf das gesülze biermanns gehört.
    heute denunziert er die, die ihn damals gehalten haben.
    heute nimmt er ehrenbürgerschaften von 'verbrecherischen' an. eitel ehrlos - ein poetischer saufaus.
    wir sehen genau, wer da schießt!

  3. Im Zeitartikel zur Ehrenbürgerwürde für Wolf Biermann lesen wir:

    >>Dass Biermann einmal Kandidat der SED war, bleibt so unerwähnt, wie eine Geldspende an die RAF aus dem Jahr 1969. <<

    Laut Wikipedia entstand die RAF aus der Baader-Befreiung im Mai 1970. Vorher gab es sie nicht und sie konnte auch keine Geldspenden entgegennehmen.

    Der Zeit-Verfasser hat Unsinn geschrieben und nicht einmal gemerkt, wie leicht das im Internet-Zeitalter auffliegt. Aber für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht googelt.

    Michael Schmidt

    • norle
    • 27.03.2007 um 2:41 Uhr
    7.

    Der von mschidthrcd angesprochene Abschnitt ist sogar doppelt falsch.
    Einerseits in Bezug auf die Gründung der RAF, andererseits weil im Gegenteil die besagte Spende an Mahler (nicht die RAF) eben doch Erwähnung fand, wie im Artikel bei Spiegel-online nachzulesen ist. Wahrscheinlich ein Versehen, ...blieb genauso >wenig< unerwähnt...hätte es wohl heißen sollen. Ist aber nicht der einzige Rechtschreibfehler in dem Artikel, was schon ziemlich ärgerlich ist.
    Noch ärgerlicher natürlich fritzfernando: 'der aggressive preussische Teil aus gutem Grund unter Quarantäne'...naja...berechtigte Teilung meinetwegen, aber das klingt schon nach besonders origineller westdeutscher Geschichtsdeutung.
    Und dann den Zionismus als 'völkischen Rassismus in Palästina' und als 'neuen modernisierten Zeitgeist des Faschismus' zu bezeichnen und so in eine Ecke mit dem Nationalsozialismus zu stellen ist mal wieder typische linksradikale Verblendung, die garnicht mehr merkt, wie rechts sie schon geworden ist. Biermann als legitimer Nachfolger Hitlers! Oh Mann. Da muss man auch erstmal drauf kommen.

  4. Wie konnte man in dieser Aufzählung der Leistungen eines Tausendsassers eine besondere Perle einfach vergessen:
    Im ersten Irak-Krieg hatte die Wochenzeitung 'die Zeit' den genialen Einfall, ihren Lesern Hrn. Biermann als Nahostexperte, Diktaturenkritiker und Militärtheoretiker zu präsentieren.
    Leider wurde uns dieser Schatz im zweiten Irak-Krieg nicht zugänglich gemacht.
    So kann man nur vermuten, was der Fundamental-Humanist zu die dem Ereignis zu sagen hätte: auf jeden Fall etwas sehr, sehr Kluges!

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