Internationaler Fußball "Ich hasste Deutschland"

Arsène Wenger ist seit zehn Jahren einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. Im Interview des Magazins RUND verrät der 57-jährige Franzose von Arsenal London, dass seine Begeisterung für den taktischen Fußball im Restaurant seiner Eltern im Elsass begann, wie er fast beim FC Bayern gelandet wäre und was er über den Tod und Politiker denkt

Die Ruhe in Person: Europäer Arsène Wenger

Die Ruhe in Person: Europäer Arsène Wenger

War Arsenal für Sie der passende englische Klub?
Wenger: Ich weiß es nicht, aber es war der Verein, den ich brauchte, als ich hierher kam. Kompromisse in der Freiheit meiner Arbeit kamen nicht mehr infrage. Hier bin ich Herr meiner Entscheidungen. Gleichzeitig brauchte es eine gewisse Reife, um dem Druck standzuhalten. Ich war 47 und hatte wahrscheinlich genug Widerstandskraft, um das alles auf mich zu nehmen; zehn Jahre früher wäre dies vielleicht noch nicht der Fall gewesen.

Sie haben gegenwärtig eine unglaublich junge und talentierte Mannschaft und Sie verfügen über ein neues Stadion. Werden Sie in zehn Jahren noch hier sein?
Wenger: Ich argumentiere anders. Ich denke, den Klub wird es auch in zehn Jahren noch geben, mich aber nicht. Ich muss mich damit abfinden, dass ich in zehn Jahren 67 Jahre alt sein werde. Dies ist ein Job, der eine instinktive, physische Kraft verlangt, die animalische Kraft des Willens, siegreich zu sein. Das muss ganz tief in einem drinstecken. Aber mit dem Versickern des Testosterons, mit Arthritis und Arthrose, mit dem Altern kann sie verschwinden.

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Kann ein Trainer von seinen Spielern zu viel verlangen?
Wenger: Die Befriedigung eines Trainers besteht darin, auf die Spieler zuzugehen und das Maximum aus ihnen herauszuholen, den Spielern die Gewissheit zu geben, dass sie mit ihren vorhandenen Möglichkeiten etwas Beachtliches erreicht haben. Die Schwierigkeit in unserem Beruf ist es, präzise den eigenen Wert zu erkennen. Du kannst Meister sein und sagst dir, dass ein anderer Trainer es ebenso gut, wenn nicht besser hätte machen können. Meine in dieser Hinsicht größte Befriedigung war, dass ich 2003/04 nicht ein Spiel verloren habe. Aber vielleicht hat der Kerl, der in der gleichen Saison seine Mannschaft vor dem Abstieg bewahrt hat, größere Verdienste als ich erworben. Andererseits, keine Niederlage - es ist schon recht schwierig, es besser zu machen.

Was ist die Grundlage Ihrer Beziehung zu Ihren Spielern?
Wenger: Der Respekt und der Glaube an den anderen. Die Aufgabe eines Trainers besteht darin, seinen Jungs zu sagen: "Mein Schicksal liegt in euren Händen, ich glaube an euch." Es ist einfach eine Sache des Vertrauens. Wenn man eine Gemeinschaft bildet, braucht man dafür eine Leitlinie, aber was der Trainer daraufhin sagt, ist nicht so wichtig. Was zählt ist, was auf der anderen Seite passiert. Gewinnen die Spieler den Eindruck, dass sie für ihre eigenen Ideen spielen und kämpfen, dann sind wir auch in der Lage, Berge zu versetzen.

War das Restaurant Ihrer Eltern ein grundlegendes Element Ihrer abgrundtiefen Leidenschaft für den Fußball?
Wenger: Davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich glaube, dass alle Leidenschaften in der Kindheit entstehen, manchmal durch Ablehnung, manchmal aus Trotz, manchmal aus Begeisterung. Bei mir war es die Begeisterung, denn im Restaurant meines Dorfes gab es ein Komitee, das die Mannschaft für das Sonntagsspiel bestimmte. Donnerstagabends wurde im Restaurant die Aufstellung bekannt gegeben. Da musste ich dann denken: "Mensch, sie haben den genommen statt jenen, und der wird den linken Läufer spielen." Es ist schon merkwürdig, nicht wenige Trainer sind in Restaurants aufgewachsen.

Wovor haben Sie Angst? Vor dem Rückzug ins Privatleben, vor dem Tod?
Wenger: Das ist eine Sache, die mich andauernd beschäftigt. Vielleicht habe ich lange gelebt, ohne zu spüren, wie die Zeit vergeht. Hat man die 50 erreicht, wird einem bewusst, dass man den Gipfel überschritten hat. Man macht plötzlich die schmerzhafte Entdeckung, dass die Zeit, die einem noch bleibt, knapper wird. Dann fragt man sich, wie man die verbleibende Zeit nutzen soll. Was mich aber in meinem Leben wirklich antreibt, ist der Gedanke, dass ich morgen besser sein werde als heute.

Für Ihre Angehörigen muss es schwer sein, mit Ihrer Besessenheit für Ihre Arbeit zu leben.
Wenger: Es ist eine Tätigkeit für Leidenschaftliche, und das bedeutet, egoistisch zu sein. Darunter leidet mit Sicherheit die Umgebung. Solange man jünger ist, hat man weniger Abstand zu dem, was man macht, wie man lebt, und der Aufprall gegen die Mauer erwischt dich voll. Als Trainer bewegt man sich mental niemals im Mittelfeld. Entweder du bist ganz oben oder ganz unten. Man muss sich das Wissen aneignen, Enttäuschungen verarbeiten zu können, ohne die Hingabe aufzugeben. Das ist zweifellos die Bedingung, um als Trainer zu überleben. Jede Niederlage ähnelt einer enttäuschten Liebe. Wirst du fähig sein, erneut zu lieben? Seit eineinhalb Monaten spielen wir jeden dritten Tag. Du kommst aus einem Spiel und denkst an das nächste. Wenn du es im Leben eines Trainers etwas laufen lässt, dann ziehen sie dir am Samstag den Scheitel nach. Jeden dritten Tag absolvierst du als Trainer eine Prüfung, und alle Welt spielt sich zum Richter auf. Was meine familiäre Existenz betrifft, sie ist wirklich nicht einfach. Meine Familie lebt autark, ich mische mich von Zeit zu Zeit ein, aber meine Tätigkeit frisst mir 90 Prozent meiner Tage.

Vor einigen Monaten hatten Sie an der Seitenlinie eine körperliche Auseinandersetzung mit Alan Pardew, dem damaligen Trainer von West Ham United, weil der sich so übertrieben über ein Siegtor in letzter Minute gefreut hat. War das das Ende des Japaners, der angeblich in Ihnen schlummert?
Wenger: Ja, es stimmt schon, es ist der Japaner in mir, insofern es ein Japaner als unehrenhaft empfindet, sollte jemand meinen, er habe nicht sein Bestes gegeben. Außerdem kontrolliere ich meine Gefühle ein wenig wie ein Japaner. Es gibt noch andere Facetten, die mir gefallen, zum Beispiel Sumo. Dabei gibt es kein Unentschieden, nur einen Gewinner und einen Verlierer. Ersterer zeigt, aus Achtung gegenüber dem Unterlegenen, niemals seine Freude über den Sieg. Hier dagegen springt dir der Typ ins Gesicht. Japan hat mich unter anderem auch das gelehrt: "Sei bescheiden im Sieg, unterlass es, den Verlierer noch zu demütigen." Aber der Streit mit Alan Pardew war dennoch nicht das Ende des Japaners, der offensichtlich in mir lebt, das können Sie mir glauben.

In gewisser Weise verkörpern Sie aber auch den europäischen Bürger.
Wenger: Und es hat mich unglaublich schockiert, dass Frankreich gegen die europäische Verfassung votiert. Das Elsass hat mir den Geschmack Europas vermittelt. Nach dem Krieg wuchs ich in einem Hass auf Deutschland auf, aber als ich die Brücke bei Kehl überqueren konnte, stellte ich fest, dass die Menschen auf der anderen Seite des Rheins sich von mir überhaupt nicht unterschieden.

Später wären Sie als Trainer fast in Deutschland gelandet.
Wenger: Ja, ich wäre beinahe dorthin gegangen, insbesondere zum FC Bayern. Ich kannte Deutschland. Ich war zum Teil mit dem deutschen Fußball groß geworden, der damals Europa dominierte, mit Bayern München und den drei Europapokalsiegen, mit dem Fußball von Borussia Mönchengladbach. Ich litt, denn jedes Mal wenn die Deutschen auf die Franzosen trafen, verloren wir. Im Elsass wurden wir nach dem Krieg zu einer unversöhnlichen Haltung Deutschen gegenüber erzogen. Ich wollte, dass Frankreich gewinnt. Inzwischen bin ich klüger.

Leser-Kommentare
  1. Ist der Artikeltitel ('Ich hasste Deutschland') identisch mit dem was Wenger ('Nach dem Krieg wuchs ich in einem Hass auf Deutschland auf') gesagt hat?
    Man kann es sicher sehr verschieden sehen, aber im Interview äußert er sich zweideutig nicht eindeutig.
    Um ebensolcher Verkürzungen auf einen reißerischen Slogan nach Boulevard-Manier zu entgehen liest man ja schließlich z.B. 'Die Zeit'.
    Hoffentlich reißt sowas jetzt nicht ein bei euch (oder macht ihr das schon immer so?)

  2. Ist der Artikeltitel ('Ich hasste Deutschland') identisch mit dem was Wenger ('Nach dem Krieg wuchs ich in einem Hass auf Deutschland auf') gesagt hat?
    Man kann es sicher sehr verschieden sehen, aber im Interview äußert er sich zweideutig nicht eindeutig.
    Um ebensolcher Verkürzungen auf einen reißerischen Slogan nach Boulevard-Manier zu entgehen liest man ja schließlich z.B. 'Die Zeit'.
    Hoffentlich reißt sowas jetzt nicht ein bei euch (oder macht ihr das schon immer so?)

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