Internationaler Fußball "Ich hasste Deutschland"Seite 2/2
Verfolgen Sie die politischen Prozesse?
Wenger:
Die französische Politik verfolge ich sehr genau. Einerseits ein wenig als intellektuelles Spiel, ein wenig aber auch aus Überzeugung, selbst wenn heute das politische Schicksal eines Landes nicht mehr so sehr von der Persönlichkeit des einen oder anderen Lagers abhängt. Gleichzeitig finde ich es interessant, weil die wichtigen Politiker die Mentalität von Wettkämpfern haben. Wenn Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy an der Spitze ihrer jeweiligen Partei stehen, dann, weil sie den Appetit von Hochleistungsathleten haben. In diesem Sinne finde ich den Wahlkampf wirklich interessant.
Und in England, verfolgen Sie dort die Politik?
Wenger:
In England interessiert sie mich weniger, da ich Franzose bin, aber ich beobachte sie ein bisschen, denn ich kenne Blair. Ich bewundere seinen politischen Mut. Man kann ihn kritisieren, aber das ist ein Bursche, der jedenfalls nicht kneift. Hat er die richtige Entscheidung für den Irak getroffen? Ich tendiere dazu, nein zu sagen. Aber er verantwortet sie.
Ist er ein Anhänger von Arsenal?
Wenger:
Nein, er unterstützt die Magpies von Newcastle.
Wie ist Ihr Verhältnis zum Geld?
Wenger:
Ich verdiene enorm viel Geld. Ich habe aber kein besonderes Verhältnis dazu, denn ich hab mich niemals wirklich damit beschäftigt. Das Einzige, was ich dem Geld zugute halte ist, dass es eine Form von Sicherheit darstellt. Der Zufall wollte, dass ich die finanzielle Explosion dieses Spiels begleitet und davon profitiert habe. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal so genau, was ich im Moment verdiene, denn das hängt von den Ergebnissen ab, von möglichen Trophäen, davon, ob wir das Finale in der Champions League erreichen und Ähnlichem. Aber auch wenn dies nicht so gekommen wäre, wäre ich heute derselbe Trainer.
Steht Ihre Karriere also auch für die Entwicklung des modernen Fußballs?
Wenger:
Die Menschen lieben den Fußball und ihren Verein, beides ist miteinander verzahnt; heute jedoch befindet sich beispielsweise der britische Fußball in einem tief greifenden Wandel. Bisher wuchsen die Menschen an der Nuckelflasche des Klubs auf, und waren sie später in ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Leben erfolgreich, dann kauften sie ihren Verein. Früher wurden Anhänger die Besitzer, heute gehören Chelsea, Manchester, Aston Villa, Portsmouth Investoren. Es handelt sich um einen grundsätzlichen Bruch mit der Tradition des britischen Fußballs. Aber da es in England möglich ist, Gewinne zu machen, sich zu kapitalisieren, sind solche Entwicklungen wohl unvermeidlich. Sie sind sehr widersprüchlich, zugleich menschenfreundlich und sehr liberal. Zum Beispiel verteidigen Sie gewisse sehr liberale Ideen der G14. Hier gelten die Regeln des Wettkampfs. In der Elite kämpfen die besten gegen die besten. Das macht die Schönheit des Spektakels aus. Wer 50 Pfund für ein Fußballspiel bezahlt, dem muss man die bestmögliche Vorstellung bieten, denn er ist nicht gekommen, um sich zu langweilen. In diesem Zusammenhang frage ich Sie: Worin wohl besteht der Nutzen einer Nationalmannschaft?
Bitte erklären Sie es uns.
Wenger:
Nehmen wir als Beispiel einen Verein wie Arsenal: 60 Prozent der Gehaltsmasse sind für die Spieler bestimmt. Doch heutzutage verbringen unsere besten Spieler eine ziemlich lange Zeit bei ihrer jeweiligen Nationalelf, werden aber für das ganze Jahr bezahlt, als ob nichts wäre. Das Interesse für den Wettkampf von Nationalmannschaften ist entweder, Spitzenfußball zu bieten, den man in den Klubs nicht sieht, oder weil es dem Nationalismus schmeichelt. Für mich existiert der erstgenannte Grund in 90 Prozent aller Fälle einfach nicht. Es tut mir leid, aber wenn Frankreich gegen die Färöer-Inseln spielt, sehe ich nicht, was da fußballerisch von Interesse ist.
Qualifikationswettbewerbe sind obligatorisch; sie sind Teil der großen Wettkämpfe, und die kleinen Nationen brauchen sie auch, um Fortschritte zu machen.
Wenger:
Ja, aber gerade diese Spiele machen 90 Prozent eines Wettkampfes aus.
Was genau deuten Sie da an?
Wenger:
Was ich damit sagen will, ist, dass ein rein fußballerisches Interesse schlicht und einfach begrenzt ist. Die Endrundenspiele sind zunehmend unausgewogen. Wenn die Weltmeisterschaft mit 32 Mannschaften, die Europameisterschaft mit 24 stattfindet, kann man nicht sagen, dass damit die Spiele qualitativ besser und interessanter werden. Sie sollen trotzdem nicht meinen, dass ich gegen internationale Wettkämpfe bin, denn diese schaffen trotz allem heutzutage größte Aufmerksamkeit und Publikum. Man sollte diese Wettkämpfe nur einmal überdenken.
Das Interview erscheint in der Aprilausgabe des Fußballmagazins
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- Datum 28.03.2007 - 07:13 Uhr
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- Quelle RUND, ZEIT online, 27.03.2007
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Ist der Artikeltitel ('Ich hasste Deutschland') identisch mit dem was Wenger ('Nach dem Krieg wuchs ich in einem Hass auf Deutschland auf') gesagt hat?
Man kann es sicher sehr verschieden sehen, aber im Interview äußert er sich zweideutig nicht eindeutig.
Um ebensolcher Verkürzungen auf einen reißerischen Slogan nach Boulevard-Manier zu entgehen liest man ja schließlich z.B. 'Die Zeit'.
Hoffentlich reißt sowas jetzt nicht ein bei euch (oder macht ihr das schon immer so?)
Ist der Artikeltitel ('Ich hasste Deutschland') identisch mit dem was Wenger ('Nach dem Krieg wuchs ich in einem Hass auf Deutschland auf') gesagt hat?
Man kann es sicher sehr verschieden sehen, aber im Interview äußert er sich zweideutig nicht eindeutig.
Um ebensolcher Verkürzungen auf einen reißerischen Slogan nach Boulevard-Manier zu entgehen liest man ja schließlich z.B. 'Die Zeit'.
Hoffentlich reißt sowas jetzt nicht ein bei euch (oder macht ihr das schon immer so?)
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