SchuleBeschämung - ein deutscher Komplex

An deutschen Schulen geht es vor allem um die Fehler der Kinder. Erfolgreicher sind die Finnen, deren höchstes Erziehungsprinzip lautet: Kinder nie beschämen. von reinhard kahl

„Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland“, fragte Georg Christoph Lichtenberg, „wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?“

UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz rührt an einer deutschen Wunde, der Beschämung und der damit verbundenen Hochnäsigkeit, derer, die meinen noch mal davon gekommen zu sein. Beschämend ist der Bericht selbst. Er legt Deutschland nahe, sich von seinem dreigliedrigen, nimmt man die Sonderschulen dazu, viergliedrigen Schulsystem zu trennen. Das System sei für Kinder aus unteren sozialen Schichten, für Behinderte und vor allem für Einwander- und Flüchtlingskinder diskriminierend.

Beschämung verwundet und hinterlässt Narben. Sie sagt, du gehörst nicht wirklich dazu. Du bist nicht würdig, unserer Freund oder unsere Freundin zu sein. Du bist minderwertig. Hauptschüler fühlen sich schon von dem Wort „Hauptschüler“, das bei Kindern zum Schimpfwort geworden ist, beleidigt und erniedrigt. Sonderschüler verbergen erst recht, zu welcher Schule sie gehen müssen. Sie werden ja, wenn man vom dreigliedrigen Schulsystem spricht, gar nicht mehr dazu gezählt. Dabei ist in keinem Land der Anteil an Sonderschülern so hoch, wie hierzulande, fast fünf Prozent.

In Finnland zum Beispiel wurden Sonderschulen von den meisten Kommunen abgeschafft. Allerdings gibt es in der Gemeinschaftsschule, die bis zur 9. Klasse von allen besucht wird, Sonderlehrer. Fast ein Viertel der Kinder erhält zusätzlichen Einzel- oder Kleingruppenunterricht, andere Schüler verlassen dafür zwischendurch die Klasse. Das findet in den ersten Jahren häufig statt. In den höheren Klassen wird Sonderunterricht selten.

Bevor ich mich nicht selbst davon überzeugen konnte, habe ich nicht geglaubt, dass Kinder in Finnland diesen Unterricht nicht als diskriminierend empfinden. Das schien mir nicht möglich. Werden diese Kinder, wenn sie aus der Klasse geholt werden, nicht von den anderen als die Doofen gehänselt? Tatsächlich konnte ich bei mehren Schulbesuchen in Jyväskylä und Helsinki diese Herabsetzungen nicht finden. Im Gegenteil, Eltern und Kinder verlangen nach viel mehr individuellem Sonderunterricht, als die Schulen aus Kostengründen anbieten. Das war für mich der stärkste Beweis, dass etwas Entscheidendes in Finnland anders läuft.

Kinder nie zu beschämen, ist dort das höchste Erziehungsprinzip. Dieser Grundsatz war dort für die in den sechziger und siebziger Jahren durchgeführte Schulreform ein stärkeres Motiv als die Durchsetzung von Chancengleichheit und das Ziel, möglichst viele Jugendliche zu hohen Schulabschlüssen zu führen. Vielleicht verhält es sich umgekehrt. Die Veränderung der Mentalität in den Schulen ist ein starker Grund dafür, dass in Finnland inzwischen über 70 Prozent der Jugendlichen ein Studium an einer Hochschule beginnen.

Viele Deutsche glauben, wenn sie diese Zahl lesen, es müsse wohl ein Druckfehler sein oder das Resultat einer heillosen Inflation bei den Schulabschlüssen. Es scheint manchmal, als könnten man sich in Deutschland gar nicht vorstellen, dass in jedem viel mehr steckt, als man glaubt, schon gar nicht dass – um noch einmal Lichtenberg zu zitieren – „jedermann des Jahres einmal ein Genie ist.“ Es ist, als würde eher auf Anlässe zum Herabsetzen und Kleinmachen der anderen gelauert, das ist ja nicht nur in der Schule so.

„Ich bin immer wieder über die Demütigung der Kinder im Unterricht entsetzt“, sagt Wolfgang Edelstein, emeritierte Direktor am Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Sein Sohn Benjamin war als Gastschüler in den USA. Dort waren Lehrer nachmittags für fachliche und persönliche Fragen der Schüler ansprechbar. In Deutschland zurück, geht sein Sohn der Gewohnheit folgend zum Lehrer und fragt ihn. Dessen Antwort: „Ich werde nicht dafür bezahlt, dir privat Auskunft zu geben“. „Unmöglich“, erregt sich der Vater, über diesen deutschen Kälteschock. „In den USA hatte Benjamin richtige Lehrer erlebt. Hier kriegt er was auf die Schnauze.“

Warum gehen in Deutschland viele Kinder zur Schule wie zum Zahnarzt? Und warum frönen viele Lehrer immer noch der „Osterhasenpädagogik“, in der sie Wissen verstecken, um ihre Schüler danach suchen zu lassen? Warum nur interessieren sich Lehrer häufig so sehr für die Fehler der Schüler, und zwar nicht, damit diese daraus lernen, sondern um sie ihnen anzukreiden?

Zweifel daran, ob Lehrer in Deutschland ihre Schüler mögen und überhaupt kennen, liefert eine erweiterte Auswertung der deutschen Pisa-Studie von Jürgen Baumert, Chef der ersten Pisa-Studie in Deutschland. Die Bildungsforscher fragten die Elite der Lehrer, definiert als diejenigen, die an Lehrplänen mitwirken und Schulbücher schreiben, wie viele ihrer Schüler beim Pisa-Test im Lesen wohl Aufgaben aus der Kompetenzstufe fünf, das ist die beste Gruppe, gut lösen würden. Gymnasiallehrer meinten, fast 80 Prozent und Hauptschullehrer glaubten, 60 Prozent ihrer Schüler würden es schaffen. Tatsächlich gelangen diese anspruchsvollsten Aufgaben nur 0,3 Prozent der Hauptschüler, also praktisch keinem. Und auch bei den Gymnasiasten waren es keine 30 Prozent. In Hauptschulen wurden Lehrer außerdem gefragt, wie viele Schüler ihrer Klasse wohl zur so genannten Risikogruppe gehörten. Das sind die Fünfzehnjährigen, die im Lesen nur Grundschulniveau oder nicht einmal dieses erreichen. Von neun dieser zehn sehr schwachen Schüler wussten die Lehrer nicht, dass es um sie brenzlig steht.

Im Unterricht lernen deutsche Lehrer ihre Schüler kaum kennen. Die Stunden laufen schematisch ab. Auch das hat etwas Beschämendes, zumindest mangelt es dieser Schulkultur an Respekt. Aus Beobachtungen im Mathematikunterricht haben Jürgen Baumert und seine Kollegen ein „heimliches Skript“ heraus präpariert. Das geht so: Hausaufgaben präsentieren; neues Thema einführen; dieses im Gespräch, aber nach einem feststehenden Plan entwickeln; dann Übungsaufgaben stellen und schließlich Hausaufgaben aufgeben. Dieses Schema üben Referendare ein. Es heißt „fragend entwickelnder Unterricht.“ Der Lehrer hat ein Ziel fest im Blick und will, dass die Schüler seinem Weg folgen. Nach 20 Minuten ist er gewöhnlich angekommen und sagt dann, „das haben wir nun rausgefunden.“ Ein Satz, der die Lebenslüge dieses Verfahrens verrät. Tatsächlich laufen die Schüler häufig wie in der Hundeschule an der kurzen Leine und versuchen zu erschnüffeln, welche Fährte der Lehrer gelegt hat.

Baumert ist auch Gastprofessor an der Universität Fribourg in der Schweiz. Einmal hatte er Videos vom deutschen Matheunterricht mitgenommen. Die Studenten stöhnten nach kurzer Zeit, was sie da sähen, sei ja unglaublich. Baumert verstand erst nicht, was sie damit meinten. „Na, der Umgangston, “ sagten sie, „dauernd kränkende Bemerkungen von den Lehrern.“ Die Schweizer Studenten machten den deutschen Professor hellhörig für die „kleinen Abfertigungen“ von der Art: „Schon wieder der Fehler!“ „Habe ich das nicht schon viermal gesagt?“ Oder auch: „Ach komm schon, das weißt du doch.“ Neben Demütigungen beherrschten „Anmache und Anbiedern“ den Unterricht. Der Ton sei durchweg wenig respektvoll. „Abwertend und distanzlos“, urteilten die Schweizer Studenten.

„Und auf beides“, weiß Baumert, „reagieren Schüler enorm sensibel“. Viele ziehen sich zurück, andere gehen in Opposition und manche versuchen, sich vor Verletzungen durch Gefallsucht zu schützen. Wieder andere, deren Wunden zwar gut vernarbt sind, die Person aber mit gefühllosen Zonen überzogen haben, sagen am Ende: „Geschadet hat es uns nicht.“ Und da kommt da nun so ein Muñoz aus Costa Rica und will uns sagen, wo es lang geht. Ist doch beschämend.

Den UN Bericht im Wortlaut lesen Sie hier .

Die wöchentliche Kolumne "Wurzeln & Flügel" von Reinhard Kahl

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Leserkommentare
  1. Bayern war international mit rund 500 Punkten gerade mal Durchschnitt. Weit hinter Finnland und den Einwandererländern wie Kanada.
    Und obendrein mit mickrigen 19 % noch weit unter Durchschnitt, was den Anteil eines Geburtsjahrgangs angeht, der die Hochschulreife erwirbt.

    War Ihnen das jetzt direkt genug?

    • Anonym
    • 27. März 2007 11:42 Uhr
    2. @Geno

    es mag sein, dass die vorgeschlagenen Rezepte mangels Fachkompetenz nicht die richtigen sind.

    Allerdings haben wir das Problem, das in den Schulen ebenfalls Fchkompetenzmangel herrscht.
    Kaum ein Lehrer ist pädagogisch ausgebildet, vorherrschend ist die Fachlichkeit. Kein Wunder, das abgesehen von Talent und Erfahrung die Fehlerquote mindestens so hoch wie bei den Elternhäusern ist.

    • Geno
    • 26. März 2007 20:50 Uhr

    Was haben der Beruf eines Bundestrainers (Fußball) und der eines Lehrers miteinander gemeinsam? Antwort: Weite Teile der Bevölkerung erachten sich als ausreichend kompetent Ratschläge zu erteilen und Urteile zu fällen (immerhin war ja jeder einmal in der Schule - sogar Realschule, wie man liest), - aber keiner von diesen Kritikern wird jemals für die Konsequenzen seiner größtenteils praxisfernen Auslassungen zur Verantwortung gezogen.
    Die Mehrzahl der obigen Leserstimmen darf als eindrucksvoller Beleg für die Aktualität dieser alten Weisheit gelten.

    • Locke1
    • 23. März 2007 20:39 Uhr

    Zitat: 'Die Bildungsforscher fragten die Elite der Lehrer, definiert als diejenigen, die an Lehrplänen mitwirken und Schulbücher schreiben[...]'

    Hätten sich die Bildungsforscher nicht fragen sollen, warum diese angebliche Elite nicht (mehr?) Vollzeit lehrt, sondern viel Zeit weit weg von Schülern damit verbringt eben solche Lehrpläne und Bücher zu entwickeln? Werden nicht eben diese Lehrpläne von Bildungsforschern zu Hauf kritisiert - von Lehrern und Schülern erst recht?

    Das schlechte Abschneiden dieser 'Elite', was die Einschätzungen der Leistungen 'ihrer' Schüler angeht ist für mich nicht verwunderlich - die echte Lehrerelite findet man meiner Meinung nach in Mittelstufenklassen in allen Schulformen, wo Ruhe im Unterricht herrscht (nicht erzwungene Stille!); das sind Lehrer die meist jahrelang (denn im Endeffekt ist das Beruf, in dem die Lehrenden selbst viel Lehrgeld zahlen müssen - auch zeitlich) die Begeisterung für ihr Fach auch pubertierenden Jugendlichen mit (antiautoritärer) Erziehung(?) nahebringen können, indem sie ihren Unterricht jedesmal der Lerngruppe und deren Interessenlage anpassen.

    Ich bin mir sehr sicher - hätte man solche Lehrer gefragt - die hätten (in Kenntnis der gestellten Aufgaben) die durchschnittliche Leistung ihrer Klasse bis auf die Nachkommastelle angeben können.

  2. Die Einfuehrung des Prinzips 'nie beschaemen' haette wahrscheinlich tatsaechlich das Potential aus Deutschland ein anderes Land zu machen. Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere war die tatsaechlich in erster Linie dadurch gepraegt Beschaemungen zu vermeiden. Auch daran nicht nach der richtigen Loesung zu suchen sondern von der, von der man annimmt dass der Lehrer sie hoeren will kann ich mich gut erinnern. Mit ein wenig Begabung lernen viele Schueler Lehrer zu manipulieren anstatt sich Wissen anzueignen. Ok... vielleicht ist die Manipulation der Mitmenschen in Deutschland ohnehin der wichtigere Lerngegenstand.

    Eine Hypothese warum der Unterricht in Deutschland so beschaemend ist: Mir scheint dass es ein Paradigma ist, dass diejenigen das Lehramt ergreifen, die moeglichst here Ziele haben Kinder zu formen, umzuerziehen und nach ihrem Weltbild zu besseren Menschen zu machen. Dies muss in der Realitaet zwangslaeufig scheitern so dass Lehrer ueblicherweise nach wenigen Jahren frustriert und ausgebrannt sind. Dies lassen viele dann an ihren Schuelern aus.

    Moeglicherweise waeren da realistischer Vorstellungen was ein Lehrer bewirken kann und soll angebracht. Ergebnisorientierung und Evaluierung nach messbaren und nachvollziehbaren Masstaeben koennte ein Gefuehl fuer das Machbare und Erwartete schaffen. Statt der taeglichen Frustration der Lehrer die Welt doch nicht an einem Tag gerettet zu haben koennten sie sich ueber den Erfolg des tatsaechlich Geleisteten freuen.

  3. ... vielleicht wäre das aber auch ein Weg mit den Lehrern und dem Bildungssystem umzugehen und auch mit den Schülern.
    Einerseits zu verlangen, dass Schüler nicht beschämt werden, andererseits aber Lehrer zu beschämen, bei denen sicher auch Engagierte dabei sind, ist widersprüchlich.
    Was sollen Lehrer mit 30 Schülern und immer mehr Unterrichtszeiten machen? Wie sollen dabei individuelle Förderungen möglich sein?
    Anstatt auf Lehrer zu schimpfen, wäre es die bessere Lösung, zu fordern, dass in kleinere Klassengrößen mit ausreichender Anzahl an Lehrern investiert wird.

    So richtig klasse kann der Lehrerberuf nicht sein, wenn es kaum ein Lehrer schafft, das reguläre Pensionsalter zu erreichen.
    Die haben nicht etwa keine Lust, sondern dazu bedarf es einen amtsärztlichen Gutachtens und das gibt es nicht aus reiner Gefälligkeit.

    Gesamtschule dürfte kaum der richtige Ausweg sein, wenn es auch um 'Eliteförderung' gehen soll.
    Ganztagsschulen könnten - wenn Geld richtig eingesetzt wird - allerdings Chancengleichheit schaffen, weil dann nicht Schüler besser bei den Hausaufgaben dran sind, deren Eltern eine bessere Ausbildung haben (soweit die Erinnerung noch reicht) oder engagierter sind.

    Pisa hat dazu geführt, dass Lehrpläne überfrachtet werden.
    Nicht nur in der Schule, sondern auch in der Universität wird den Lernenden in vielen Bereichen nicht erst das Rüstzeug für das Lernen (Lernstrategien) und das Grundwissen beigebracht, sondern sie sollen ganz kreativ das Rad quasi neu erfinden. Das ist Zeit- und Resourcenverschwendung (zumal es ja nicht nur Kreative gibt). Probleme kann man doch erst dann erkennen, wenn man aufgrund von Wissen zumindest erahnen kann, dass man gerade nicht den Standard vor sich hat.

    Ein solides, gut abrufbares Grundwissen kann aber nicht mehr vermittelt werden, wenn die Stofffülle den Schüler quasi erschlägt.
    Fehler müssen natürlich angesprochen werden, weil nur deren Erkennen auch die Möglichkeit gibt, die Lösung zu suchen.
    Die Frage ist nur, wie Lehrer das vermitteln.

    Vielleicht ist es aber auch eher eine Frage, wie wir miteinander umgehen und welchen Frust wir dabei abbauen. Immer nur das Negative zu sehen und zu betonen, macht als Lebensperspektive nämlich wenig Freude.

    • wpev
    • 26. März 2007 9:14 Uhr

    Ob da in Finnland mehr begriffen wurde als bei uns? Kein (unnötiger) Ehrgeiz in Sachen Schulform? Wo es mangelt wird gefördert und unterstützt ohne weitere Form und Namensgebung? Macht das Kinder freier oder antriebslos? Es sollte von kompetenter Seite geprüft werden, es sollte umgehend ein Versuch gestartet werden.

  4. Was der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz aktuell anprangert ist korrekt. Er hat recht. Aber, das was er vorträgst, ist doch vielen Bürgern in diesem Lande bekannt. Nur die verantwortlichen Politiker handeln nicht, teilweise aus niederen Beweggründen. Entlarvend ist die Reaktion der Fach-Politiker, aber auch der Presse von BILD bis FAZ. Ganz besonders interessant war das 'Naserümpfen' in der Moderation von Herrn Kleber am Donnerstagabend im ZDF.

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