EU-Jubiläum Polen liebt Europa!

Die Regierung in Warschau bremst. Doch Polens Bürger mögen die EU - und wünschen sie sich größer. Türkei, Ukraine, Balkan: alle sollen dazugehören.

Der Autor ist Brüsseler Korrespondent der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Sein Beitrag ist der neunte in einer unregelmäßigen Reihe von Kommentaren, mit denen Korrespondenten europäischer Tageszeitungen auf ZEIT online die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands begleiten.

Um es deutlich zu sagen: Im allgemeinen sehen die Polen die Zukunft Europas und ihren zukünftigen Platz darin sehr optimistisch. Polen ist erst seit drei Jahren Mitglied der EU, aber schon jetzt gehören die Polen zu den wenigen überzeugten EU-Befürwortern. In Umfragen (darunter das berühmte "Eurobarometer" vom Mai 2006) tendieren die meisten polnischen Bürger nicht nur dazu, Europa für eine gute Sache zu halten, sondern sie halten auch die Richtung für gut, in die sich die EU entwickelt. Außerdem haben mehr Polen (im Vergleich zum europäischen Durchschnitt) positive Assoziationen bei den Wörtern "Europäische Union". Sie denken dabei an Einheit, Gleichheit, Reisefreiheit und Geschäftsmöglichkeiten. Ganz gleich also, wie die europäische Konstruktion zukünftig aussehen wird: Die Polen werden sie wahrscheinlich mögen.

Soweit das allgemeine Bild. Geht man ins Detail, stellt man schnell fest, dass es mehrere konkrete Aspekte der Aktivität der EU gibt, bei denen die Polen hohe Erwartungen hegen und bei denen sie sich viel mehr "europäische" Beteiligung wünschen. Jawohl. Es mag überraschen, aber Polen haben eine sehr eigene Sichtweise der zukünftigen EU-Integration. Hier muss unbedingt zwischen der öffentlichen Meinung in Polen und der Meinung der amtierenden polnischen Regierung unterschieden werden, denn diese gehen an entscheidenden Punkten diametral auseinander.

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Erstens sind die Polen interessierter an einer weitergehenden politischen Integration der EU, als es ihre Regierung ist. Dies scheint ein Paradoxon zu sein (schließlich haben die Polen diese Regierung ja gewählt). Aber es ist eine Tatsache. Die überwältigende Mehrheit der Polen unterstützt das Projekt einer europäischen Verfassung, während der Widerstand der polnischen Regierung dagegen allgemein bekannt ist.

Dasselbe gilt für den Euro: Die Mehrheit der Polen (wenn auch keine überwältigende Mehrheit) ist für die Einführung des Euro in Polen und allen EU-Ländern, während gleichzeitig die Regierung Vorbehalte dagegen geltend macht.

Aber der Euro ist lediglich der Anfang. Die Polen scheinen darauf zu drängen, der EU in vielen Bereichen mehr Macht zu verleihen, beispielsweise beim Thema Arbeitslosigkeit, dem Sicherstellen wirtschaftlichen Wachstums, dem Umweltschutz und der Landwirtschaft. Bemerkenswert ist auch, dass gemäß der jüngsten Umfragen nur 19 Prozent der polnischen Bürger gegen die Idee sind, der EU eine Entscheidungsbefugnis über die Energieversorgung zu verleihen! Dies ist wahrscheinlich eines der pro-europäischsten Ergebnisse des gesamten Kontinents.

Leser-Kommentare
  1. Zynismus oder ernst gemeint? Beides wäre bedauerlich!

  2. Zynismus oder ernst gemeint? Beides wäre bedauerlich!

  3. der braucht einen Tritt in den Hintern, und zwar kraeftig, wie alle Betrueger, Heuchler und Trittbrettfahrer!

    Ich kann nur noch einmal deutlich sagen:

    mehr und mehr sind auch die Niederlaender neben den Polen solche erbarmungswuerdigen Gestalten, die die Hand aufhalten aber Weltpolitik spielen wollen!

    Unverschaemtes Volk, so wie die Polen!

    Europa muss Grossmacht werden!

  4. eine Welt und den Weltfrieden!

    Das meine ich offen, das meine ich ehrlich!

    Ich meine es auch ehrlich mit jedem Erdenbuerger, jeder soll seine Chance haben, wenn er schlechte Chancen hat, gestuetzt und gefoerdert werden!

    Das aber bekommen wir nicht durch die heute bestehende Supermacht oder Grossmaechte!

    No!

    Europa ist noch am sozialsten, gerechtesten, am wenigsten kriegstreiberisch!

    Also bitte: Supermacht Europa!

    Das ist fuer mich zur Zeit die beste Alternative!

  5. 5.

    Na, na, dieses Supermachtdenken halte ich für gefährlich und darum geht es auch gar nicht. Ziel sollte es doch eher sein, dass, was als kantisches Projekt bezeichnet wird, voranzutreiben; also eine Verrechtlichung auf globaler Ebene voranzutreiben. Das geschieht auch. Und beispielsweise der Konflikt zwischen EU und den USA zum Irakkrieg lässt sich eher als ein pathologischer Ausnahmefall als die Regel begreifen, was die Einhaltung von Völkerrecht betrifft. Man darf die Werteverwandtschaft zwischen den USA und Europa nicht vergessen. Die geht aus historischen Gründen ziemlich tief: Man denke nur daran, dass die Constitution of America maßgeblich auch von deutschem Gedankengut, namentlich von Wolff und Puffendorf beeinflusst wurde. Das andererseits das demokratische Europa, wie es heute besteht, ohne die Einflussnahme der USA( und Überwindung des traditionellen Isolationismus ) nicht möglich gewesen wäre. Davon abgesehen ist es interessant, wenn man ein amerikanisches VWL-Lehrbuch liest( ich lese grad dasjenige von Samuelson), dass sich die wirtschaftspolitischen Fragestellungen in den USA und in Europa nicht einmal so sehr voneinander unterscheiden. Es gibt Unterschiede zwischen Europa und den USA. Es gibt aber auch Unterschiede innerhalb der europäischen Staatenfamilie; aber bei allen Unterschieden, die gelegentlich auch zu Konflikten führen, sollte man das Gemeinsame, das den weit überwiegenden Teil des Staatenverhältnisses ausmacht, nicht vergessen.

    Eine schöne. neue Welt lässt sich nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen; sieht man aber die Welt vor 70 Jahren, und betrachtet man die heutigen Verhältnisse, so hat sich vieles zum Guten gewandelt. Immehin ist ein Krieg zwischen europäischen Staaten oder einem europäischen Staat und den USA völlig undenkbar. Das ist eine Entwicklung, die nicht nur Europa und die USA betrifft, sondern eine Entwicklung, die globalerer Natur ist, die aber sicherlich ihre Ursache in dem Siegeszug internationaler Organisationen findet.

    Als nächster Schritt wird sich vielleicht so etwas wie eine globale Zivilgesellschaft entwickeln. Vertrauen ist viel wichtiger als Macht!

    • Geno
    • 24.03.2007 um 11:51 Uhr

    Zum Thema 'europäischer Geist' und PL nur soviel: Dieses Land hat mehrfach in seiner üner 1000-jährigen Geschichte christlich-abendländische Werte verteidigt, ohne dabei unmittelbare nationale Interessen zu verfolgen. Mit Jan Sobieski, der 1683 den Belagerungsring der Osmanen um Wien sprengte sei nur ein Bsp. für die jahrhundertealte Rolle Polens als 'antemuralis christianitis' genannt.
    Zum Thema Friedenssicherung und PL nur soviel: es war nicht kluge Diplomatie o.ä. seitens einer so hochgepriesenen EU, die den Sowjet-Totalitarismus zu Fall brachte und damit den kalten Krieg in Europa beendete. Vielmehr waren es mutige Menschen, die 1980 in Gdansk mit Solidarnosc die erste freie Gewerkschaft im Ostblock gründeten und damit den ersten Schritt zur Beseitigung des Kommunismus im östlichen Teil dieses Kontinents machten.
    Zum Thema Integrationsbereitschaft Polens in Staatenbündnisse: Wo waren die Verbündeten Polens (GB/F), als 1939 Hiterdeutschland (+ Stalins UdSSR) in das Land einfielen und es erklärtermaßen von der Landkarte tilgen wollten?? Nach so viel bitterer Erfahrung dieses Landes mit 'befreundeten Nationen' (und der erwiesenen Handlungsunfähigkeit der EU in bewaffneten Konflikten - vgl. YU, Bosnien, Kosovo, wo schließlich die USA angesichts einer zerstrittenen EU die Initiative an sich reissen mußten) sollte man diesem Land ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber dem Wert von Staaten-Bündnissen zubilligen.

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    Der Autor schreibt: "1000-jährigen Geschichte christlich-abendländische Werte verteidigt, ohne dabei unmittelbare nationale Interessen zu verfolgen. Mit Jan Sobieski, der 1683 den Belagerungsring der Osmanen um Wien sprengte sei nur ein Bsp. für die jahrhundertealte Rolle Polens als 'antemuralis christianitis' genannt."

    Das mag die polnische Sichtweise sein, aber sie trifft nicht zu!

    Zum Beispiel Jan Sobieski war der höchste Adlige in der Schlacht um Wien und deshalb wird ihm der "Ruhm" zugesprochen "die Schlacht gewonnen" zu haben, aber man sollte sich vorher am Ort des Geschehens informieren. Im militärhistorischen Museum in Wien kann jeder lesen, daß die polnische Reiterei in den Vormittagsstunden fast vollständig aufgerieben wurde und der polnische König nur mit Mühe und Not seinem Tod entfliehen konnte. Am Nachmittag hat dann die waldecksche Reiterei (Protestanten!) die türkischen Linien angegriffen und hat die Janitscharen überrannt. Dadurch wurde die Schlacht um Wien gewonnen und als Belohnung wurde die Grafen von Waldeck in den Fürstenstand erhoben.

    Der Autor schreibt: "1000-jährigen Geschichte christlich-abendländische Werte verteidigt, ohne dabei unmittelbare nationale Interessen zu verfolgen. Mit Jan Sobieski, der 1683 den Belagerungsring der Osmanen um Wien sprengte sei nur ein Bsp. für die jahrhundertealte Rolle Polens als 'antemuralis christianitis' genannt."

    Das mag die polnische Sichtweise sein, aber sie trifft nicht zu!

    Zum Beispiel Jan Sobieski war der höchste Adlige in der Schlacht um Wien und deshalb wird ihm der "Ruhm" zugesprochen "die Schlacht gewonnen" zu haben, aber man sollte sich vorher am Ort des Geschehens informieren. Im militärhistorischen Museum in Wien kann jeder lesen, daß die polnische Reiterei in den Vormittagsstunden fast vollständig aufgerieben wurde und der polnische König nur mit Mühe und Not seinem Tod entfliehen konnte. Am Nachmittag hat dann die waldecksche Reiterei (Protestanten!) die türkischen Linien angegriffen und hat die Janitscharen überrannt. Dadurch wurde die Schlacht um Wien gewonnen und als Belohnung wurde die Grafen von Waldeck in den Fürstenstand erhoben.

  6. Giertich und Kwasniewski - Das sind so politische Erscheinungen, die mich und sicher auch viele andere Europäer eher verschrecken.

    Aber der Liebenswürdigkeit Polens und der Polen und Polinnen tut das letztlich keinen Abbruch.

    Freilich wäre es schön, wenn sie vielleicht nicht länger Breszinski-Nostalgie und der US-Politik nachhängen, und mit Busch und Blair Großmannskomplexe pflegen würden. Aber das wird sicher noch. Man kann nicht ewig die gleichen Kartoffeln goutieren.

    • Anonym
    • 26.03.2007 um 15:12 Uhr

    immer wenn ich in polen bin oder nachrichten von dort mitbekomme muss ich an die unheimlich freundlichen, offenen und selbstbewussten menschen dort denken. leider lassen sich immernoch viel zu viele menschen von propaganda stoiber'scher prägung beeinflussen und meinen, obwohl sie keinen blassen schimmer von irgendwas haben, an ihrem wesen solle die welt genesen. apropos, den stoiber hätten wir ja fast als kanzler... was der alles verzapft hätte, da können wir den polen doch auch mal ihre wahl verzeihen ;-)

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